10.01 - 18.01.2008

10.01.2008 Donnerstag

 

Heute traf ich mich mit Simon in der Stadt, der endlich aus Mombasa hatte zurückkehren können. Doch weil Migori immer noch nicht sicher ist, muss er vorerst in der Stadt bleiben. Tarek ist übrigens von Tansania zurück nach Migori gegangen und sitzt nun seit Wochen im Haus fest (haha).

 

Esther, das Hausmädchen, hatte am Vorabend der Mrs. Chege gesagt, dass sie am 10. Februar gehen wird und nicht mehr zurückkommt. Cheges Antwort: Lerne der Flurina kochen, damit ich das dann übernehmen kann… Gut, meine Ausbildung zum neuen Hausmädchen würde heute beginnen.

Mrs. Chege hat Esther seit drei Monaten nicht mehr bezahlt. Esther sollte 2 Franken am Tag verdienen, kriegt aber nichts. Nicht, weil die Chege kein Geld hätte! Sie ist stinkreich, doch unglaublich geizig, so was habe ich noch nie erlebt!! Sie hat neben ihrem Shop in Westlands (das zweitnobelste Quartier in Nairobi, würde ich sagen, oder drittbeste, aber immer noch – teuer) eine Farm Upcountry, wo sie Geld macht mit Teekräutern, Milch, Fleisch usw.

Mich hatte die Mrs. Chege am ersten Morgen in diesem Haus gefragt, was ich denn zum Frühstück esse. Ich hatte Blueband (Margarine) gesagt. Sie sagte, sie esse NIE Blueband, doch werde für mich kaufen. Seit es nun im Haus ist, isst sie JEDEN Morgen Blueband. Fleisch gibt es nie, nicht, dass sie es nicht gern haben würde – zu teuer. Auch Tomaten sind teuer, und Milch. Gewürze gibt es keine, nur Salz. Mit dem Zucker muss sparsam umgegangen werden, doch Esther und ich haben uns bereits verbündet: hinter ihrem Rücken schütten wir Zucker über unsere Chapati (Omelettenähnliche Teigfladen).

 

Esther. Sie ist gleich alt wie ich, doch ich hätte sie auf ungefähr 12 geschätzt. Ich nehme an, sie ist nicht ganz richtig im Kopf. Es ist unglaublich anstrengend, mit ihr zu sprechen, sie versteht nichts, auch wenn ich versuche, noch so einfach zu formulieren. Doch sie ist nett und sie erzählt mir alles über Mrs. Chege. Dass sie Schokolade in ihren Zimmer hat, dass sie Angst hat von dem Mann, der Esther diese Stelle als Hausmädchen vermittelt hat, weil der weiss, dass sie Esther nicht bezahlt…

 

Wir kochen nun abends zusammen, mit dem wenigen, das da ist. Ugali und Kohl. Sukuma wiki und Reis. Das Essen hat keinen Geschmack, doch ich zum Glück haben mir meine Eltern diesen winzigen Salzstreuer geschickt, mit dem ich heimlich nachwürzen kann, ohne dass es jemand mitkriegen würde *gg.

 

 

11.01.2008 Freitag

Gegen Abend traf ich beim Hilton auf Erin und Co. Wir gingen Kaffee trinken, sie fragten, ob ich auch zum Abendessen kommen würde. Ich wusste, dass ich nicht spät nach Hause konnte, die Strasse, die ich im Dunkeln zurücklegen müsste, ist mir nicht geheuer. Und die Matatus fahren ja nur bis 21.00 Uhr, so viel ich weiss. Also schrieb ich Esther eine SMS, dass ich auswärts übernachten würde. Mrs. Chege hatte mir zwar ihre Nummer gegeben, doch es heisst immer „Contact cannot be reached“. Sie hat irgendwie die Rechnung nicht bezahlt, weiss auch nicht. Esther rief mich an und sagte, ich müsse kommen, Mum werde nicht glücklich sein, wenn ich ausbleibe. Wir diskutierten alle hin und her, und schliesslich schrieb ich eine zweite SMS, es sei zu spät, ich hätte eine sichere Bleibe und käme morgen.

