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21.11.2007 bis 1.01.2008

 

21.11.2007

 

Heute war ich beim Coiffeur. Ich konnte es nicht mehr länger herauszögern, schon seit Tagen ärgere ich mich selbst darüber, dass ich kaum mehr was sehe und ich ununterbrochen damit beschäftigt bin, mir Haare aus den Augen zu wischen. Ausserdem haben sich Freunde darüber beklagt, dass ich sie in der Stadt ignoriere – dabei sah ich sie einfach nicht! Also, Haare weg! Ich ging in den selben Salon wie das letzte Mal, zu Emmas Coiffeuse. Sie freute sich, mich wieder zu sehen. Wir setzten uns hin, um über den Preis zu verhandeln. Sie wollte erst 800 Schillinge für das bisschen Schnippeln und Färben – wir einigten uns schliesslich auf 500, obwohl das immer noch zu viel ist. Ich werde nicht mehr dort hin gehen, aber im Moment weiss ich noch keinen anderen Coiffeur, darum hatte ich keine Wahl.

Haare färben… Die gute Frau hatte keine Ahnung, obwohl die Leute das hier auch machen. Erst einmal musste ich sie überzeugen, dass die Haare trocken sein müssen, um die Farbe (die musste ich übrigens selbst mitbringen, die war nicht im Preis inbegriffen) aufzutragen, wie es in der Anleitung steht. Auch das Mischen der Farbe musste ich selbst übernehmen. Ich hatte dann schon mal ziemlich angst, wie das wohl herauskommen würde, und dann begann sie, die Farbe aufzutragen und es sah so schrecklich pink aus, dass ich nicht mehr hingucken konnte… Doch schlussendlich, nachdem meine Haare fünfmal (!!!) einschamponiert und ausgespült wurden und ich glaubte, bald keine Haut mehr auf dem Kopf zu haben, ich die Coiffeuse davon überzeugt hatte, dass ich keine Lockenwickler brauche und die Haare mit einem normalen Föhn trockengeblasen werden können, sah es dann gar nicht mehr so pink aus, sondern eigentlich ganz okay rot. Ich war erleichtert und rannte davon, bevor sie mir wieder Tonnen von diesem Pomadenzeugs in die Haare schmieren konnten wie bei meinem ersten Coiffeurbesuch hier in Kenia.

Ich ging nach St.Bridgets um Lena und Jona auf wieder sehen zu sagen, denn sie fliegen morgen für zwei Wochen nach Lamu und dann schon bald zurück nach Deutschland. Ich begleitete Lena auf einen muslimischen Markt ein paar Matatuminuten entfernt, wo sie eine ganze Menge wunderschön gemusterten Halstüchern als Mitbringsel für ihre Freunde einkaufte. Zurück in der Stadt hatte ich wieder einmal Probleme, ein Matatu nach Hause zu kriegen. Inzwischen weiss ich ja, dass ich nach fünf Uhr abends nicht mehr in ein beliebiges Matatu steigen darf, sondern nur in solche, die bis „Junction“ fahren. Ein Matatu nach dem anderen kam heran und die Kondukteure schrien: „Salem“ (Jerusalem, liegt gleich neben dem Gebiet, wo ich wohne)… Doch die ganze Menschenmenge um mich herum schien wie ich auf ein Matatu nach „Junction“ zu warten. Und dann, als die Tür eines der Salem-Matatus genau auf meiner Höhe war, entschieden sich Kondukteur und Chauffeur, nun doch bis Junction zu fahren, der Kondacta schrie „Junction“ und WUMMM – ich wurde regelrecht in den Bus katapultiert, weil sich alle hinter mir auf das Matatu stürzten – aber ich war drin!

Zum Verkehrschaos hier: Irgendwie gibt es keine regelmässigen Stosszeiten, es ist nicht so, dass jeweils zwischen 7 und 9 Uhr Morgens und 17.00-19.00 die Hölle los ist, weil alles nach Hause will… Ich bin auch schon um fünf Uhr abends in der Stadt in ein Matatu gestiegen wie heute und musste warten, bis es voll war, damit wir endlich losfahren konnten! Vielleicht liegt es am Wochentag, dachte ich; jeweils Stau am Montag und am Freitag oder so was, aber nein, so ist es auch nicht… wirklich, ich habe keine Ahnung, das Chaos bleibt undurchschaubar.

 

 

22.11.07

 

Um halb neun verliess ich das Haus und stellte mich im strömenden Regen an die Strasse. Die ersten drei Matatus Nummer 8b waren schon voll, die nächsten paar riefen „Garage“, was heisst, dass sie nur etwa die Hälfte der Strecke fahren, die ich bis ins Projekt zurücklegen muss. Ich bin schon froh, kenne ich mich inzwischen ziemlich gut aus mit den Routen und habe mich so weit an die Sprache gewöhnt, dass ich verstehe, was die Kondukteure rufen, sonst wäre ich nämlich eingestiegen und zu früh abgesetzt worden und hätte ein Problem gehabt: zu wenig Geld. Weil ich nur noch grosse Noten hatte, steckte ich am Morgen nur das Kleingeld ein, was genau bis zur Arbeit und zurück reichen sollte.

Ich wartete fast 45 Minuten, bis endlich ein Matatu kam, bezahlte aber dann mehr als üblich  - wenn es regnet, schiessen die Fahrpreise in die Höhe. Gut, dachte ich, wenn es am Abend nicht mehr regnet, komme ich mit meinen 40 Rappen noch nach Hause. Wir fuhren fünf Minuten, dann steckten wir im Stau. Und zwar so richtig. Irgendwann entschied dann der Chauffeur, dass er jetzt umkehre und wir mussten aussteigen und zu Fuss gehen, toll. Immerhin kannte ich vom vielen hier durchfahren die Strasse und wusste, wo ich hingehen musste. Um 10 war ich im Projekt, nach eineinhalb Stunden!

