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03.03.2008 - 06.03.2008

Ich weiss ich weiss, ich habe schon nach Tansania gesagt, dass ich den Bericht später bringe und ich habe es nie getan, doch diese Woche hier muss ich jetzt einfach loswerden, bevor ich von der Safari erzähle und von den Ferien in Mombasa. 03.03.2008 Montag Ich war früh zu Bett gegangen am Vorabend und hatte schon da Ärger mit dem Bauch gehabt. Zudem hatte ich Rückenschmerzen dort wo die Nieren sind wie noch nie zuvor, was mir Angst machte, habe keine Ahnung, was ich im Falle einer Nierenentzündung unternehmen muss. Weil ich im Bus die ganze Nacht seitlich in meinen Sitz gekauert hatte, könnte es schon sein, dass ich mir die Nieren abgefroren habe… Ich schluckte einen Painkiller und las danach in der Packungsbeilage, dass man diese Tablette bei ernsthaften Nierenleiden NICHT einnehmen sollte. Gut, hoffe mal, mein Leiden ist nicht all zu ernsthaft. Den ganzen Tag pendelte ich zwischen Toilette und Bett. Grace kümmerte sich rührend um mich, sie kochte mir Grüntee, ging extra los, um eine Zitrone zu kaufen, was den Tee nicht besser schmecken machte, aber tatsächlich einen positiven Effekt auf meinen gereizten Magen ausübte. Sie kochte mir auf Wunsch Kartoffeln und wärmte sie später für mich auf… Gegen Abend ging es mir dann besser, wetten die Chapati der Beach Boys waren verdorben gewesen und hatten mir so zu schaffen gemacht! Aber jetzt ists vorbei. Ich bin mir jetzt sicher, dass Emma mich beklaut hat. Weiss gar nicht, ob ich das geschrieben habe, dass es mir so komisch vorkam, wie ich in einer Woche 10'000 Schilling ausgeben konnte, ohne wirklich was zu kaufen… Ich hätte es nie gewagt, Emma zu verdächtigen… Das Geld war in meinem Koffer, nicht offensichtlich, aber auch nicht all zu gut versteckt, ich vertraute ihr eben. Irgendwann mal hatte ich nach den Tabletten gesucht, die ich nehmen kann, wenn ich Malaria habe (nicht die Profilaxe). Ich war mir so sicher, dass ich eine Packung hatte – doch sie war nirgends. Ich dachte mir nichts weiter dabei, vielleicht hatte ich sie in der Schweiz liegen lassen. Als ich heute nach den Dafalgan suchte im Sack, wo ich alle Medikamente aufbewahre, die ich mitgebracht hatte, konnte ich sie nicht finden. Und ich WEISS, dass ich eine Schachtel mitgebracht hatte, ich hatte Emma damals zwei davon gegeben, als sie so viel gesoffen hatte und am nächsten Morgen an einem Kater leidete… Die rote Schachtel ist nicht da… Das tut weh… ich hatte Emma gemocht, hätte nie meinen Koffer abgeschlossen, wozu auch..? Und jetzt das… ): 04.03.2008 Dienstag Zurück ins Happy House! Auf dem Weg fiel ich in eines dieser vielen tiefen Löcher, die es hier überall in den Strassen hat und die wirklich scheiss gefährlich sind. Ich schabte mir einen etwa fünf Zentimeter langen sonnenverbrannten Hautfetzen vom Schienbein, ärgerte mich aber mehr über meine Jeans, die ich heute frisch angezogen hatte und die jetzt schon schmutzig ist und über die Socken, in die Blut tropfte, das ich NIE rauskriegen werde. Alle freuten sich, dass ich zurück war, es war ein toller Empfang. Ich rutschte zurück in den Schulalltag und war ganz zufrieden damit. In der Mittagspause wurden die neusten Lästereien an mich weitergeleitet: Am letzten Donnerstag wurde das Telefon im Sekretariat gestohlen! Vivianne und Beliné konnten es nicht gewesen sein, sie waren im Schwimmbad mit den Kindern. Regina, Liz’ Schwester, die mich immer zu ihnen nach Hause einlädt, war in der Schule an diesem Tag und als sie nach Hause ging, fragte sie Wilfrieda (eine der Lehrerinnen): „ kannst du etwas in meinen Händen sehen? Siehst du, ich habe nichts!