Maja erzählte mir etwas später, dass die Mrs. Chege es schon nicht gerne gehabt hätte, wenn Pedro auswärts geblieben sei… Mist.

Das Essen war toll, wir gingen zum Äthiopier, wo wir auch schon mal waren und was morgen sein würde… egal. 

 

 

12.01.2008 Samstag

 

Ich traf mich mit Lisa und Malena zum Kaffee. Malena und ihren Freund, der sie aus Dänemark besuchen kam, hatte ich letzte Woche fast jeden Tag per Zufall in der Stadt getroffen und sie hatte Lisa erzählt, dass ich wieder Familie hatte wechseln müssen usw. Darauf hatte Lisa gefragt, ob ich mich mit ihr treffen wolle, und später, ob es okay sei, wenn Malena auch komme. Wir sassen im Java und die beiden unterhielten sich ununterbrochen über Leute, die ich nicht kannte. Sehr lustig, aber der Kaffee war gut.

 

Am Abend war ich vor Mrs. Chege daheim und gesellte mich zu Esther in die Küche, half ihr kochen beziehungsweise kochte unter ihrer Anleitung. Mrs. Chege kam, warf einen Blick in die Küche, sagte „Ah, you know how to cut vegetables?“ und verschwand. Falls es für sie kein Problem war, würde ich bestimmt nicht darüber zu diskutieren beginnen und gar nicht erst fragen, ob es okay sei, wenn ich weg bleibe, sondern sie einfach jeweils wissen lassen, dass ich weg bleibe.

 

Für Morgen ist Kirche angesagt, doch ich will nicht mit meiner Gastmutter gehen. Esther will sich um 7.00 Uhr mit ihrem Schwiegerbruder in der Stadt treffen, und meint, ich könne mit ihr kommen. Gut.

 

 

13.01.2008 Sonntag

 

Um viertel nach 6 hatte ich gebadet und war ready to go. Esther stand kurz vor halb Sieben auf. Ich werde nie verstehen, was genau das Problem mit der Zeit ist hier in Afrika. Selbst Esther muss klar sein, dass 5 Minuten nicht ausreichen um Tee zu kochen (was dann ich übernahm), Frühstück für die Mutter bereitstellen (was auch ich übernahm) und ein Bad zu nehmen…

 

Kurz bevor wir gingen, es ging gegen 7 Uhr, klopfte ich bei Mrs. Chege an die Tür, wie mir Esther aufgetragen hatte. Sie öffnete, ich hörte, wie sich der Schlüssel drehte. WAAS? Die Alte schliesst sich ein? Eines Nachts stirbt sie auf ihrer mit Geldscheinen gestopften Matratze und dann muss jemand die Tür aufbrechen. Vielleicht sollte ich ihr sagen, was das kostet, so eine Tür zu reparieren…

Jedenfalls sagte ich ihr, dass ich mit Esther in die Stadt fahren würde und dann in die Flora Church an der Valley Road gehe – ich wollte möglichst genau sein, um glaubwürdig zu klingen.

Esther und ich waren dann um halb 8 in der Stadt und hetzten zum Treffpunkt, irgendwo jenseits der vertrauten sicheren Tom Mboya Street. Ich musste dann den ganzen Weg wieder alleine zurücklaufen, denn Esther verabschiedete sich von mir, sobald sie ihren Schwiegerbruder gesichtet hatte. Frühmorgens und Spätabends ist es in diesen Gegenden nicht so gemütlich, doch ich weiss jetzt, wie ich zum Busbahnhof komme. Und so schnell wie ich laufe und mich durch die Menge schlängle, kann mir sowieso keiner was anhaben.