Wir haben jetzt übrigens Licht im Baby Care, endlich wurden die Kabel gelegt, doch das ist auch schon alles, die Waschmaschine funktioniert noch immer nicht.

Cheroque, die Frau, mit der ich damals an der Trade Show war und mit der ich dort auf den Präsidenten gewartet hatte, kam uns besuchen. Cheroque ging ihrem Lieblingsthema nach; den verschiedenen Stämmen Kenias. Da gibt es zum Beispiel einen Stamm aus dem Norden, denen wird nachgesagt, sie essen Menschenfleisch. „In fact, it’s true!“ Bevor sie mir mehr erzählen konnte, pinkelte Lee auf den Boden und sie begann über ihn zu lästern, dass er abgeschlagen gehört, weil er keine Manieren habe, auch nehme er den anderen Kindern immer das Spielzeug weg und heule dann, wenn er von den anderen was auf den Kopf kriegt und überhaupt sei die Mutter schuld, dass er so ein schlechtes Kind sei, dem könne man nachgehen bis tief in ihr inneres, wo die Mutter verdorben ist und alles an ihr Kind weitergibt uuund – dann hörte ich nicht mehr zu weil die Köchin den Ujikrug brachte und ich aufsprang um ihn ihr abzunehmen. Der Uji war heute angebrannt, wie der Reis in den letzten Tagen, ich trank ihn trotzdem, irgendwie fand ich den neuen Geschmack interessant.

 

Selbstverständlich begann es genau dann wieder zu regnen, als ich mich auf den Heimweg machte. Ich hatte etwas Angst, weil ich glaubte, heute herausfinden zu müssen was passiert, wenn ein Muzungu zu wenig Geld dabei hat, um das Fahrgeld zu bezahlen, es war dann aber doch nur 20 Schillinge wie üblich – uff!

Der Stau war noch schlimmer als am Morgen, die Kondukteure mussten aussteigen und den Verkehr regeln, unser Matatu fuhr dann schliesslich eine schreckliche Abkürzung über eine enge überflutete „Strasse“ Ich hatte den schlechtesten Sitzplatz ever: auf der hintersten Bank, die meistens erhöht ist, so dass man den Kopf sowieso schon einziehen muss, um damit nicht dauernd an die Decke zu knallen und zudem in der Ecke, was bedeutet, dass mein Schädel nicht nur von der Rückwand bedroht wurde, sondern auch regelmässig gegen das Fenster schlug. Und dann hatte ich auch noch Emmas riesigen Schirm dabei, der sich nirgends verstauen liess… Einmal mehr dachte ich mir, dass ich es nicht mehr viel länger in dieser Stadt aushalte.

 

 

 

 

23.11.07

 

Eine neue Mitarbeiterin, endlich. Noëlle heisst sie, das ist alles was ich weiss, sie redet nicht mit mir, sagt knapp hallo, aber okay, ich gehe sowieso bald, bin nur froh, hat Betty eine Aushilfe, so kann ich mich ohne schlechtes Gewissen davonschleichen.

Die Ratten werden unglaublich vorwitzig, ich muss nicht mehr allein sein und still sitzen im Baby Care, damit sie hervor kommen. Die Kinder schliefen, Betty Nöelle und ich sassen in unseren Stühlen und hörten Musik aus einem kleinen tragbaren Radio, als plötzlich zwei riesige Ratten aus einer Ecke hervor schossen und begannen, sich durch den Raum zu jagen. Als die Viecher zu ihrer dritten Runde ÜBER meine Füsse ansetzten, hatte ich genug und kickte eine von ihnen quer durch das Zimmer. Sie war nicht tot, doch immerhin verschwand sie, und mit ihr auch die zweite Ratte.

Als ich später allein war, beobachtete ich, wie eine Ratte vom Boden auf den Stuhl sprang – ich hatte nicht gewusst, dass die so hoch hüpfen können – vom Stuhl auf den Tisch, und vom Tisch ins Gestell, wo eine Schale mit Reis stand, an die sich das Tier heranmachte. Ich stand mehrmals auf, um sie zu verjagen, doch sobald ich mich wieder hingesetzt hatte, kam sie wieder hervor und erklomm das Gestell, bis ich den Reis schliesslich woanders hinräumte.

 

Eine Gruppe Männer und Frauen treffen sich jeweils abends in einer der Baracken im Projekt, um gemeinsam zu beten, wie ich das verstanden habe. Sie haben nichts mit dem Projekt zu tun, doch Angelina hat ihnen einen Raum zur Verfügung gestellt. Ein Mitglied der Gruppe ist Roto. Als er das erste Mal im Baby Care auftauchte, glaubte Betty, er wolle eines der Kinder stehlen und sie stellte sich schützend vor die Tür, denn Roto hob jedes der Kleinen hoch, fragte nach ihren Namen, dem Alter usw. und fand besonderes Interesse an Brenda, der Jüngsten. Inzwischen wissen wir, wer er ist und Betty liess ihren Verdacht fallen, sieht ihn aber immer noch nicht gerne. Ich geniesse es, unterhalten zu werden, bis die Kinder aufwachen, auch wenn die Gespräche mit Roto oft ziemlich verwirrend sind:

 

Roto: „Wie viele Kinder hast du?“

Ich: „Ich? Keine, ich bin erst 19. Warum fragst du, hast du Kinder?“

Roto: „Nein nein. Nur eines“  

Ich: „Oh, ein Junge oder ein Mädchen?“

Roto: „Ein Mädchen“

Ich: „Und wie heisst sie?“

Roto: „Er heisst Alex“

 

 

24./25.11.2007

 

Dieses Wochenende war ich mit Bena, Victor und Wambui in einem Park Namens „Paradise Lost“ in der Nähe von Nairobi.