“. Und dann war das Telefon weg. Ist doch schon ganz schön komisch, so was zu fragen… Aber Liz verdächtigt nicht ihre Schwester, sondern Chalous… Auch der Schlüssel zur Bibliothek ist unauffindbar, Bücher fehlen… Ganz interessant. Zuhause glaubte ich, mich in der Tür geirrt zu haben: Mein Zimmer war total umgestellt! Das Bett war herumgedreht und an die Wand gerückt, den Nähmaschinentisch vor das Fenster geschoben worden. Ich habe nichts dagegen, es ist viel besser so; zuvor musste ich immer über das Bett klettern, um vom Schrank zum Tisch und zurück zu kommen, weil das Bett mitten im Zimmer stand. Nun habe ich viel mehr Platz, hoffe nur, dass mein notdürftig installiertes Moskitonetz immer noch funktionieren wird, jetzt wo das Bett anders steht… Grace kann inzwischen lesen, sie geht eine Stunde am Tag zum Unterricht. Gerade unserem Haus gegenüber befindet sich eine kleine Schule, ich nehme an, die Lehrerin unterrichtet Grace in der Mittagspause. „ A big lat is bad“… Grace kann den „R“ nicht sagen. 05.03.2008 Mittwoch Nach der Schule ging ich in die Stadt, um das Flugticket umzubuchen, nun endgültig. Es war auch allerhöchste Eisenbahn, mein Flug wäre für diesen Samstag gebucht gewesen. Ich war etwas spät dran, es war schon fast halb 8, als ich zur Matatustaion in der Stadt kam. Gedränge und Geschubse, die Kondaktas werben um Kunden, einer wollte mich überreden, in sein leeres Matatu einzusteigen, ich lachte ihn nur an und stieg in eines, das schon fast voll war, damit es auch bald mal los gehen würde. Wir fuhren los, ruckelten im wahrsten Sinne des Wortes Meter für Meter voran im Stau; das Gefährt hatte irgend ein Problem oder der Driver sass gerade den ersten Tag am Steuer, der Wagen zuckte dauernd vor und zurück. Irgendwann waren wir aus der City raus und auf der Mombasa Road, wo der Verkehr relativ flüssig war. Ein Schrei, Gerangel, jemand packte mich am Kragen meines Shirts, der Stoff ächzte, riss aber nicht (wie ich viel später glücklich feststellte, ich trug eines meiner Lieblings-T-Shirts). Ich sass in der vordersten Reihe, drehte mich um, sah den Kondakta mit einem anderen Mann rangeln, Metall blitzt auf, etwas Oranges am Griffel, eine Schere, dachte ich, direkt hinter mir. „Shukisha“ (anhalten), murmelte ich kläglich und begriff nicht, warum der Driver in diesem Moment das Gaspedal durchdrückte und losraste. Ich glaubte, dass wieder irgend ein betrunkener Idiot Streit angefangen hatte wie ich es schon einmal erlebt hatte und konnte nicht verstehen, warum er nicht rausgeschmissen wurde, warum wir weiterfuhren, die Tür geschlossen. „What’s going on?“, fragte ich meine Nachbarin. „Money. Money. Give money“, sagte sie dann flog mein Kopf zur Seite von einer Ohrfeige, wie ich sie noch nie zuvor empfangen hatte. Es tat nicht weh, mein Körper hatte wohl keine Zeit, darauf zu reagieren, denn schon griff mir eine Hand in die Haare, krallte sich fest und riss meinen Kopf zurück. „Give me your money! Your phone! I’ll fuck you, I’ll fuck you” Ich öffnete meine Tasche, schob mein Handy unter den Fahrersitz, überreichte kleine Scheine, vielleicht 8 Franken. „Bitch! I’ll fuck you, give me your money!“, brüllte der Typ und schlug mir wieder ins Gesicht. „Ich habe nicht mehr, schau, schau“, quiekte ich verzweifelt, zeigte ihm die das Hinterfach der Handtasche, wo ich das Geld aufbewahre. Ich versuchte, den USB Stick wegzuschieben, er sah ihn, nahm ihn, stiess mich zurück, riss mir die Tasche und den ganzen Rucksack weg. „You phone!“ forderte er und ich beschloss, es ihm besser zu überreichen, da das Versteckspiel bei dieser Gewalttätigkeit doch ein bisschen riskant ist. Dann sah er meine werlosen angerosteten Armringe, forderte mich auf, sie ihm zu geben „haraka!