 

Ich ging dann tatsächlich in die Kirche -  auch wenn es eine katholische ist und ich es nicht ein mal hinbekomme, mich zu bekreuzigen, geschweige denn die richtigen Antworten auf die Äusserungen des Priesters zu geben - doch ich wusste, dass meine Leute dort sein würden. So zum Beispiel Trevor, der jetzt in Australien lebt und eine Software Kompanie hat. Und eine chinesische Verlobte – ich will dann unbedingt die Kinder sehen, die aus dieser Mischung entstehen (= Er lud mich, Bena und einen seiner Freunde mit kompliziertem Namen zum Mittagessen ein. Pizza im Steers, ein Bonzenfastfoodrestaurant. Dann Eis, denn jeden Sonntag gibt es Softeis im Steers für 80 Rappen.

 

Kochen am Abend, Esther hatte Mrs. Chege erzählt, ich sei katholisch und diese wies mich darauf hin, dass es eine katholische Kirche hier in der Nähe habe.

Morgen beginnt die Schule wieder. Das heisst, die Grundschulen öffnen, die Universitäten bleiben noch geschlossen, einige auf ungewisse Zeit, die Nairobi University noch für eine weitere Woche. Sobald die Unis öffnen, werden sich die Studenten zusammenrotten und gegen die Wahlen zu demonstrieren beginnen, darum müssen sie vorerst noch zu Hause bleiben.

Ich habe Kerubo eine SMS geschrieben, wann ich morgen wo sein müsse, doch habe keine Antwort erhalten. Gut, fange ich halt vielleicht noch nicht mit der Arbeit an morgen. Wir werden sehen.

 

Ach, noch eine Geschichte, ich weiss nicht, ob das bei euch im TV und der Zeitung war: In Mombasa wurde während den chaotischsten Tagen aus den Geschäften gestohlen, was nicht niet- und nagelfest war. Die Geschäftsbesitzer hatten sich dann zusammengeschlossen und einen Medizinmann angeheuert. Der hat alle Diebe verhext, und die bekamen Probleme. Zu Haufen kamen sie angehuscht und luden ihr Diebesgut vor den Geschäften ab, rannten wieder davon. Einige erzählten ihre Geschichten: Viele konnten nicht mehr aufs Klo, oder bekamen Wahnvorstellungen. Einer hatte eine Matratze geklaut, konnte aber nicht auf ihr schlafen, weil er immer das Gefühl hatte, jemand liege neben ihm und berühre ihn…

 

 

14.01.2008 Montag

 

Kerubo hatte nicht geschrieben, also gehe ich halt nicht zur Arbeit. Endlich wieder einmal etwas länger schlafen.

Esther und ich frühstückten zusammen  - wir kippten vom verbotenen Zucker aufs Brot. Dann war Waschen angesagt, obwohl es nach Regen aussah. Es hatte auch in der Nacht davor geregnet, endlich wieder mal, nach Wochen.

 

In der Stadt traf ich erst Erin und etwas später auch Marry, die mit einer neuen Austauscherin aus Deutschland unterwegs war. Diese war gerade erst angekommen und liess sich nun von Marry alles zeigen. Aus irgendeinem Grund spricht Marry immer Englisch zu mir, und auch die andere junge Frau aus Deutschland antwortete in Englisch, obwohl ich sie auf Deutsch ansprach. Okay, dann halt eben, vielleicht ist mein Akzent zu schwer zu ertragen, was weiss ich.

 

Im Bata kaufte ich für drei Franken neue Schuhe, schwarze Stoffschuhe zum Reinschlüpfen mit weissen Pünktchen. Ich lief eine Stunde darin herum, dann musste ich beschämt wieder auf meine alten Turnschuhe, die in jedem Schuh ein Loch haben und inzwischen einen unidentifizierbaren Farbton angenommen hatten umsteigen, weil ich bereits Blasen hatte an den Fersen…

 

Kochen mit Esther wie nun jeden Abend. Ich versuche, die Geduld nicht zu verlieren, doch es ist wirklich unmöglich, mit ihr zu sprechen. Auch die simpelsten Fragen versteht sie nicht, da kann ich noch so einfach formulieren. Ich fragte zum Beispiel: Do you like dogs? Nachdem ich es dreimal wiederholt und Zeichensprache angewandt hatte, konnte sie endlich verstehen.

