26.01.2008 - 31.01.2008

26.01.2008 Samstag

 

Nach dieser Woche war ich so K.O. dass ich tatsächlich so was wie ausschlafen konnte: 8.15 Uhr. Ich wartete bis Mrs. Chege aus dem Haus war, dann ging ich Frühstücken. Kate, eine Freundin von Esther, war wieder da, ich wärmte für alle Chapati vom Vorabend und dazu tranken wir Chai. Chai.. vor Kenia wurde mir schlecht von Tee mit Milch, inzwischen habe ich mich so daran gewöhnt, dass ich den Tee ohne Milch nicht mehr mag. Gut.. Chai besteht aus ¾ Wasser und ¼ Milch, einem Löffel Teepulver und viiiiel Zucker.

 

Diesen Vormittag wollte ich ausprobieren, wie lange es dauern würde, wenn ich zu Fuss zum Happy House gehe. Ausserdem wollte ich Vivianne besuchen, die heute den ganzen Tag in der Schule sein musste. Jeden Samstag muss eine der Lehrerinnen in der Schule sitzen, im Falle das Eltern vorbei kommen oder so was, sie wissen es selbst nicht genau und es ist für nichts.

Ich marschierte 40 Minuten im Laufschritt wie immer, einen Teil des Weges wurde ich von einem Typen begleitet, der mir sagte, er sei Buddhist und dann fragte, ob ich Gott sei. Ich sagte „of course“ und ich musste abbremsen, weil er sich vor mich hinstellte und sich verneigte. Weil ich ihn ignorierte, begann er zu schreien, ich sei nicht Gott, ich sei der Antichrist. Dann überquerte ich die Strasse, so schnell zwischen den Fahrzeugen hindurch, dass er mir nicht folgen konnte, und war ihn endlich los.

Vivianne freute sich über meinen Besuch. Wir malten Papierenten an, um die Wände zu verzieren, ich schnitt die Nummern 1-10 aus, um ebenfalls an die Wand zu kleben, Fasste Hefte ein, beschriftete sie und versorge Vivianne mit Schokolade und Filzstiften. Alles zu lauter Musik aus dem Radio, seit gestern haben wir zwei CDs mit Kinderliedern – ich kann sie schon nicht mehr hören, sie laufen mir nach:

            Itsy-Wintsy spider went up the water spout

            Down came the rain and washed the spider out

            Out came the sun and dried up all the rain

            And the Itsy-Wintsy spider went up the spout again

 

Oder

 

Twinkle twinkle little star, how I wonder what you are…

 

Die Schule war voller Leute, Vivianne war wirklich für nichts gekommen. Auch die Direktorin war da, sie kam ins Zimmer und begann zu reden, ohne auf mein Hallo zu reagieren. Es ist schrecklich, wie streng sie mit anderen Leuten redet, alle herumkommandiert wie Sklaven. Sogar ihren Boyfriend behandelt sie so, er kam die letzen paar Tage in die Schule und bekam von ihr den Auftrag, Fotos von Allem und Jedem zu schiessen. Er ist weiss, aber nicht der Vater ihrer Tochter, wie ich geflüstert bekam. Jaja, sie möge die Muzungus. Wie kann sie zweimal den gleichen Fehler machen, tztzt, haha.

 

Auch Chalous war in der Schule (der eigentliche Kondakta des Schulbusses, bis ich den Job übernahm und er nun nur noch mitfährt jeden Morgen, weiss auch nicht wieso). Wie Richard verpasst auch er keine Chance, mich freundlich zu berühren. Irgendwann diese Woche hatte er gefragt, ob wir mal etwas zusammen machen können am Wochenende, bevor ich nach Hause zurück gehe und ich hatte nichts verstanden, weil die Kinder so einen Lärm machten und einfach zu allem „ja“ gesagt.