Wambui studiert Medizin, das ist eigentlich alles, was ich über sie weiss. Und ihre Eltern sind reich. Sie hat das Gefühl, ich mag sie nicht, weil ich das erste Mal, als ich sie in Begleitung zwei ihrer Freundinnen traf, nicht an ihrem Gespräch teilgenommen habe – was weiss ich über ihre Ex-Freunde?? – ich KONNTE nicht mitreden, aber egal.

Victor studiert Accounting, erklärte mir, was ich mir genau darunter vorzustellen habe und fragte dann: „Hört sich langweilig an, nicht?“. Mir rutschte ein „ja“ heraus und er rief: „What? You’re supposed to say noonoo!“ und dann lachte er los und seither sind wir Freunde (=

Bena, Victor und ich trafen uns am Vormittag in der Stadt, kauften Chips, Pommes, Hühnchen und was es sonst noch so alles braucht für ein Picknick ein und fuhren dann mit einem Matatu zu Wambui. Das heisst, wir stiegen an einer Tankstelle aus und wurden dort von ihrem Chauffeur (einer der Chauffeurs der Familie, um genau zu sein) abgeholt. Ich wollte gerade ins Auto steigen und hatte meine Hand im Türrahmen, um mich hochzuziehen – es war so eine Riesenkarre, mehr weiss ich nicht über Autos -  als Victor, der Vorne eingestiegen war, die Tür zuschlug. Ich schrie „aua“, auch wenn es nicht weh tat, aber ich sah meine Hand in der geschlossenen Tür eingeklemmt! Ich lachte dann etwa fünf Minuten, ich glaube ich war einfach geschockt, doch meine Hand ist okay, nur zwei blaue Strieme (=

Ich weiss nicht, wie das Gebiet heisst, wo Wambui wohnt, jedenfalls ist es Ummauert, man trifft viele Weisse und Villen wie sie dort stehen habe ich noch nie zuvor gesehen… Ich hätte mir Wambuis Haus gerne von Innen angesehen, doch sie wartete am Tor, stieg zu uns ins Auto und der Chauffeur brachte uns in den Park.

Ich habe zwar meine Aufenthaltsbewilligung jetzt im ICYE Office abgeholt, muss aber noch den Pass stempeln lassen und den eigentlichen Ausweis abholen gehen, und das alles in einem Büro am anderen Ende der Stadt… Ich hätte mich Ohrfeigen können, es noch nicht getan zu haben, als wir nun am Eingang des Parks standen…

Doch die anderen liessen den Wächter gar nicht erst ausreden, als er das zum Wort „Touristenpreis“ ansetzten wollte -  sie redeten auf ihn ein, ich werde hier bald heiraten und dann werde ich automatisch Bürgerin und er solle gefälligst nicht schwierig tun und schon waren wir im Park (=

„Paradise Lost“ ist wirklich ein Paradies: Wasserfälle mit verborgenen Höhlen dahinter, in die man hineinklettern kann und durch enge Tunnel in immer weitere immer kleiner werdende Höhlen gelangt, Pfade durch einen dschungelartigen Wald mit vielen kleinen Holzbrückchen über Bäche und ein See. Man kann Boote mieten und auf den See hinaus rudern, doch das taten wir nicht, es war Unterhaltung genug, den anderen zuzusehen, wie sie auf ihren Booten unkoordiniert mit den Rudern hantierten und hilflos im Kreis herumpaddelten.

Wir hatten ein tolles Picknick (und hätten noch gut fünf weitere Leute füttern können mit dem Essen, das wir mitgebracht hatten) und wurden am Abend wieder vom Chauffeur (diesmal einem anderen, der im Wagen vor dem Parkeingang schlief, den Wambui hatte ihn schon etwa zwei Stunden bevor wir aufbrachen gerufen, damit er dann auch wirklich da sein würde, wenn wir nach Hause wollten) abgeholt und in die Stadt gefahren.

 

27.11.2007

 

Als ich heute Morgen am Strassenrand stand und versuchte, ein Matatu zu kriegen, war ich nahe daran, umzukehren und zurück ins Bett zu kriechen. Keine Ahnung was los war, aber die Nummer 8b schien nicht zu fahren heute…

Irgendwann tauchte dann doch eine 8b auf und es gab tatsächlich noch einen freien Platz für mich – nun gut, nicht einen freien Platz, aber Platz. Wir waren schon fast beim Gikomba Market, als der Kondukteur fragte, ob jemand zum Kariokor Market müsse. Ich sage nie ja, ich will nicht, dass sie nur wegen mir den Umweg fahren müssen, und es ist ja eigentlich kein Problem, die Strasse vom Gikomba Market hinauf zu meinem Projekt zu laufen. Also sagte ich nichts, doch der Chauffeur wusste, wo ich hin musste – er schien mich zu kennen, wie wohl inzwischen alle der paar wenigen Nummern 8b Chauffeurs. Die beiden begannen zu besprechen, ob sie nach dem Gikomba noch zum Kariokor Market fahren sollen, denn nun waren wir schon beim Gikomba. Ich konnte dem Gespräch nicht gänzlich folgen und wusste nicht, was sie nun vorhatten, darum stieg ich aus und begann zu laufen. Sie überholten mich später, bremsten und winkten mich ins Matatu, doch ich hatte das Projekt schon fast erreicht und schüttelte bloss den Kopf.

Ein paar Meter vom Projekttor entfernt sagte plötzlich ein Mann hinter mir: „This trouser shows that you’re skinny“. Ich verstand aber: „This trouser shows your skin“ und ich schrie erschrocken „What??“ weil ich schon dachte, ich hätte ein Loch in der Hose und wisse nichts davon. Der Mann sah mich nur komisch an und ging weiter.