 

Kurz nach 20.00 Uhr fiel dann der Strom aus, also blieb nicht mehr viel zu tun als zu schlafen. Esther brachte mir eine Taschenlampe. Ich fragte sie, ob sie eine Kerze habe, denn dann hätte ich noch etwas Tagebuch schreiben können, ohne die Batterien der Lampe zu strapazieren, doch sie lachte nur und ging.

 

Kerubo hatte nicht geschrieben, ich werde nicht darauf bestehen, im Moment bin ich noch nicht gelangweilt. Und natürlich habe ich auch etwas Angst davor, wieder neu anzufangen. Ich bin nur noch auf Zeit da, wenn das Projekt nicht hinhaut, mag ich nicht mehr. Doch weil ich in einem ständigen Zwiespalt bin, ob ich bleiben oder nach Hause gehen will, zögere ich die Entscheidung heraus…

 

 

15.01.2008

 

Ich erwachte, weil Mrs. Chege herumbrüllte. Wo die Milch sei, und das Brot? Akuna (kein/e/s). Sie hatte Esther kein Geld gegeben, um all diese Dinge zu kaufen. Mrs. Chege meinte, sie könne nicht jeden Tag einen halben Liter Milch und 400g Brot kaufen für 3 Leute… Unser Frühstück fiel dann dürftig aus, für beide eine dünne Scheibe Weissbrot und heisses Wasser (man gewöhnt sich daran, ans heisse Wasser, ich muss es trinken, denn wann immer ich welches in den Kühlschrank stelle, ist es bald mal weg und wenn ich nach Hause komme und durst habe, kann ich nach dem Abkochen nicht warten, bis es kalt ist… Esther sagt aber, heisses Wasser trinken mache dick, doch how comes?). Esther fragte mich, ob ich fünf Monate hier überleben könne, wo es kein Essen gäbe. Pedro hatte immer selbst Essen gekauft, Brot, Milch, Teigwaren, Schokoladenpulver… Mrs. Chege hat übrigens Schokopulver – in ihrem Zimmer. Sie bringt es zum Frühstück, wenn sie alleine isst und nimmt es zurück aufs Zimmer. Esther weiss sogar, dass die Chege von Kerubo bezahlt wird für mich. Wir wetterten gemeinsam über ihre Gemeinheit und ihren Geiz.

 

Esther fragte mich wie jeden Morgen, warum ich nicht sie gerufen habe, um mein Haar zu föhnen. Weil ich keine Hilfe brauche, es ist nur trocken blasen, danke. Sie schnallt es nicht. Heute liess ich sie zuschauen, um sie endlich zu überzeugen. Dann fragte sie auch wie jeden Morgen: „Why don’t you apply oil?“ Ich hasse diese Fragen, und vor allem wenn man sie 10 Mal gestellt bekommt, und die Antwort nicht aufgenommen wird, fange ich an, die Nerven zu verlieren. Ich sagte auch diesen Morgen drei Mal: Weil mein Haar kein Öl braucht, und auch als ich es das vierte Mal mehr gebrüllt als gesagt hatte, verstand sie noch nicht.

Why don’t you do this, why don’t you do that…. Blaaa! Die Leute hier können einfach nicht verstehen, dass es verschiedene Weisen gibt, etwas zu tun und ihre nicht die einzig richtige ist.