Als ich das Happy House nach dem Mittag verliess, sagte er, er würde mich hinaus begleiten. Er öffnete für mich das Tor, ich ging hinaus, sagte Danke und schönes Wochenende, doch er bestand darauf, mich an die Strasse zu bringen. Dann fragte er, ob ich nächsten Samstag Zeit habe und ich gab mich geschlagen. Was er denn unternehmen wolle. Er schaue mich in der Stadt herum (bin ja noch nie dort gewesen), dann gehen wir auf einen Drink und nennen das Ganze ein Date. Mein Plan für nächstes Wochenende sieht etwas anders aus: Ich schlafe aus, wasche, gehe gegen Mittag in die Stadt, lasse mich von Chalous zum Lunch einladen und habe dann am Nachmittag etwas anderes vor. Sie wollen mich ausnützen? Dann darf ich auch sie ausnützen.

In der Stadt gings dann gleich weiter, doch ich hatte einen guten Tag heute und konnte es alles hinnehmen. Es gibt wirklich Typen, die glauben, ich würde in ihr Taxi steigen, wenn sie „Here! Taxi, Babe“ rufen. Oder dass ich  in einem Shop etwas einkaufen würde, dessen fetter alter Ladenbesitzer mich mit Augengezwinker zum Eintreten auffordert.

 

Das Matatu nahm eine andere Route auf dem Heimweg und ich hatte vergessen zu fragen, ob es wirklich nach Container gehe. Doch weil ich jeden Tag mit dem Schulbus durch ganz South C rattere, kenne ich mich nun so gut aus, dass ich immerzu wusste, wo wir waren und dass wir uns auf dem richtigen Weg nach Container befanden. Praktisch.

 

Als ich um 20.00 Uhr nach Hause kam, rief mich die Chege zu sich. Sie stellte mich Grace vor, die in einer dunklen Ecke im Wohnzimmer gesessen hatte, so dass ich sie gar nicht gesehen hatte.

Dies sei Grace, sie werde hier im Haus helfen, weil Esther ja zurück zur Schule gehe. Und dann ging sie ohne Zwischenpause dazu über, mir zu erzählen, wie Grace ende Dezember überfallen und festgehalten wurde, bis ihre Schwester 5000 Schillinge brachte, um sie freizukaufen. Grace wurde aufgefordert, die Geschichte zu bestätigen. Und das war um 8 Uhr abends. Und meine Tochter, sie wurde auch überfallen, im Haus, und mein Schwiegerbruder wurde ermordet uuund so weiter. Und irgendwie passierte dies alles um 20.00 Uhr. Ich werde NICHT auf den Wink mit dem Zaunpfahl reagieren, wenn ich nun vor 8 nach Hause kommen muss, soll sie es gefälligst sagen. Oder besser, einen netten Brief schreiben.

 

Ich wandte mich dann Grace zu und fragte, ob sie in Nairobi lebe. Ich wiederholte die Frage noch zweimal, dann sagte sie: „I came here to clean“.  „Yes, but do you live in Nairobi“.  „I came and I will stay for the night”. Okay, sie lebt NICHT in Nairobi, soviel steht schonmal fest.

 

Esther kam wieder mal und wollte einen Film schauen. Sie ist aufgedreht, weil sie Montags geht, erst zu ihrem Freund und dann am 10. Februar nach Hause. Das sind fast drei Wochen, bis dahin ist sie auf alle Fälle schwanger, wird ein Leben lang im Haus ihres Vaters leben, geduldet zwar, aber wohl nur noch als Haushalstshilfe.

Ich hatte keine Lust auf einen Film, es war schon spät, und sagte, ich hätte keinen, was sie nicht glauben wollte. Ich zeigte ihr dann Fotos von meiner Familie, und sie fragte bei jedem Bild aufs Neue, „who’s this?“, obwohl immer die gleichen vier Personen auftauchen, in den gleichen Kleidern. Dann geht sie an meinen Schrank und entdeckt die Migros Budgets Bleistifte. „Give me this for the children“. Ich verneinte, weil mich die Art wütend machte, wie sie „fragte“. Und dann fragte sie: „What do you give me tomorrow? You know I go home”. Ich war nahe daran, sie rauszuschmeissen. Sie ging dann von selbst, als ich den Computer ausschaltete.