 

 

DEZEMBER

 

Am 5. Dezember kamen Simon und Tarek nach Nairobi, ich flüchtete aus dem Projekt nach St.Bridgets, um sie zu sehen. Ich wusste, sie wollten herumreisen gehen, und ich wollte unbedingt mit, um weg zu kommen von dem Projekt und überhaupt allem hier. Simon hat einen Gastbruder, der Familie in Tansania hat, und er wollte mit ihm diese Besuchen gehen und dann weiter durchs Land reisen. Tarek würde auch mitgehen und sie waren damit einverstanden als ich fragte, ob ich mich anschliessen könne. Einen Tag vor Abreise kam Pedro von Mombasa nach Hause, und beschloss, auch noch mit uns zu kommen, weil er ja nichts mehr zu tun hatte in Nairobi, bis er dann am 23. Dezember nach Hause fliegen würde.

Für mich war es eine Blitzentscheidung gewesen und ich war eigentlich total überfordert damit, den ich wusste von NICHTS, auch nicht, für wie lange wir unterwegs sein würden, hatte keinen Rucksack, meine Kreditkarte war am Ablaufen, ich hatte keine Ahnung, was ich für so einen Trip einpacken musste und ich hatte seit weiss nicht wie lange keine Malariamedizin mehr genommen… Ich organisierte mir innerhalb eines Tages einen Rucksack, kaufte Malariamedikamente, packte ein paar Kleider und Seife, damit ich unterwegs Waschen konnte und nicht so viel schleppen musste, warf einen Blick auf all die Medikamente, die ich hatte und pickte schliesslich nur Tabletten gegen Durchfall und ein kleines erste Hilfe Set heraus und wälzte mich am nächsten Morgen um halb fünf aus dem Bett; los geht’s.

 

 

So.. jetzt sollte hier eigentlich den ganzen Bericht über Tansania stehen… Vielleicht haben einige von euch schon Gerüchte gehört: ES WAR SCHRECKLICH, aber leider leider konnte ich mich noch nicht dazu raffen, den ganzen Bericht abzutippen, den ich unterwegs in Tansania bereits von Hand geschrieben habe… Ich werde es aber machen, versprochen.

Nur geht hier im Moment ziemlich viel ab und ich dachte, ich schreibe euch erst darüber, damit ihr wisst, dass ich noch am Leben bin… Also…

 

 

 

 

 

Ich kam am 16. Dezember um Mitternacht in Nairobi an, überlebte irgendwie den Marsch alleine durch die Stadt und hämmerte 10 Minuten an die Haustüre, bis mir endlich Milly öffnete. Ich hatte Emma zwar eine SMS geschrieben, dass ich spät kommen würde und sie die Tür doch bitte nicht von Innen her verriegeln soll, damit ich sie mit dem Schlüssel öffnen kann – doch die Tür war zu. Und ich hatte Glück, war Milly auf Besuch, denn wenn Emma erst mal schläft, erwacht sie nicht mehr.

Am nächsten Morgen sah ich Emma nicht mehr, sie ging wie immer in aller Herrgottsfrühe zur Arbeit…

 

Für die nächsten vier Tage ging ich nach Naivasha Campen, am Donnerstagabend kam ich zurück. Emma fragte mich, ob ich einen Moment Zeit habe. Sie sagte, ich solle doch bitte Kerubo fragen, ob sie eine andere Unterkunft für mich finden könne, denn Milly werde einziehen und im Januar komme ihre angehende Schwiegermutter, um eine Weile mit ihr zu wohnen, denn sie hat irgend eine Krankheit (Emma weiss auch nicht was) und muss in Nairobi behandelt werden. Das war wie ein Tritt in den A****

Ich weiss nicht, was ich genau getan habe, aber mit Emma habe ich es mir endgültig verscherzt… Kurz bevor ich nach Tansania ging hatte sie mich gefragt, ob ich lieber nach St.Bridgets ziehen würde, weil es ihr vorkomme, als würde ich lieber dort leben als mit ihr. Das stimmte natürlich nicht, ich wollte nur Zeit mit meinen Freunden verbringen, habe es aber mit dem vielen spät nach Hause kommen oder gerade ganz Ausbleiben wohl auf die Spitze getrieben. Emma und ich lebten aber schon von Anfang an ziemlich aneinander vorbei. Entweder sie kam erst nach neun nach Hause oder ich, und oft war sie schon im Bett oder ich ging früh schlafen. Sie hatte alles etwas persönlich genommen, weil sie einmal nach Hause kam und sah, wie Milly und ich zusammen in der Küche hockten, kochten und es lustig hatten. Sie fand, dass wir wohl zu wenig einfach sitzen und sprechen. Sie sagte, sie habe kein Problem damit, wenn ich das Wochenende ausbleibe und mit meinen Freunden verbringe, sie sei auch mal jung gewesen, man habe nur ein Leben und solle dies geniessen – solange dies nicht bedeute, Sex zu haben.

Ich beschloss, mehr daheim zu sein, doch es war schon zu spät, die Stimmung war dahin, Emma benahm sich total gekünstelt lustig und ich hatte keine Ahnung, wie ich MICH benehmen sollte. Und dann ging ich ein paar Tage später nach Tansania und war wieder weg, kam mitten in der Nacht nach Hause und weckte sie und war am nächsten Tag auch schon wieder weg, ohne die Chance gehabt zu haben, mich zu verabschieden. Ist schon nicht so toll, sie hat Gründe, wütend auf mich zu sein.