“ (Beeilung). „Gold? Silver?“, fragte er. Und ich lachte, ich lachte tatsächlich in diesem Moment und sagte: „Plastic, pole bwana“ (sorry sir). Und dann riss ich mir im allgemeinen Chaos mein 1 Euro Kettchen, das ich immer trage und das mir wirklich wichtig ist, vom Hals und schob es mir in den Mund. Es lag perfekt unter der Zunge, ich konnte einwandfrei sprechen. „My flight ticket, bwana, tafadhali! Na passport, bwana bwana! Lete ticketi!” schrie ich, das war das Einzige, was ich im Moment denken konnte; mein Pass und das Flugticket!! Ich fing mir erst nur weitere Ohrfeigen ein, konnte aber nicht aufhören. „I’ll kill you, I’ll fuck you!“ Aber dann zog er den braunen Umschlag aus meinem Rucksack, fragte, ob das das Ticket sei. „jaja, und es ist Geld im Umschlag, nimm es, nimm es!“ Ich hätte es nicht sagen sollen, er hätte die 10 Franken nicht gesehen, er gab mir den Umschlag, auch die Panadol schmiss er in meine Richtung. Ich forderte weiter nach dem Pass, er sagte, ich werde ihn bekommen. Er konnte ihn aber nicht finden. Dann kehrte für einen Moment Ruhe ein, ich wusste nicht, wie viele es waren, sie brüllten uns an, brüllten sich gegenseitig an, befahlen uns, die Augen zu schliessen. Ich weinte inzwischen, weiss auch nicht wieso, aus Wut und Frust über alles, was hier verloren ging, vor allem mein Pass. „Niamaza niamaza! Watcha angalia, we’re in Kenya here!“ (Beruhige dich, oder auch; halt den Mund. Hör auf zu heulen). Der Typ fuhr mir mit der Hand grob übers Gesicht, wie um die Tränen wegzuwischen. „Funga matcho. Gilamtu! I’ll kill you all!“ (Schliess/t dieA. Ihr Alle!) Er hatte mein Rucksack und ich wusste, sie würden ihn mitnehmen, denn er begann, all die Dinge der anderen Passagieren in meinen Rucksack zu stopfen. Ich jammerte weiter, dass ich meinen Pass gebrauche, doch er sagte mir, zum letzten mal jetzt, ich solle verdammt noch mal die Augen schliessen und den Mund halten und dann ertönte von Hinten her ein Schrei, der so urplötzlich abbrach, dass ich glaubte, jemand sei jetzt wohl tatsächlich getötet worden und ich gab auf. Wir fuhren durch die Nacht, einmal blinzelte ich und sah, dass wir in Westlands wahren, das ist auf der anderen Seite der Stadt, Meilenweit von South C entfernt. Dann wurde ich wieder gepackt, mein Kopf zurück gerissen, das Gesicht einer dieser Typen ganz nah. Ich sah die Panik in seinen Augen und realisierte, was für eine scheiss Angst die haben müssen bei ihrer schmutzigen Arbeit. „How much did you give us?“ “I gave you all my stuff, you have my bags, 700 maybe, and 50 bob. Please, give me my passport!” “Funga mdomo” (Halt den Mund). Dann began er, uns zu durchsuchen, lag quer über uns (wir waren drei Leute in meiner Reihe), suchte auf dem Boden nach Dingen, die wir absichtlich hatten fallen lassen, um sie zu retten, hiess uns vorlehnen, damit er sehen konnte, ob wir auf etwas drausassen, langte uns in die Hosen, in den BH. Es war sehr ruhig im Matatu jetzt, niemand mehr muxte auf. Ich hatte keine Ahnung, was mit den Leuten um mich herum passierte, aber es ging wohl allen gleich in diesem Punkt, jeder ist alleine. Einmal versuchte ich, das Kettchen im Mund zu verschieben und verschluckte mich fast daran, hustete und platzierte es wieder unter der Zunge. Ich musste an eine der Geschichten aus: „Immer dieser Michel“ denken. Draussen war es nun stockdunkel, keine Strassenlaternen mehr. Dann hielt das Matatu plötzlich, die Frau neben mir wurde aus dem Bus gerissen, ich war die Nächste. „On you tummy, haraka! I’ll fuck you! I’ll kill you all!