Esther ist anstrengend, doch wir hatten es auch gut. Wenn wir zusammen in der Küche waren und über die Chege ablästerten. Diese fragt Esther immer aus über mich, aber sie würde nie etwas sagen ausser „ich weiss es nicht“. Die Chege fragte sie zum Beispiel, ob ich mich denn mit Frauen oder Männern treffe. Und immer, wann ich nach Hause gekommen sei und wann ich am Sonntag aus dem Haus gehe und ob ich in der Kirche war.

 

Am Montag kommt ein Besucher und Mrs. Chege sagte mir, ich müsse für die Nacht ins obere Stockwerk umziehen, weil sie keinen Mann will im ersten Stock. Ich werde aber sowieso nicht da sein, was ich ihr aber noch nicht erzählt habe, denn am Montag ist gratis Kino in der Alliance Française und der Film wird nicht vor halb 9 fertig sein, also kann ich nicht mehr nach Hause.

 

 

27.01.2008 Sonntag

 

Ich hätte geschlafen!! Esther riss um HALB ACHT die Tür auf und rief „aufwachen“. Ich reagierte nicht, bis sie mein Bett zu schütteln begann und die Matratze zur Seite kippte. „You’re supposed to go to church, get up!“ Noooooo. Der Gottesdienst beginnt um 11 Uhr, und überhaupt, RAUS!

Ans Einschlafen war nun nicht mehr zu denken, der TV lief, am Wochenende kommen immer all diese Priester im Fernseher, und heute war wieder mal der an der Reihe, der ich schon an seiner schrecklichen kratzigen Stimme erkenne und der so rumbrüllt damit. Es hört sich schmerzhaft an. Gestern Abend kam eine Live Übertragung aus Mombasa, der selbe Priester hatte besessene Leute geheilt. Verstanden habe ich nicht viel, es war in Kiswahili, aber ablaufen tat dies folgendermassen: Die Leute stellten sich in einer Reihe an, um nacheinander behandelt zu werden. Wer an der Reihe war, wurde gefragt, was ihr (es waren ausschliesslich Frauen) Problem sei. Sie sprachen ins Mikrofon und weinten. Dann gab ihnen der Priester einen Schups, sie fielen in die Arme einer Hilfsperson, die sie sanft zu Boden gleiten liess. Dann begannen sie sich auf dem Boden herumzuwälzen und zu zucken, während der Priester auf sie einschrie. Einige rollten über die halbe Bühne, der Priester rief „Toka, Toka sassa!“ (Raus, verschwinde, verschwinde jetzt – er sprach zum Dämon, es sind aber die selben Worte, die ich verwende, um all zu lästige Anhängsel loszuwerden auf der Strasse). „you shall be free“ und die Frauen standen auf und waren geheilt.

Ich hoffe, Mrs. Chege fordert mich nochmals auf, mit ihr zur Kirche zu gehen, dann sage ich ihr, dass ich nicht so tun müsse, als würde ich mit Gott leben und aus Angst zur Kirche gehe, mir würde nicht vergeben werden für all die Schandtaten, die ich Tag ein Tag aus begehe wie gewisse andere Leute! Ich habe diese Heuchelei hier so satt, all diese Sticker und Bilder in Häusern und Matatus! So wie die Tafel hier: „The family that prays together stays together“. Ja, Mrs. Chege, wo ist denn deine liebe Familie? Wo sind denn deine Kinder, die dich NIE besuchen kommen.

Wie auch immer, wenn ich schon mal wach bin, kann ich gerade so gut in die Kirche gehen. Ich mag die Floras Church sowieso, ich mag den Pfarrer, er nimmt immer Bezug auf aktuelle Dinge, die hier im Land laufen, verknüpft sie mit biblischen Geschichten. Und die Musik mag ich auch, der mit Trommeln und rasseln begleitete Gesang, die fremdartigen Worte, die aber immer vertrauter werden. Wenn ich mitlese, was gesungen wird, kann ich schon recht viel verstehen, die Texte sind den unsrigen sehr ähnlich und man kann dann leicht Zusammenhänge knüpfen, wenn man ein paar Worte versteht. „Bwana“ (Gott), „kweli“ (Wahrheit), „na kutcha“ (wird kommen) usw.