 

Am Nachmittag ging ich in die Stadt. Auf dem Heimweg nahm ich eine andere Route und landete beim „Shopping Centre“ in South C. Von dort gab es keine Matatus nach „Container“, wo ich normalerweise aussteige, wenn ich von der Stadt komme. Also musste ich durch South C laufen. Der Weg war nicht schwer zu finden, ich musste nur zweimal nachfragen, ob ich auf der richtigen Strasse sei. Viele Muslime wohnen in South C, es ist eine wohlhabende Gegend. Kurz vor Container kam ein Betrunkener in zerrissenen Kleidern auf mich zu. Ich versuchte, um ihn herum zu gehen, doch er liess sich nicht abschütteln. Ich sagte ihm ziemlich unfreundlich auf Kiswahili, er solle weg gehen, darauf wurde er wohl wütend und grabschte nach meiner Tasche. Ich machte eine 360 Grad Drehung, um mich loszureissen. Die Reaktionen der Leute um mich herum waren verblüffend: Ein Auto, das auf der gegenüberliegenden Strassenseite daher gekommen war, riss eine Vollbremsung, der Fahrer stiess die Tür auf und begann, denn Mann anzubrüllen. Ein Fussgänger, der hinter mir gelaufen war, packte den Mann warnend am Arm und stiess ihn weg. Diebe werden hier ja regelrecht gelyncht, ich machte mich aus dem Staub, glaube aber, dass dieser schlussendlich ganz gut davon kam, weil er nicht wirklich gestohlen hatte und er sowieso zu betrunken war, um Schaden anzurichten.

Der Vorfall schockierte mich nicht einmal gross, ich liess es gar nicht erst an mich heran. Am Freitagabend hatten wir im Restaurant darüber gesprochen. Maja hatte gesagt, sie hasse es, wenn Leute versuchen, sie auszurauben (= Die meisten haben viel mehr Erfahrung als ich, Leute grabschten nach den Halsketten der Mädchen, jemand versuchte, durchs Matatufenster Marrys die Kamera zu entreissen… Es ist traurig, wie verzweifelt diese Diebe sein müssen, denn das Risiko ist sooo hoch, erwischt zu werden, und doch tun sie es. Sie haben nichts zu verlieren. Wer erwischt wird, wird gesteinigt oder zum Krüppel geprügelt. Wer überlebt, der kehrt auf seinen alten Posten zurück und klaut weiter… Das Selbe mit den Prostituierten: Eines Nachts habe ich einen der Kastenwagen gesehen, welcher sie einsammelt. Sie werden auf den Polizeiposten gebracht und grün und blau geschlagen, dann kehren sie an die Strassenecke zurück…

 

Maggi, die im ICYE Office arbeitet, textete mich heute, ob ich den Weg zur Arbeit gefunden hätte. Ich schrieb zurück, dass ich nicht mal wisse, wie mein neues Projekt heisse und was Kerubo eigentlich so mache.

Jedenfalls gehe ich jetzt morgen in diese Schule namens „Happy House“. Ein Schulbus wird mich auflesen und hinbringen, um 7 Uhr morgens.

 

Esther brachte ich Milch mit nach Hause, was für ein Festmahl! Wir schlürften sie unverdünnt und waren glücklich. Dann ging es ab in die Küche und kochen… Kohl wie jeden Abend, was anderes gibt es nicht.

 

 

 

16.01.2008 Mittwoch

 

Es war noch dunkel, als ich mich aus dem Bett wälzte (die Matratze kippte gemächlich zur Seite und erleichterte mir den Ausstieg). Die ganze Nacht schon hatte es gegossen wie aus Kübeln und noch immer regnete es. Esther sagte mir, ich müsse auf Mum warten, ich könne nicht durch die Strassen bei diesem Wetter. Ich versuchte ihr zu erklären, dass ich nicht warten könne, ich werde abgeholt bei Container. Dann soll ich ein Matatu am Gate nehmen. Ich versuchte es ein zweites Mal: Ich werde abgeholt bei Container.  „häää?“. AAAAAAAAAAAAAAAAAAAAH! Ich rannte schliesslich in den Regen raus und erreichte Container, auch wenn mit bis zu den Knien herauf verschlammten Hosen.

Der Bus kam, ein junger Mann sprang heraus und öffnete mir die Tür. Sein Name ist Chalous, den des Drivers Richard. Beide sind freundlich und herzlich und freuen sich, mich dabei zu haben. Wir beginnen die Runde durch South C und sammeln etwa 15 Kinder ein, bevor wir zum „Happy House“ fahren.