“ Vielleicht realisierte ich immer noch nicht so ganz, was er sagte, oder ich hatte einfach irgendwie begriffen, dass sie alle selbst viel zu sehr Schiss haben, um nun wirklich anzufangen, uns zu vergewaltigen oder abzumurgsen, die wollten nur so schnell wie möglich weg. Ich war nicht schnell genug mit Hinlegen, mir wurde mit einem Tritt nachgeholfen. Als ich sah, wie einer der Typen dem Mann, der neben mir lag, in den Kopf trat, schloss ich die Augen. Dann wurde es still. Ich weiss nicht, wie lange wir lagen, ich hatte Staub im Mund, in der Nase, Atmen tat weh, doch ich wagte es nicht, den Kopf zu drehen, bis sich die Leute um mich herum endlich zu regen begannen. Wir rappelten uns alle hoch. Elf waren wir, mit Kondakta und Driver. „Wo sind wir hier?“, fragt ich einen Mann, der die Ruhe selbst war und mir auf die Beine half. „Das werden wir herausfinden, wenn wir die Strasse erreichen“, sagte er. Wir marschierten los, in Richtung Licht. Alle redeten durcheinander, entschuldigten sich gegenseitig beieinander für all die Verluste. Plötzlich kam die Gruppe zum Stillstand. Ein paar Meter entfernt in der Dunkelheit stand unser Matatu. Die Räuber hatten offensichtlich nicht mit dem halbtoten Gefährt umgehen können und es stehen lassen. Was jetzt? Es wurde hin und her diskutiert, ob wir warten oder hingehen. Die Gruppe, die fand, es sei Irrsinn, dass die Typen sich immer noch im Matatu aufhalten, ging voran, alle anderen folgten. Im Wangeinneren herrschte Chaos, der Inhalt sämtlicher Taschen über Boden und Sitze zerstreut. Nur von meinen Sachen war nichts da, weil sie ja die Taschen mitgenommen hatten. Wir stiegen ein, fischten die Dinge auf und riefen durcheinander: „wem gehört das, und das?“. Ich klaubte Münzen vom Boden, es waren meine, ich hatte sie fallen lassen, als ich meine Geldscheine überreichte. Der Driver schaffte es tatsächlich, den Motor zu starten und wir schafften es bis zur Hauptstrasse, dann war fertig, kein Benzin mehr. Eine Frau hatte ihr Handy, was für ein Glück! Sie hatte zwei gehabt, eins überreicht und das andere, welches in der Tasche war, hatten die Männer nicht gefunden. Wir stiegen wieder aus. Ich stand mit einer jungen Frau, die mir Kokoskekse anbot. Sie waren unglaublich lecker, wir unterhielten uns einen Moment über Kekse und Kuchen und Backen. Dann begann sie darüber zu reden, wie die Diebe über mich gesprochen hätten und dass sie mehr Geld hatten haben wollen von mir, weil ich der Muzungu bin. Ich bekam ein mulmiges Gefühl, es tönte fast ein bisschen so, als würde ich beschuldigt für das, was passiert ist… Ich habe keine Ahnung, ob die Männer schon im Matatu waren, als ich kam, oder ob sie nach und wegen mir eingestiegen sind… Will gar nicht darüber nachdenken… Plötzlich begann der Kondakta zu weinen und zu jammern, wie sich nun alle gegen ihn und seinen Freund, den Driver, wendeten. Ich konnte nun im Licht sehen, dass er aus dem Mund blutete und einen roten Fleck am Oberschenkel hatte, wo er wohl mit dem Schraubenzieher – es war keine Schere sondern ein Schraubenzieher gewesen, was die Männer als Waffe mithatten – verletzt wurde. Die Leute begannen nämlich, den Driver zu beschuldigen, er habe von der Sache gewusst, weil er kaum durchsucht wurde und auch sein Handy noch hatte. Ich verteidigte ihn, denn das ist wirklich Unsinn, die Männer konnten ihn nicht durchsuchen, weil er sonst den Wagen nicht hätte lenken können, schon gar nicht bei diesem Tempo. Und wenn die Sache mit dem Driver geplant gewesen wäre, hätten sie zumindest nach einem Wagen Ausschau gehalten, dessen Batterie nicht schon fast tot ist und der einen vollen Tank hat. Wir versuchten, Autos anzuhalten, damit uns jemand mit Benzin helfen konnte, doch wir