 

Vier neue Exchangees sind nach Kenia gekommen oder kommen noch – anstatt 12, wie ursprünglich kommen wollten. ICYE hält es nicht für nötig, uns bald einmal zu sagen, wann das MidYearCamp sein wird. Wahrscheinlich schreiben sie am Freitag eine Mail, dass es am Samstag beginne, so dass es auch alle mitkriegen.

 

Heute war ich schon um halb acht im Haus und das freute Mrs. Chege. Sie sagte, das sei die Zeit, wo ich nach Hause kommen sollte. Esther und Grace waren in der Küche, ich gesellte mich zu ihnen und begann, den Kohl zuzubereiten. Esther kommandierte mich herum und sagte Grace, wie praktisch es sei, dass ich alles mache und sie nur noch das Ugali kochen müsse – und glaubte, ich verstünde sie nicht! Grace sagte, sie würde mir jetzt Kiswahili beibringen, meinetwegen. Ich fragte Esther, was „pia“ heisse. Es heisst „auch, ebenfalls“. Sie fand dann, ich solle sie bezahlen, sie lehre mich Kiswahili. Vergiss es! Gekauft hatte ich ihr nichts, mir war einfach nichts eingefallen und dann verliess ich den Supermarkt und vergass es sowieso.

 

Ich musste dann in ein Zimmer im oberen Stockwerk umziehen, weil morgen ein Gast kommt, der einen Monat bleiben wird. Ein Missionar aus Indien. Das Zimmer ist dreckig wie alle anderen auch im Haus, aber ich fand hier Pedros Moskitonetz, von dem er mir erzählt hatte. Leider muss ich mir erst noch Schnur beschaffen, bevor ich das Ding aufhängen kann, weil es nicht kegelförmig ist wie ein Tippi, sondern muss an vier Ecken aufgehängt werden. Doch die Wände sind zu weit weg, muss mir Schnur organisieren. Das Bett ist besser hier, ich werde wohl nicht mehr ausgeschüttet werden am Morgen – immerhin.

 

 

28.01.2008 Montag

 

Stress am Morgen, weil ich keine Stromschiene habe in meinem neuen Zimmer und den Föhn nicht in die Steckdose kriege. Treppe Rauf und Runter, weil auch mein Badewasser unten ist. Esther sagt mir, ich könne die Stromschiene mitnehmen. Ich zerre sie aus der Steckdose, wo sie wohl seit Jahren steckte… und ein Stift brach ab (was ich aber gerade erst jetzt, wo ich den PC einstecken wollte, festgestellt habe… Wie bringe ich das der Mrs. Chege bei, und der neue Gast hat nun wohl gar keine Steckdose, denn der Stift ist wohl noch irgendwo dort drin&hellip

 

Die Alte kam extra aus ihrem Zimmer hervor, um mir zu sagen, dass ich immer das Licht ausschalten müsse, wenn ich das Zimmer verlasse, weil sie so viel für Strom bezahle. Das mache ich sowieso. Aber anscheinend hat am Vortag in meinem Zimmer den ganzen Tag das Licht gebrannt. Hatte aber am Morgen kein Licht gemacht, weil es schon hell war, als ich aufwachte… vielleicht Esther, oder vielleicht war dort kein Licht und sie wollte mich einfach eine weitere Regel wissen lassen.

 

Esther weiss, dass ich um 7 Uhr aus dem Haus gehe, doch um viertel vor geht sie raus, um was weiss ich was zu tun und kommt nicht zurück. Natürlich hat sie abgeschlossen und ich kann nicht raus. Ich flashte sie, bis sie ENDLICH auftauchte. Wir sagten uns auf wieder sehen, werden uns aber wohl nie wieder sehen. Sie geht heute.