 

Ich lebte mein Leben weiter, sie ihres, Milly zog am Freitag ein, zudem kam ein weiteres Mädchen, Nancy, um eine Zeit lang mit uns zu wohnen. Wir sind jetzt zu viert, es herrscht Chaos, wir haben ein Schlafzimmer und ein Bett, zwei schlafen jeweils auf dem Boden. Ich flüchtete wann immer möglich aus dem Haus, was sollte ich noch dort, ich wurde nur ignoriert und war im Wege. Die Mädchen sprachen nicht mehr Englisch miteinander, wie sie es früher getan hatten, damit ich verstehen konnten, ich wurde nie gefragt, wo ich hingehe und mir wurde nie gesagt, wo die anderen hingehen und wann sie zurückkommen, wenn sie das Haus verliessen. Wann immer ich nach Hause kam, war die Tür so verschlossen, dass ich klopfen und eingelassen werden musste, ich fühlte mich sehr willkommen. Nun bin ich nur noch Besucher auf Zeit und es ist nicht besonders angenehm, kann aber im Moment nichts machen.

 

 

WAHLEN

 

Mir ging es nicht all zu gut, ich hatte kein Projekt mehr (der Kerubo hatte ich gesagt, dass ich nach dem Mid Year Camp, das in der ersten Januarwoche ist, wechseln will, was mein Recht ist, per Vertrag sogar!), kein Zuhause und Weihnachten stand vor der Tür – und ich hatte eine scheiss Angst davor, wusste ich nicht einmal, wie ich die Weihnachtstage verbringen würde.

Pedro traf ich am 22. das letzte Mal, dann flog er nach Hause und ich beneidete ihn ganz schrecklich darum, dass er Weihnachten mit seiner Familie in Brasilien würde verbringen können. Zudem gehen mir langsam die Leute aus hier in Kenia, jetzt habe ich nicht einmal mehr Pedro. Die ganze St.Bridgets-Gruppe fuhr schon für Weihnachten nach Mombasa – nur ich war noch in Nairobi.

Am Samstag vor Weihnachten nahm mich Mana, eine Freundin von Bena, mit auf den Masai Market. Sie ist Muslimin und muss immer im Buibui (dieser Ganzkörperüberwurf) und einem Kopftuch herumlaufen. Sie wollte mir unbedingt ein Weihnachtsgeschenk kaufen, sie ist etwas neidisch darauf, dass wir überhaupt Weihnachten haben in unserer Religion. Für Emma kaufte ich als Weihnachtsgeschenk einen ledernen Bilderrahmen, den ich ihr dann aber schlussendlich nicht gab – ich bekam schliesslich auch nichts und mag den Rahmen sowieso selbst *gg

Am 24. sass ich bis um 14.00 im Haus fest, weil die Nachbarn wieder mal Probleme mit dem Strom haben und am Vormittag an die Tür klopften – wie immer, wenn sie kommen, bin ich alleine zu Hause. Ich konnte den Schlüssel für die Tür zum Hinterhof nicht finden und musste sie durchs Haus in den Hof lassen, wo sich der Stromkasten befindet. Sie liessen schliesslich einen Elektriker kommen, der kurz vor 12 aus dem Haus ging – Mittagspause -  und sein Werkzeug vor dem Kasten liegen liess. Sein Glück, andererseits wäre ich nämlich aus dem Haus gegangen. Er kam erst kurz vor 14.00 Uhr zurück, ich war schon ziemlich angepisst und er musste es bemerkt haben, denn plötzlich war er dann ganz schnell fertig, packte seine sieben Sachen und verschwand.

Im Matatu in die Stadt bezahlte ich mit einer 50er Note und bekam nur 10 Bob zurück, obwohl ich wusste, dass die Fahrt nur 30 kostete und auch sah, wie die anderen Fahrgäste um mich herum auf 50er 20 Bob zurück bekamen. Im Moment war ja sowieso alles scheisse und dann werde ich auch noch von allen beschissen! Ich hatte eine ganze lange Fahrt Zeit, meine Wut aufzubauen und forderte beim Aussteigen vom Kondakta mein Geld zurück. Er bestand aber darauf, dass die Fahrt 40 sei. Ich sagte ihm zwar, wie traurig es doch sei, wenn er es nötig habe, mich um 10 Bob zu bescheissen und F*** you, doch er sagte nur Thank you und ging mit meinem Geld davon.

 

Weihnachten existiert hier zwar, wird aber nicht so gefeiert, wie wir es tun. Ersten Advent usw. gibt es nicht, keine Kerzen, keine Dekoration (die Dekoration in den grossen westlich orientierten Supermärkten wirken total fehl am Platz). Auch Geschenke werden nicht ausgetauscht. Weihnachten ist die Zeit, in der man Freunde und Familie besucht, isst, trinkt, Ferien hat.

Ich hatte zwar keine Weihnachten, es war aber dann doch nicht so schlimm, wie ich es mir vorgestellt hatte, irgendwann war ich darüber hinweg. Ich verbrachte alle drei Weihnachtstage mit Bena’s Familie, mehr oder weniger vor dem Fernseher. Ab und zu besuchten wir Viktor besuchen (der damals auch mit zum Picknick in den Park kam), der eigentlich nur zwei Häuser weiter wohnt, man aber seit ein paar Jahren einen zehnminütigen Umweg laufen muss, weil sein Haus zu einem anderen Distrikt gehört und eine unüberwindbare Mauer zwischen den beiden Häusern gebildet wurde. Victors Schwester sind laut und lustig und toll, ich hoffe, ich kann Silvester mit ihnen feiern, das würde lustig werden.

 

Und dann die Wahlen… Mir wurde geraten, nicht aus dem Haus zu gehen, also sass ich den ganzen 27. Dezember im Haus. Schon mit dem Wählen gab es Probleme, die Namen von Leuten fehlten auf Listen, der ganze Vorgang ging zu langsam, die Leute mussten stundenlang anstehen, um ihre Stimmen abzugeben – einige kehrten frustriert nach Hause zurück, ohne gewählt zu haben. Die Zählungen begannen in der Nacht und die Mädchen gingen nicht ins Bett. Ich ging zwar ins Bett, schlief aber nicht viel, weil sie herum schrieen und johlten wie verrückt.