Die Schule ist ein relativ grosses zweistöckiges Gebäude, bunt bemalt – innen und aussen – mit einem tollen Spielplatz. In der Baby Class, Nursery School und Pre-Unit hat es 9 Kinder, in den Klassen 1-4 nur neun, weil die Schule noch sehr jung ist und ursprünglich nur die Vorschulklassen angeboten hatte.

Nachdem mich Richard herumgeführt hatte, hiess er mich auf eine Bank in dem quietschrosa Vorraum sitzen und auf die Direktorin warten. Sie kam etwa fünf Minuten später, eine strenge junge Frau, die mich knapp begrüsste und dann Beliné, die Lehrerin der Vorschulklassen, zusammenstauchte und fragte, warum ich da aussen sitze und nicht bei ihr in der Klasse. Dann wandte sie sich wieder mir zu, fragte wo meine Formulare sind und als ich antwortete, ich hätte keine Formulare und was sie genau meine, meinte sie, sie würde mit ICYE telefonieren und liess mich schliesslich mit Beliné.

Die neun Kinder zwischen 3 und 6 Jahren beschäftigten sich gerade mit „Freiem Spiel“. Alle trugen eine fliederfarben karierte Schuluniform mit grauen Sweatern, die Mädchen Röckchen, die Buben karierte Hemden und Hosen. Die Umgangssprache ist Englisch, wer auf Kiswahili umstellt, wird zurechtgewiesen. Und zwar auf eine sehr widersprüchliche Weise: „Ebu, who’s talking Kiswahili here?“   Ebu ist ebenfalls Kiswahili, schwer zu übersetzen, man kann es praktisch am Beginn jedes Satzes verwenden, wenn man sich an jemand anderes richtet. „Ebu sit down“. Es ist wie „du“, kann aber auch „ihr“ sein.

Die Kids kommen alle aus reichen Familien (Die School Fees sind 560 Franken für drei Monate) und sprechen meist schon daheim Englisch. „Normale“ Kinder in ihrem Alter können meist noch nicht mehr als das gelallte „how are you“.

Die Lehrer sagen den Eltern, sie sollen auch im Haus mit ihren Kindern Englisch sprechen – nicht dass ich das verstehen würde, Kiswahili ist schliesslich die Sprache Nr.1 in Kenia. Aber jedenfalls können dann diese Kinder, die ihr Leben lang auf Privatschulen gingen, richtig Englisch sprechen – auch wenn es die Lehrer selbst nicht so im Griff haben:

Nach dem Freien Spiel ging es mit Geschichten erzählen weiter. Beliné fragte, wer eine Geschichte erzählen wolle. Der kleine Ryan meldete sich, stellte sich vor die anderen hin und rief: „Story Story“. Die Klasse brüllte zurück: „Story come“. Ryan begann: „Unce upon a time there was a man and she goes to” -  Beliné unterbrach: “no, he go to” “and she goes” – “he go!”

Wie auch immer, dieses Geschichtenerzählen ist köstlich, die Kinder wollen alle etwas erzählen und stricken die Hand in die Höhe, obwohl sie keine Ahnung haben, was sie sagen wollen. Und dann stehen sie da und erzählen die tollsten Dinge, die überhaupt keinen Sinn ergeben, aber die anderen hören gebannt zu. Sobald sie fertig sind, sagt Beliné: „Everybody, clap for Abok“ und die Kinder klatschen in die Hände und schreien: „Well done well done Abok, try again another day, a very good girl“ Und Abok antwortet: „Thank you, thank you, childreeeen“.

 

Etwas später am Vormittag kam die zweite Lehrerin, die irgendwo im Stau stecken geblieben war, fast gleichzeitig zwei neue Kinder, Schwestern mit verwirrend ähnlichen Namen: Tina und Nina.