 

Wieder über eine halbe Stunde warten auf den Bus, aber immerhin hat jemand einen Stein platziert an der Stelle, wo ich immer stehe – jetzt kann ich sitzen (=

 

Ich mag das Bestrafungssystem hier nicht. Gut, immerhin werden die Kinder nicht geschlagen, aber trotzdem: Kimberly wollte irgendwas nicht tun in der Klasse, lesen oder schreiben. Zur Strafe musste sie zu uns in die Babyklasse sitzen kommen und die Babies wurden aufgefordert, auf sie zu zeigen und sie auszulachen.

Auch werden die Kinder angeschrieen, wenn sie nicht ihre Schulpullover tragen, sondern einen anderen Sweater oder eine Jacke. Dabei können die Kleinen nichts dafür, die Eltern ziehen sie an.

Auch machen die Lehrer die Kinder fertig, die nicht ins Wasser hatten gehen wollen letzten Donnerstag. „Du solltest zurück in die Babyklasse, warum heultest du so?“ usw..

Belinè herrscht die Kinder sowieso immer in einem schrecklichen Ton an, ich glaube, sie ist überfordert. Vivianne wird selten laut, und doch hat sie die Kinder im Griff. 

 

Am Mittag setzten sich die Lehrer zur Aussprache zusammen. Auch hier geht ganz viel Geläster durch Gänge und Räume. Irgendjemand hat in der Küche gelästert, die Lehrer der Vorschulklassen (wir) bringen den Kindern nichts bei, sondern würden nur auf die Pausen warten.

Ja, heute haben wir die Babies eineinhalb Stunden im Sand spielen lassen. Die Forderungen sind einfach übertrieben, es ist sooo schwer, die 2-3 Jahre alten Kinder über 40 Minuten lang beisammen zu halten, um etwas zu lernen oder auch eine Geschichte zu erzählen. Schon nach 20 Minuten werden sie unruhig, da kann das Märchen noch so spannend sein. Sie sind noch so klein, sie sollten doch vor allem spielen dürfen. Und indem sie mit verschiedenen Materialien spielen wie Sand, oder Wasser wie letzten Freitag, lernen sie ja auch.

Die Direktorin hat nun den Auftrag gegeben, auch den Kindern in der Babyklasse Hausaufgaben zu geben! Das ist wirklich Blödsinn, die meisten können kaum einen Stift halten und ihn schon gar nicht gezielt führen, um etwas auszumalen, zu zeichnen oder gar zu schreiben!

 

Vor dem Essen und vor der Heimfahrt mit dem Bus wird übrigens immer gebetet. Manchmal fünf mal hintereinander, bis die Lehrerinnen endlich bestimmen, dass es nun deutlich und laut genug war:

„Thank you Lord for the good food. We ask you to bless it as we take it. Amen!”

“Thank you Lord for the good day. And for the good care, from morning till now. We ask you to bless us as we go, Amen.

Richard wollte, dass ich zu ihm nach Vorne sitzen komme, damit er mit mir sprechen kann. Er sagt mir, wie schön ich heute aussehe, dass wir ein Foto zusammen machen sollten, damit er mich nie vergesse, dass er noch nie zuvor Muzungufreunde hatte -  wir seien doch gute Freunde, oder? – wann dass er mich denn zu sich nach Hause einladen könne usw. Und er verpasst wiederum keine Gelegenheit, mich zu betatschen. Er entschuldigt sich dafür, dass ich seine Tasche auf dem Schoss halten muss und tätschelt mein Knie: Sorry for that. Ich liess mich dann frühzeitig absetzen, um endlich loszukommen.

 

Ich ging in die Stadt und mit den anderen ins Gratiskino auf der Alliance Francaise. Habe den Titel vergessen, jedenfalls so ein richtig französischer Film, der weder viel Sinn noch ein richtiger Beginn geschweige denn ein Ende hat… aber ich mag diese Filme. Der Chege hatte ich gesagt, dass ich nicht nach Hause komme, denn es würde lange nach neun Uhr sein.

Die Uni ist immer noch geschlossen, die fünfte Woche Verspätung! Studenten, die zu weit von der Uni weg wohnen, um jeden Morgen von zu Hause zu kommen, aber genug Geld haben, um nicht auf dem Campus wohnen zu müssen, leben als Untermieter in Häusern in der Nähe. Weil die Studenten noch nicht zurückgekehrt sind, bleiben die Räume unbenutzt, und ich habe den Schlüssel zu einem dieser Räume und kann dort übernachten, bis die Universität öffnet. Ganz praktisch, und mitten in der Stadt ist es, so dass ich am Morgen dann problemlos nach South C zurück komme.