Am 28.12. wurden dann die Stimmen gezählt, Emma, Milly und Nancy sassen den ganzen Tag vor dem Fernseher und verfolgten die Entwicklungen. Ich war gezwungen, das selbe zu tun. Irgendwo wurde ein Polizist erschossen, zwei weitere angeschossen. Gegen Abend ging ich dann doch in die Stadt, um kurz Simon zu treffen, der auf der Durchreise nach Mombasa war, um dort Silvester zu feiern. Ich hatte mich nach Tansania dazu entschlossen, nicht wie geplant auch nach Mombasa feiern zu gehen, weil ich erstens in Tansania so viel Geld verbraucht hatte und zweitens nicht so ein Partytier bin wie die anderen und nicht in den Kreis passen würde.

Die Resultate wurden nicht bekannt gegeben, die Leute wurden ungeduldig, eine weitere Nacht vor dem Fernseher.

Dann der 29.12. Ich wollte eigentlich in die Stadt, doch noch bevor ich aufbrach, kamen Milly und Emma von der Stadt zurück – zu Fuss (ein zweistündiger Marsch). Es gibt keine Matatus, es ist nicht sicher in der Stadt, Leute rennen herum, die Polizei ist nonstop im Einsatz, Chaos, BLEIB IM HAUS.

Der 30. kam, die Resultate sollten zwischen 10 und 12 Uhr vormittags bekannt gegeben werden. Um 18.00 Uhr wurde dann Mwai Kibaki zum Präsidenten erklärt – und Chaos brach aus. Kibera, der grösste Slum in Kenia, ging in Flammen auf, auch Kisumu (dort wohnen viele Kikuyu, Kibaki ist ein Kikuyu&hellip brannte, Busse wurden angezündet… Die Leute rannten in die Häuser, plötzlich war alles draussen wie leer Gefegt, die Kioske und Shops an der Strassen wurden verrammt. Es wurde dunkel und in der Nachbarschaft begann es zu krachen. Wenn wir den Fernseher ausschalteten, konnten wir Geschrei hören, um die Schüsse zu hören, brauchten wir die Lautstärke nicht herunter zu drehen… Emma begann zu hypern, heulte, hustete und würgte, bis es Milly endlich schaffte, sie zu beruhigen. Wir mussten das Licht im ganzen Haus ausschalten.

Es war kein gutes Gefühl, im Dunkeln zu sitzen und den Schüssen und dem Geschrei zu lauschen, dann begann auch noch ein Feuerhorn zu heulen, Leute rannten am Haus vorbei…  Für mich war das ganze total unrealistisch, wie in einem Kriegsfilm. Die Geräusche von draussen, die Bilder dazu aus dem TV.

Gegen 22.00 Uhr wurde es etwas ruhiger, die Schüsse seltener. Wir hatten nicht mehr viel zu Essen im Haus, es gab für alle ein paar Löffel Reis. Dann gingen wir ins Bett.

Raila sei verhaftet worden, das kommt aber nicht im TV.

 

31.12.07

 

Fernsehen bringt nichts, die lokalen Sender haben ein Verbot, aktuelle Bilder auszustrahlen, auch CNN hilft nicht weiter. Wir wissen also nicht so genau, was vor sich geht. Draussen ist es wieder mehr oder weniger ruhig, die Shops sind aber noch geschlossen. Ausser ein kleiner Kiosk, so haben wir wenigstens Brot und Tee zum Frühstück.

 

Nach vier Tagen im Haus sitzen habe ich endgültig genug, ich habe die Zeit mehr oder weniger mit Schreiben verbracht (nicht Tansania-Bericht, sorry). Mir beginnt alles weh zu tun, weil ich mich kaum bewege. Zudem hasse ich es, jeden Morgen aufzustehen und nicht zu wissen, was an diesem Tag sein wird – und schliesslich ist rein gar nichts.

Heute ist Silvester, und es wird kein Feiern für mich geben, das ist wohl schon mal sicher.

Immerhin wohnen wir hier in einer nicht all zu schlechten Gegend…Es ist relativ ruhig und sicher. Nur einen Distrikt weiter, in Buruburu, herrscht Chaos. Ich bin jetzt endgültig froh, nicht nach Mombasa gegangen zu sein…

Wir sitzen den ganzen Tag im Haus, keine News im TV, alberne Filme laufen, Komödien, alles Zeugs, um die Leute abzulenken…

Emma und Milly gehen und kommen mit Tüten voller Essen zurück, Tomaten usw, keine Ahnung, wo sie das Zeug hergekriegt haben..

Gegen Abend ging ich aus dem Haus, um Handy-Guthaben zu kaufen. Die ersten paar Kiosks sind geschlossen, bei einzigen, der geöffnet hat, herrscht ein enormer Andrang. Ich muss drängeln wie die Anderen, um endlich auch an die Reihe zu kommen, doch es gibt keinen Kredit mehr; der Typ versucht, mir eine Telefonkarte anzudrehen, doch es gibt weit und breit sowieso keine Telefonkabine. Keine Telefonanrufe für New Year, aber das Netz wird wohl sowieso überlastet sein, also egal.

 

Emma und Erin (ihre Schwester, die inzwischen auch bei uns im Haus wohnt) gingen um 10 ins Bett. Eine Stunde Später erhielt Emma einen Telefonanruf: Die Kinder des Bruders ihres Verlobten sind tot, sie weiss aber nicht, was vorgefallen war. Gedrückte Stimmung, sie kehrt wieder ins Bett zurück. Ich bleibe vor dem Fernseher und versuche, wach zu bleiben, auch wenn es nicht viel Sinn ergab. Dann war Mitternacht.