wurden ignoriert. Ich würde bei einer solchen Gruppe vielleicht auch nicht anhalten… Ein paar Fussgänger kamen des Weges, sie sagten uns, dass wir in Pangemi sind, weit weg… Wir begannen, Münzen zu sammeln, ich hatte 40 Bob, mit den anderen zusammen kamen wir auf 60. Der Driver lief los auf der Suche nach einer Tankstelle. Gezeter brach aus, dass er alleine los durfte, viele glaubten, er würde nicht zurück kehren. Doch er kam mit einem kleinen Kanister Benzin, wir fuhren weiter, stiessen schon bald auf eine Strassenblockade, stiegen wieder aus. Die Polizisten inspizierten den Wagen. Einer wandte sich an mich und wollte wissen, ob es wahr sei, was die Leute sagen, ob dieses Matatu überfallen wurde. Ich war so verblüfft über diese unverschämte Frage, dass ich nur nicken konnte. Die glaubten angesichts einer Gruppe aufgebrachter Menschen tatsächlich nicht, dass da etwas falsch ist?? Sie sagten dann, wir sollen zur Polizeistation fahren, was wir auch taten. Doch was sollten wir da, die Polizei hilft einen auch nicht weiter, zurück kriegt man doch nichts, sie stellen nur dumme Fragen und gähnen herum und sind nicht im Mindesten interessiert. Alle wollten nun nach Hause und benützen das nicht gefundene Handy der Frau, um Familie oder Freunde zu flashen und sich zurück rufen zu lassen. Wir waren etwa 15 Minuten dort, als ein zweites Matatu ankam, ebenfalls überfallen worden. Die Leute waren sicher, dass es die gleichen Männer gewesen waren, was ich aber nicht glaube, denn unsere hatten keine Pistole gehabt, obwohl es einige behaupteten. Doch sie hätten sie gezeigt, wenn sie da gewesen wäre. Und über die Anzahl Männer waren sich die Leute auch nicht einig, einige sagen 4, andere sogar 5. Ich weiss ein paar Telefonnummern auswendig, von den Leuten useres „Flashback-Clubs“. Flashbacks sind diese gratis SMS, geschrieben steht dann: „Please call me. Thank you.“ Sie werden kaum wirklich genützt, nur zum Spass, um einander zu ärgern, weil man immer denkt, man habe eine Nachricht erhalten, es dann aber nur so ein dummes „Please call me“ ist. Das lästige Spiel erwies sich nun als Segen: Als ich an das Handy heran kam, versuchte ich erst Philip anzurufen, weil er ein Auto hat und mich abholen könnte, doch er ging nicht ran. Dann Bena. Ich sagte ihm, er solle Kerubo anrufen und ihr sagen, sie solle meine Gastmutter anrufen und ihr ausrichten, dass ich okay sei und irgendwie nach Hause kommen werde. „Bena, I got hitchhiked, call back”. Er wusste, was ich meinte, auch wenn ich natürlich High jacked meinte… Was passierte, erfuhr ich später: Bena rief Kerubo an und sagte, was passiert sei. Sie begann, ihn anzubrüllen, warum zum Teufel ich nicht SIE anrufe und dann begann sie zu lästern, dass ich sowieso schon Probleme mit zu spät nach Hause kommen hätte usw. Wie blöd kann man sein? Glaubt die, ich habe ihre Nummer im Kopf? Und wie kann sie die Frechheit haben, in dieser Situation über belanglose andere Dinge zu sprechen? Wie auch immer, alle Welt weiss davon, in welcher Scheisse ich Stecke mit den Zeiten, wo ich im Haus sein muss und dass ich mich nur mehr oder weniger daran halte. Jedenfalls sagte Bena, ich sei um 18.00 Uhr überfallen worden, das ist vor Einbruch der Dunkelheit. Ich kam schliesslich mit der Frau nach Hause, die mir Keckse angeboten hatte. All die Leute mussten ja nach South C, wohin wir ursprünglich unterwegs waren. Sie hatte einen Freund angerufen, der einen anderen Freund schickte, um sie abzuholen und sie wollte möglichst viele Leute mitnehmen, weil sie diesen Mann selbst nicht kannte. Wir quetschten uns zu fünft auf dir Rückbank eines Wagens und fuhren los. Auch der ruhige Mann, er heisst