 

 

29.01.2008 Dienstag

 

Habt ihr schon mal um 6 Uhr in der Früh geputzt? Das war der Deal; ich darf hier bleiben, muss aber das Zimmer putzen. Also, wischen und den Boden feucht aufnehmen. Um 7 war ich in der Stadt und genehmigte mir einen Kaffee, eigentlich nur, um die saubere Toilette benutzen zu können. Dann nahm ich ein Matatu und fuhr nach South C zurück. Kurz vor den Kindern war ich im Happy House.

 

Wir versuchten heute, den Kindern Farben beizubringen. Sie wurden dazu aufgefordert, verschiedenfarbige Klötzchen zu ordnen. Rot zu Rot, Blau zu Blau usw. Kimberly, das neue Mädchen, verstand es nicht, und auch die dicke Elsi machte alles falsch. Vivianne resignierte total, als würden sie es NIE lernen, dabei ist doch klar, dass es nicht bei allen auf Anhieb klappen kann… Auch Nana hat sie schon aufgegeben, die immer „8“ antwortet, wenn ihr die Nummer „1“ gezeigt und sie gefragt wird, welche Nummer das sei. Vielleicht macht sie es sogar extra, sie ist nämlich clever, nur unglaublich stur.

 

Vor dem Mittagessen konnten/mussten die Kinder reiten gehen. Zwei Pferde waren zur Schule gebracht worden. Erst durften alle Kinder, die sich freiwillig auf die Pferde setzten, eine Runde reiten, während die anderen stillsitzen und warten sollten, dann setzten sich zwei Lehrerinnen auf die Pferde und die restlichen Kinder wurden dazu gezwungen – von den Lehrerinnen festgehalten – ebenfalls zu reiten. Mit Elsie, die aus Leibeskräften schrie und zappelte, klappte es nicht, sie ist zu schwer, um festgehalten zu werden.

Auch hier wieder Zwang – they have to get used to it! Dabei haben einige wirklich Angst. Danzel pinkelte mich an, als ich ihn auf dem Arm hielt und versuchte, mich mit ihm einem der Pferde zu nähern. Nicht so schlimm, stank sowieso schon zum Himmel, Marta hatte sich am Morgen auf meine Jeans übergeben.

 

Während dem Essen kam eine Frau zu mir, die ich zwar schon in der Schule gesehen hatte, die aber nie mit mir gesprochen hatte. Sie sagte, sie möchte mich gerne zu sich nach Hause einladen. Ich sagte okay und sie ging weg, auch wenn ich immer noch nicht wusste, wer sie war.

Später kam sie dann noch Mals zu mir und sagte, sie sei Ryans Mutter, Regina. Ich glaube, sie arbeitet auch hier in der Schule, weiss nicht was genau, werde sie fragen. Irgendwie habe ich die Vermutung, dass Elise, die Direktorin, den Auftrag gegeben hatte, mich zu unterhalten. Ich hatte ihr am Morgen gesagt, dass ich nun doch noch etwas bleiben würde, wenn möglich. Klar, „we are so happy to have you!“. Vor allem Vivianne, denn keine weitere Lehrperson wird angestellt, und wenn ich gehe, ist sie alleine mit den ganz kleinen Kindern.

 

Nach dem Essen wurden die Kinder dann in den Bus gepackt und nach Hause gebracht, wegen den Unruhen, die wieder herrschen in der Stadt. Chaos im Slum. Fahad, ein Baby das wirklich noch nicht reif ist für die Schule, denn er kann keine Minute stillsitzen und zuhören – ist auch dumm, dies zu verlangen, er ist zwei Jahre alt -  hatte uns den ganzen Tag auf Trab gehalten, weil er immer davon lief. Ich hielt ihn im Bus auf dem Schoss, weil er sich nicht selbst halten kann bei dem Gerüttel, eine andere Lehrerin spielte den Kondukteur heute. Wir waren fünf Minuten unterwegs und er schlief. Ich staune immer wieder, was sich die Kinder hier gewöhnt sind: Er hüpft auf und ab in meinen Armen, doch schläft tief und fest.