 

EUCH ALLEN EIN GUTES NEUES JAHR!!!!!!!

 

Draussen war für eine halbe Stunde Pfeifen und fröhliches Gejohle zu hören, Feuerwerk, das ich nicht sehen konnte. Die Geräusche gaben mir ein Gefühl der Normalität, die Leute feiern, alles wird gut, ein neuer Beginn. Ich ging ins Bett.

 

 

1.01.2008

 

Ich erwache und was höre ich? Das so vertraute „Schnaufen“ der Matatus!!! Wir frühstücken, dazu läuft „Sound of Music“ im TV, dann mache ich mich davon, endlich kann ich aus dem Haus!

Noch Meilen von Stadtzentrum entfernt, hält das Matatu plötzlich an; Strassensperre, ein mit Maschinengewehr bewaffneter Typ in Kampfanzug steht auf der Strasse und zwingt die Fahrzeuge umzukehren. Der Kondukteur forderte mich auf, auszusteigen, aber ich schüttelte nur panisch den Kopf und sagte, ich fahre zurück mit ihnen. Meine Pläne für den heutigen Tag brachen zusammen wie ein Kartenhaus. Eigentlich wollte ich ins Dormans gehen und einen Tomaten-Käse-Toast mit Pommes essen, und mit RICHTIGEM Heinz Ketchup, das es dort gibt, und dann Kaffee im Java und dann Internet und dann Glace aus dem Supermarkt – hätte ich alles eigentlich wirklich verdient, nach dem ganzen Hausarrest und der verpassten Festtage. Nun wurde nichts daraus, und am Kiosk gab es immer noch kein Handyguthaben und auch keine Milch. Nicht einmal Milch für mich! Zurück im Haus wollte ich eigentlich ins Bett, Musik hören, die Welt ausblenden und in Selbstmitleid versinken, doch Emmas Schwester lag schon im Bett, also konnte ich auch das nicht tun. Ein weiteres Problem war, dass mir das Papier ausging; mein Schreibheft, in das ich die letzten Tage nonstop alles gekritzelt hatte, was mir durch den Kopf ging, war beinahe voll. Doch bevor ich neue Pläne schmieden konnte, rief Kerubo an und sagte, ich werde heute ins Hostel umziehen! Emma hatte nämlich gesagt, ihre Schwiegermutter komme am 1.Januar, doch die kann wohl noch eine Weile nicht nach Nairobi kommen. Wie auch immer; ich schmiss in den Koffer, was ich nicht sowieso schon gepackt hatte, schloss ihn mit Gewalt und war 10 Minuten später bereit.

Emma bekam wässrige Augen, als wir uns verabschiedeten, ich verstehe sie wirklich nicht. Ich versprach, auf Besuch zu kommen, was ich auch tun werde.

Das Taxi musste einen riesigen Umweg fahren, überall Strassensperren. Einmal marschierte eine ganze Herde Soldaten über die Strasse.

Das Hostel befindet sich etwa einen halbstündigen Fussmarsch vom Stadtzentrum entfernt an der State House Strasse. Ich bin jetzt also ganz nahem beim Präsidenten (=

Ich deponierte nur kurz meine Sachen im Zimmer und ging dann in die Stadt, es war schon nach drei und ich hatte seit Tagen nicht mehr so richtig gegessen. Was für ein Glück, jetzt kriege ich doch noch meinen Toast – denkste! Die ganze Stadt ist wie ausgestorben, alle Läden sind geschlossen, sogar der Nakumatt Downtown Supermarkt, der 24 Stunden geöffnet ist (sein sollte)! Dorman’s Coffee house – geschlossen. Java’s Coffee house – geschlossen… Uchumi Supermarket – geschlossen. Der Tuskys Supermarkt ist geöffnet, oder jedenfalls so halbwegs, die Gitter sind nur halbwegs hochgeschoben, doch man kann rein. Die Regale sind leer: keine Milch, kein Brot, kein Gebäck, keine Früchte und Gemüse – nix. Ich kaufe Wasser und ein Schreibheft. Ein Kenchick Fastfood Restaurant ist geöffnet, ich bestelle Soda und Pommes. Die Preise für die Pommes wurden hochgeschraubt, es kostet jetzt einen Franken und nicht mehr 60 Rappen. Als ich danach nochmals zum Tuskys zurückkehrte, um Glace zu kaufen, war auch dieser Supermarkt geschlossen.

Die Stadt ist voller gelangweilter gereizter Polizisten, die in Zweiergruppen herumstreunen. Gegenüber dem Hilton Hotel stand ein Mann und wartete auf jemanden, er hatte seinen Rucksack auf einem Steinpfeiler abgestellt. Zwei Polizisten gingen auf ihn zu, und noch bevor sie ihm sagten, er solle sich davon scheren, begannen sie, mit ihren Schlagstöcken auf seinen Rucksack einzuprügeln! Einfach so! Ich beschloss, dass es Zeit wurde, mich selbst davon zu scheren, zurück ins Hostel. Auf dem Weg kam ich am Nakumatt Lifestyle vorbei, und der war offen – o Wunder! Ich kaufte mir eine grosse Flasche Fanta, eine Rolle Pringles Chips und Milch, die es hier gab, wenn auch nur noch ein paar wenige Tetrapacks übrig waren, und nur von der teuren Marke.

 

Im Hostel erkundigte ich mich, was denn alles im Preis inbegriffen sei, nur Frühstück der auch Abendessen. Jaja, Diner und Breakfast. Gut.