Felix, kam mit uns und sagte die ganze Fahrt über nichts, währen wir Frauen schnatterten wie wild. Stressbewältigung. Die Fahrt war irgendwie lustig, ich habe jetzt eine Menge neuer Freunde in South C. „Pole sana, nimeskia“ (Es tut mir sehr leid, ich habe es gehört), sagte Grace, als sie mir das Tor öffnete. Mrs. Chege kam die Treppe herunter, entschuldigte sich ebenfalls und begann mit einer Stimme und einem Gesicht Fragen zu stellen, als wäre sie ausgeraubt worden und nicht ich. Ich rechnete fast damit, dass sie zu heulen beginne. Sie fragte, um welche Zeit es passiert war, 18.00 Uhr, sagte ich, ich habe schon genug Ärger mit neuem Pass beschaffen usw. da brauche ich nicht auch noch ehrlich zu sein und einzugestehen, dass ich um halb 8 noch in der Stadt war – man muss die Dinge ja nicht unmöglich kompliziert machen, oder? Das war einfach genial, Zufall, dass Bena der Kerubo die selbe Zeit gesagt hatte, aber egal, genial. Sie rief Kerubo an, um ihr zu sagen, dass ich daheim wäre. Kerubo sagte ihr, sie würde mich morgen anrufen?!? Sie brauchte ein paar Minuten, um zu realisieren, dass dieses Vorhaben kompliziert werden würde, da mein Handy ja weg war, und rief nochmals Mrs. Chege an, um mit mir zu sprechen. Sie fragte, ob ich okay sei, und dass ich auf die Botschaft soll wegen dem Pass und gute Nacht. Mrs. Chege wollte, dass Grace für mich Essen aufwärmt, doch ich war wirklich nicht hungrig. Sie sagte dann, ich solle wenigstens ein Glas Milch trinken, was ich nicht ablehnte. Sie muss wirklich besorgt sein, um mir ein Glas PURE Milch anzubieten. Ich wollte dann nur noch schlafen, doch als ich schliesslich im Bett lag und mich etwas entspannte, begann ich so richtig zu realisieren, was passiert war. Ich tastete mehrmals nach dem Handy, weil ich irgendjemandem schreiben wollte, irgendwas, nur um sicher zu stellen, dass ich nicht alleine auf der Welt war. Doch mein Handy war weg. Und mein toller Rucksack, so gross und bequem und mit all den vielen Fächern. Okay, sorry Marius, dein toller Rucksack… tut mir leid! Und mein Taschenmesser, und die Spielkarten, so viel gebraucht, sie hatten 3 anstatt zwei Joker, was die Spiele viel spannender machte. Vorallem wenn nicht alle wissen, dass es mehr als zwei Joker gibt (hihi). Und mein Tagebuch… halb voll geschrieben, ein halber Monat weg. Und meine Haarbürste. Nie hätte ich damit gerechnet, dass mir jemand all diese Dinge stehlen würde. Ich wäre mehr oder weniger gefasst gewesen, wenn ich mal im Dunkeln auf dem Heimweg umzingelt und um Geld und Handy erleichtert werden würde, aber DAS! Ich schlief dann doch irgend wann mal ein und träumte wirres Zeug über Herumschleichen und Verfolgen, wusste aber, dass ich träumte und nervte mich nur. Ich war froh, als Grace an die Tür klopfte und mich um 7 Uhr weckte, worum ich sie gebeten hatte, ich habe nämlich keinen Wecker, hab immer das Handy benutzt. Mein Gott, hätte nie gedacht, dass ich so abhängig werde von dem Gerät! 06.03.2008 Donnerstag Mrs. Chege ist jetzt plötzlich sehr aufmerksam. Stellt euch vor, sie fragte, wie ich geschlafen hätte. Und ich sagte: „What?“ Haha, ich hatte so sehr nicht mit so einer freundlichen Frage gerechnet, dass ich gar nicht verstand, was sie sagte. Ich ging ins Happy House, erleichterte mich meiner Geschichte und wurde nach Hause geschickt, ich solle all die Dinge, die es zu erledigen galt, jetzt tun. Ich ging kurz zurück nach Hause, um Ausweis – ja, immerhin habe ich meine Aliencard - und die Umrandung der Simcard zu holen, die kriege ich nämlich gratis ersetzt. Für die Botschaft war es zu spät, sie schliesst um 12.00 Uhr. Ich hatte etwa eine Stunde im Stau gestanden und hatte