Um halb eins gab es Mittagessen, dazu gingen wir nach draussen auf die überdachte Terrasse. Es gab Kohl und Reis, eigentlich ganz gut, speziell gewürzt. Es hatte endlich zu regnen aufgehört und die Kinder konnten draussen auf dem Rasen spielen. Wir gingen dann noch etwa für eine halbe Stunde zurück ins Zimmer, bevor die Kids um drei Uhr viel früher als gewöhnlich wieder in den Schulbus geladen wurden. Die Lehrer hatten beschlossen, sie nach Hause zu schicken, wegen den Unruhen in der Stadt, es gab bereits keine Matatus mehr, sie demonstrieren wieder und werden weitermachen bis Freitags, und niemand weiss, wo sich wann ein Mob zusammenrotten und alles niederwalzen wird, was ihm in den Weg kommt.

Um vier war ich schon wieder zu Hause, obwohl ich mit Richard alle Kinder nach Hause bringen ging, bevor er mich wieder bei Container absetzte. Er ist zwar sehr freundlich, doch ich werde Probleme mit ihm kriegen, er ist schon jetzt ganz „I like your hair“ „you look very good“ „One day I show you around“ und das übliche blabla. Ausserdem berührt er immer meinen Arm oder meine Hand, wenn er über etwas lacht, das ich gesagt habe oder er sich an mich wendet, was zwar eine herzliche Geste ist, aber doch irgendwie zu viel, für dass er mich gerade mal ein paar Stunden kennt.

 

Es gibt wieder kein Essen im Haus, Esther muss von ihrem Geld Sukuma kaufen. Als am Abend die Alte nach Hause kam, fragte Esther, ob sie ihr Geld zurück haben könne. Doch die Chege begann Esther zu beschuldigen, sie habe 10 Mangos gegessen und könne ihr Geld vergessen. Sie missbrauche sie, wie noch nie ein Mensch zuvor usw. MEIN GOTT!!!

Ich habe dieser geizigen Kuh nun den Krieg erklärt; mache mir nicht mal mehr die Mühe aufzustehen, um ihr hallo sagen zu gehen. Hoffentlich schmeisst sie mich bald wieder raus.

 

 

17.01.2008 Donnerstag

 

Richard war heute spät dran, ich wartete eine halbe Stunde, bevor ich endlich den gelben Minibus sichtete. Heute sass ich hinten und öffnete die Tür für die Kinder. Chalous und Richard fanden, ich tue das super – ist ja auch sehr schwierig.

 

Heute waren zwei neue Kinder da, ein kleiner Junge in Pampers, Danzel und ein Mädchen, Nana heisst sie, mit fast so weisser haut wie ich sie habe. Ihr Vater ist Europäer. Auch die Tochter der Direktorin sah ich heute, sie geht in die zweite Klasse und sieht aus wie ein Muzungukind, doch auch nur, weil die Direktorin selbst schon ziemlich hell ist. Sie fallen auf, sind sich das aber wohl noch nicht bewusst, die Glücklichen.

Wir bemalten Blätter von einem Busch mit den Kindern und liessen sie diese als Stempel benutzen und auf Papier pressen. Das Problem dabei war, dass immer nur zwei Kinder gleichzeitig arbeiten konnten, während die anderen still sitzen sollten. Das geht natürlich nicht, und irgendwann wurde die Übung abgebrochen und die Kinder zum Singen aufgefordert.

Nach dem Mittagessen konnten sie draussen auf dem Klettergerüst und der Rutsche spielen gehen, es war endlich trocken. Um 15:00 Uhr wurden die Kinder dann schon wieder in den Bus geladen, sie sollten früh daheim sein, wiederum wegen den Unruhen.

Um 16.00 Uhr war ich zu Hause und war so gelangweilt, dass ich mich ans Waschen machte. Immerhin hatten wir Stromausfall, so dass Esther nicht eine ihrer schrecklichen CDs mit dieser monotonen Horrormusik einlegen konnte. Ich hatte der Chege damals als der Strom das erste Mal ausgefallen war meine Standartfrage in solchen Angelegenheiten gestellt: Kommt das oft vor? Neinein, sehr selten… das war vor zwei Tagen, haha. Sie hatte übrigens das Schokoladenpulver im Wohnzimmer vergessen und ich vergriff mich daran, auch wenn es nicht wirklich gut ist, es schmeckt ein bisschen nach Schokolade.