 

Nicht mehr Esther, die mir das Gate öffnet. Grace kämpfte mit dem Schloss und schaffte es schliesslich. „Hi“, sage ich, „fine, thank you“, antwortet sie.

Im Wohnzimmer sass der neue Gast. Ein indischer Vollbartguru, in Tücher gehüllt. Er heisst Dada, mehr weiss ich noch nicht, ich entschuldigte mich, weil ich unbedingt Kleider waschen musste, auch wenn der ganze Hinterhof voller Rauch war, weil Grace erst herausfinden muss, wie der Ofen funktioniert. Ich weiss es leider auch nicht.

Grace hatte das Haus auf Hochglanz poliert. Die Küche ist blitze blank, der Hinterhof aufgeräumt, die Toiletten geputzt. Es war wirklich ein einziges Chaos davor, doch kann es Esther nicht übel nehmen, ich hätte auch nichts getan, wenn ich nur schlecht behandelt und nicht bezahlt dafür würde. Ausserdem ist plötzlich Essen im Kühlschrank! Ein Fach voller Tomaten, stellt euch vor! Kohl, Karotten, einen grossen Kübel Blueband!!

 

Um 19.00 Uhr hatte Grace schon das Abendessen gekocht. Um diese Zeit hatten Esther und ich normalerweise erst damit angefangen, zu kochen. Ein Mix aus Sukuma, Bohnen und Kohl, dazu Chapati. Das hatte ich noch nie gehabt, schmeckte nicht wirklich gut, aber interessant.

 

Ich hatte schon die Hand auf der Türfalle zu meinem alten Zimmer, als mich der Gesang, der durch die Tür tönte, daran erinnerte, dass ich nicht mehr dort wohne. Dada isst nicht, er trinkt nur das warme Wasser, das ich für ihn in seine Plastiktrinkflasche abgefüllt hatte und betet. Ich hoffe, ich kann bald einmal mit ihm reden, möchte gerne wissen, was er in Kenia tut und vieles mehr. Er ist auf alle Fälle interessant.

 

Grace gab mir kalten Grüntee zu trinken, den sie von zu Hause mitgebracht hatte. Sie sagte, es sei wie Medizin und ich trank die ganze Tasse, auch wenn der Tee unglaublich bitter war. Und ob ihrs glaubt oder nicht, das Schluckweh, das ich seit zwei Tagen zu ignorieren versuche, ist weg!

 

30.01.2008 Mittwoch

 

Unruhe in der Schule, die Lehrer sind nicht zufrieden, weil Elise sie wirklich schlecht behandelt. Sie kann nicht normal zu ihnen sprechen, sie herrscht sie dauernd an, auch wenn es keinen Grund dazu gibt. Nur Regeln und Zurechtweisungen hagelt es von ihrer Seite her. Jedenfalls hatten die Lehrerinnen über Mittag ein Gespräch mit ihr, ich wurde zurückgelassen, um die schlafenden Kinder zu überwachen.

 

Beim Mittagessen hatte mich Teacher Margaret, die immer zu mir sitzen kommt, dazu aufgefordert, ihr mein Handy zu geben. Ich wollte erst nicht, weil sie mir nicht sagen wollte, was sie damit wollte. Sie wollte mir etwas zeigen. Schliesslich gab ich es ihr, sie rief ab, wie viel Guthaben ich habe – etwa 40 Rappen, haha – und sagte dann enttäuscht: „Oh, ich dachte, du hättest viel Geld, ich kann nur Guthaben auf mein Handy senden, wenn du mehr als 100 Bob hast“. !!! Sie hätte einfach so mein Geld geklaut, weil sie dachte, ich hätte zuviel davon und wisse nicht, wie das Geldversenden funktioniert!