keine Chance. Das mit der Botschaft wird sowieso spannend, ich muss nämlich meinen Pass vorweisen, wenn ich schon nur das Gebäude betreten will… aber der Ausweis wird schon hinhauen, dort ist auch die Nummer meines Passports drin. Schade… all die interessanten Stempel und das Visa von Tansania sind verloren. Und die Resident Permit, glaube nicht, dass ich die ersetzt kriege… Im Internet Kaffee traf ich auf Anna (das ist toll, man trifft fast immer auf jemanden, den man kennt in diesem Cyber) und wir gingen Mittagessen. Sie kam gerade vom ICYE Office und kannte meine Story schon, Kerubo hatte es erzählt, aus welchem Grund auch immer. Anna hat seit einer Woche kein Projekt, sie hatte zuvor mit Red Cross gearbeitet, das ist jetzt aber vorbei. Kerubo hat ihr ein Projekt angeboten, das sie in drei Wochen starten kann, das heisst, einen Monat herumhängen. Anna möchte gerne mit Julia reisen gehen und fragte um Erlaubnis, zwei anstatt einen Monat Reisen zu können, doch Kerubo hat es verboten. Aber dass sie JETZT einen Monat nix zu tun hat, ist kein Problem… Wir verabschiedeten uns und ich tauchte in den weniger schönen Stadtteil jenseits der River Road ein, weil ich vorhatte, nicht 100 Franken für ein neues Handy zu bezahlen, wenn ich das selbe Modell auch für 50 bekomme, nur halt ohne ausgedruckte Rechnung. Sowas wie Garantie funktioniert hier eh nicht und wenn was kaputt geht, ists billiger, ein neues zu kaufen, also. Ich kaufte das billigste neuste Nokia Modell, Nokia 1200 für 40 Franken, einen 1 GB USB Stick für 18 Franken (okay, habe keine Ahnung, ob das teuer ist oder nicht, aber ich brauche ihn, denn wenn ich meine Mails und alles im Internet schreibe, brauche ich viel mehr Geld) und eine Celtel SIM Card für einen Franken – Celtel ist besser und billiger zum Telefonieren und SMS schreiben, das Problem ist nur, dass alle Safaricom haben, aber das wird sich bald ändern und es ist sowieso praktisch. Dann holte ich eine neue Safaricom SIM Card, ich habe meine alte Nummer zurück, vielleicht ist sogar noch das Guthaben drauf, weiss es noch nicht, weil die SIM nicht funktioniert, muss zurück in den Shop… Um 16.00 Uhr war ich auf dem Weg nach Hause. Ich sass hinten im Matatu, es war ein komisches Gefühl. All die Leute, die da sassen und nichts dachten, ihren eigenen Gedanken nachhingen. Wie gestern, und dann plötzlich… Wahrscheinlich wird es noch eine Weile gehen, bis ich nicht mehr aufschrecke, wenn sich meine Sitznachbarn bewegen oder herumdrehen, bis ich nicht mehr Szenen vor Augen habe, wenn ich in ein Matatu steige und Stimmen höre, irgendwo im Hinterkopf… I’ll kill you, I’ll fuck you... Grace gab mir wiederum ein Glas Milch, dann half ich ihr bei den Hausaufgaben. Wörter lesen mit „ck“. „A fat man has a neck“ „Go and get a duck“ … Mrs. Chege fragte, ob Kerubo da gewesen sei, sie habe mich besuchen kommen woollen. Okay, Kerubo hatte das vielleicht gesagt, aber jetzt wo sie weiss, dass ich am Leben und unverletzt bin, ist die Sache für sie abgeschlossen. Die wollte mich genauso sehr besuchen kommen wie sie mich damals anrufen wollte, nachdem ich aus dem Krankenhaus kam. Jajaja. Wir werden uns vielleicht am Montag sehen, ich werde auf dem Office mein Taschengeld abholen gehen. Meine Haut ist ENDLICH nicht mehr gerötet, wird auch Zeit, bin schon fast eine Woche vom Strand zurück. Dafür beginnt sie sich jetzt am ganzen Körper abzulösen, ich sehe aus wie ein Zombie, aber immerhin tut das nicht weh (und macht sogar ein bisschen Spass, zu versuchen, möglichst grosse Fetzen abzuziehen, harharhar) und mein Gesicht und die Arme blieben verschont.

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