 

Chege kommt mit 5 Liter Milch nach Hause. Das müsse reichen für die nächsten zwei Wochen.

 

 

18.01.2008 Freitag

 

Immer noch Schlammschlacht auf der Strasse – und ich Depp schrubbe jeden Abend brav meine Turnschuhe!!

Ich stehe gerne bei Container und beobachte die Leute und Fahrzeuge, die sich ihren Weg durch den Matsch bahnen. Heute kam eine besonders komische Gestalt vorbei; eine Frau mit Bart, oder ein Mann mit Lippenstift, schwer zu sagen.

In der Schule herrscht noch nicht Alltag, wie ich heute herausfand. Die inzwischen 12 Kinder sollten eigentlich in zwei Gruppen aufgeteilt unterrichtet werden, doch die Bücher und sonstigen Materialien sind noch nicht vorhanden fürs neue Schuljahr (hier startet das Schuljahr jeweils zu Beginn des neuen Jahres, was irgendwie mehr Sinn ergibt als unser System, aber egal). So wird es dann auch bald mehr zu tun geben, als den Kindern beim Spielen zuzuschauen.

Ich sprach Nana in Deutsch, Schweizerdeutsch, Französisch und Italienisch an, um herauszufinden, wo ihr Vater wohl herkommt, doch sie nickte jedes Mal und ich weiss nicht mehr (=

Nach dem Mittagessen – das Essen in dieser Schule ist übrigens himmlisch – wurden die Kinder wiederum nach Hause geschickt. Der Bus war heute besonders voll gepackt, von mir wurde erwartet, den kleinen Danzel auf dem Schoss und gleichzeitig ein zweites Kind festzuhalten, dazu sollte ich auch noch die Tür bedienen. Ich hasse das Geräusch von an die Scheiben knallenden Kinderköpfen, doch nie weint eines, sie scheinen sich das gewöhnt zu sein. Einige schlafen sogar ein, bei diesem Geholper und Gerumpel! Ich selbst bin jeweils völlig K.O. wenn ich abgesetzt werde, vom Festklammern, dem ohrenbetäubenden Geschrei und Gejohle, dem Auf- und Abspringen, um die Kinder ein- und auszuladen..

 

Es war noch nicht halb drei, als ich zu Hause ankam. Esther und ich gingen in der Nachbarschaft Pommes kaufen, schauten etwas Fern. Dann begannen wir zu kochen und Esther legte ihre Musik auf. Ich holte meinen Ipod – Esther brauchte eine ganze Weile bis sie realisierte, dass ich meine eigene Musik hörte und fand diese dann so interessant, dass sie ihr Gejaule einstellte, die Kirchenmusik ausschaltete und mein Zeugs mithörte.

 

Beim Abendessen setzte sich auch die Chege zu uns. Esther erhielte einen Rüffel. Ich habe nicht alles verstanden, es war in Kiswahili. Sie fragte erst, wie alt Esther sei, und dann, dass sie also wie ihre Tochter sei und auf sie hören solle, dass ihre eigenen Kinder gute Kinder sind und Esther schlecht. Dass sie ihr kein Geld gebe, weil sie verschwenderisch damit umgehe uuuundsoweiter. /:  Es macht mich krank und ich kann nichts tun, auch wenn ich nahe daran war, irgendwas zu sagen, oder zumindest meinen Teller hinzuknallen und auf mein Zimmer zu gehen. Aber ich weiss, das hilft Esther nicht, macht ihr vielleicht nur mehr Probleme. Und das will ich nicht, auch wenn mich Esther verrückt macht, das hat sie nicht verdient. Lange bleibe ich hier nicht mehr.

 

19.1.08 07:12

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