Ist übrigens ganz praktisch, dass man einander Guthaben zusenden kann. Gerade während der Zeit, wo viele in den Häusern festgesessen hatten. Und es kostet nichts, ausser natürlich das Guthaben an sich.

 

Am Abend ging ich Joan besuchen. Sie ist auch ICYE, oder wird es sein: sie fliegt im Sommer nach Atlanta. Sie wohnt auch in South C, gerade neben dem Shopping Centre, eine halbe Stunde von mir entfernt. Weil sie einen Unfall mit dem Matatu hatte, sitzt sie im Haus fest. Sie hat eine riesen Schnittwunde im Oberschenkel, habe die Geschichte nicht ganz begriffen, das Fahrzeug ist an einer Wand entlang geschürft und ein Stein hat ihr Bein aufgeschlitzt.

 

31.01.2008 Donnerstag

 

Heute musste auch ich ins Wasser, sie sagten, es seien zu wenig Lehrer. Ich weigerte mich aber, die Kinder zu zwingen und half nur denen, die wollten. Dann ging ich mit Vivianne ins tiefere Schwimmbecken – von wegen zu wenig Lehrer, sie wollte nur, dass ich ihr Schwimmen beibringe. Der Pool ist echt hässlich, der Boden ist rutschig, von einer Schlammschicht oder was weiss ich überzogen, jedenfalls ist das Wasser grün.

Ich war wie alle anderen auch total K.O. nach der Prozedur, und das Anziehen dauerte EWIGS, so viele Schuhe waren unauffindbar, Socken vertauscht, Shirts den verkehrten Weg herum angezogen… Doch ich konnte nicht nach Hause, sondern musste meinem Versprechen nachkommen und Ryan Mutter besuchen gehen. Sie ist übrigens die Schwester der Direktorin und wohnt mit ihr zusammen im Moment. So auch Rosie, eine weitere Schwester, die im Happy House arbeitet. Ich fand mich also in einem hübschen Haus vor dem Fernseher mit all diesen Frauen, gut unterhalten und mit einem Glas Rotwein. Später kam auch Elise und ihr Freund, der Amerikaner Brian nach Hause. Ich bin zur Verlobungsfeier (heisst das so?) der beiden nächsten Samstag eingeladen (=

Das Abendessen war himmlisch, ein Mix aus Kartoffelstock und Erbsen (es ist ein typisches Kikuyumahl, habe aber den Namen vergessen) und Fleisch und Karotten in toller Sauce. Dazu Wein. Ich sagte zwar, ich müsse daheim sein, bevor es dunkel werde, doch Elise fand, weil es schon dunkel sei, könne ich auch noch ein weiteres Glas Wein trinken, ich wäre ja sowieso schon zu spät dran und würde Ärger bekommen, also spiele es keine Rolle. Ich hatte schlussendlich noch ein paar Gläser Wein und als mich drei (der insgesamt 7 ) Schwestern schliesslich nach Hause begleiteten -  Elise wohnt auch in South C, 30 Minuten von meinem Estate -  war ich betrunken und viel zu spät. Doch Mrs. Chege war nicht im Haus, sie hatte ein Treffen in der Kirche. Glück gehabt, hoffe nur, Grace erzählt ihr nicht, dass ich erst kurz vor 21.00 Uhr nach Hause gekommen bin.

 

Morgen ist das Mid Year Camp, es beginnt zwar erst am Nachmittag, doch habe gesagt, dass ich den ganzen Tag nicht komme, will versuchen, meine Resident Permit Alien Card abzuholen (geht nur Werktags) und wenn ich noch Zeit habe, auch mein Flugticket umzubuchen, der Rückflug ist immer noch auf 8. März festgelegt.

 

1.2.08 07:16

bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


merlae (23.3.08 03:32)
hei flurli!
es tuet mer so leid was dir passiert isch! i ha daenkt du bisch usgroubt wordae miz uf dr strass und si hei dir eifach ds gaeud waeggno. aber das isch ja u schlimm. i hoffe dir geiz wider besser. und das du aui dini papier wider hesch.
ha du ganz fescht gaern!!
pass uf di uf...

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