Bena kam mich kurz besuchen, er wohnt hier in der Nähe. Wir sassen auf der Hostelterrasse am Swimmingpool (ja, die haben hier sogar einen Pool!!) und jammerten uns gegenseitig an, wie scheisse doch das Leben im Moment sei. Auch bei ihm im Haus herrscht Chaos, seine Cousins sind eingezogen, sie wohnen in Kibera, dem Slum, der brannte. Auf dem Heimweg wurde er überfallen, Handy, Geld und Lipenpomade – alles weg /:

Ich war in der Zwischenzeit Abendessen, Reis und Fleischragout. Als ich gehen wollte, wurde ich gefragt, ob ich bezahlen wolle. Nein, eigentlich nicht (= Es stellte sich dann heraus, dass Abendessen doch nicht inbegriffen war, ich musste 130 Schillinge bezahlen für das Mahl. Das werde ich Kerubo auf die Rechnung setzen, schliesslich muss ICYE mich verköstigen. Für das Geld hätte ich was besseres zu Essen bekommen, aber der Typ an der Rezeption hatte mir halt nun mal versichert, ich könne „gratis“ im Restaurant essen.

Nun sitze ich in meinem Zimmer, trinke Fanta, esse Chips, schaue mir Filme an, schreibe Blog. Ich habe gerade erfahren, dass das Mid Year Camp, das nächstes Wochenende sein sollte, ausfällt bzw. verschoben wird, auf ungewisse Zeit.

Wie lange ich hier im Hostel sein werde, weiss ich noch nicht, Kerubo wird mich anrufen, sobald sie eine Familie hat. Meine Zukunft hier in Kenia ist ziemlich ungewiss, ich versuche, nicht daran zu denken, mich bald mit einer neuen Familie auseinandersetzen zu müssen, wieder von null beginnen, wieder einleben. Und wo werden sie wohnen? Und Arbeit habe ich ja auch keine, auch dort wieder neu anfangen. Ich wünschte, diese blöde Flasche Fanta hier wäre Vodka oder so was (= Neinnein, ich bin okay, alles wird gut!

 

 

 

 

 

 

 

 

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2.01.2008 - 9.01.2008

2.01.2008

 

Erwachen im Moment ist echt anstrengend; es rentiert sich einfach nicht, aufzustehen. Ich hatte aber Hunger und begab mich in den Speiseraum. Es gab Brot und Butter und Marmelade, das wars dann schon, doch das reicht, um mich glücklich zu machen: Butter UND Marmelade, da habe ich ja schon fast die Qual der Wahl.

Und nach dem Frühstück machte ich DIE Entdeckung des Tages: Die Dusche ist WARM!!! Heiss sogar!

Falls Kerubo von mir erwartet, den ganzen Tag auf dem Zimmer zu hocken, bis sie mich endlich anruft und auf den neusten Stand bringt, was die neue Gastfamilie betrifft, dann hat sie sich zu wenig klar ausgedrückt. Gegen 11.00 ging ich in die Stadt, der Alltag ist zurückgekehrt - könnte man auf den ersten Blick meinen. Doch noch immer sind viele Läden geschlossen, so zum Beispiel der Bata, der sonst sogar sonntags geöffnet ist. Auch der Uchumi Supermarkt ist zu! Doch das Internetkaffee ist offen, ich verbringe eine Stunde mit Mails schreiben, will dann eigentlich einen Kaffee im Java trinken, doch auch das ist noch geschlossen. Ich traf auf Bena und begleitete ihn nach Westlands, wo er sich in seiner alten Schule erkundigen wollte, ob sein kleiner Bruder nun dort Chancen hat. Der Bruder hat gerade die Primary School abgeschlossen, mit nur durchschnittlichen Resultaten im Examen, was heisst, dass er an der Schule seines älteren Bruders keine Chance hat, wie wir erfuhren.

Um kurz nach vier war ich wieder im Hotel, sicher ist sicher.

Jeder Tag ist Waschtag hier in Kenia, und weil mir sogar ein Eimer zur Verfügung gestellt wurde, nahm ich das ernst und begann, Kleider zu waschen, nicht dass sich das Zeugs anhäuft wie nach Tansania, wo ich dann einen halben Tag mit den Händen im Waschzuber verbrachte. Und ausserdem musste ich mich selbst beschäftigen.

Auf dem Heimweg hatte ich mir im Nakumatt Brot gekauft – es hatte nur eine Sorte gegeben, und Milch hatten sie auch keine dieses Mal. Dazu Blueband (Margarine). Das war dann mein Abendessen, Brot mit Blueband und Aromat (ich habe schon Aromat von daheim mitgebracht und meine Eltern haben mir noch zwei Beutel nachgeschickt – habe vergessen zu erzählen, dass es hier auch Aromat gibt, haha). Ich verbrachte den ganzen Abend mit SMS schreiben, ich bekam nämlich geflüstert, wie man es anstellen kann, dass es gratis ist, man muss irgend eine Nummer ändern, so dass die Nachrichten über Uganda kehren gehen – und tatsächlich gratis sind. Allerdings geht es Stunden oder Tage, bis die SMS’ ankommen – wenn überhaupt. Trotzdem, ich hatte Spass (=

 

 

3.01.2008

 

Ich schreckte aus einem Horrortraum hoch, wie ich ihn schon lange nicht mehr gehabt hatte: Ich war irgendwo in einem kleinen Holzverschlag, wie es sie hier in Kenia vor allem auf dem Land gibt: sie bilden das „Badezimmer“, haben ein kleines Loch im Boden als Abfluss, sind ansonsten leer. Jedenfalls kauerte ich dort und schrieb etwas auf einem Laptop und plötzlich bemerke ich, dass etwas an meiner Körperseite hatte: Von meiner Achselhöhle bis hinunter zur Hüfte klebte etwas schwarzes Schleimiges! Im selben Moment wo ich es bemerkte, wollen zwei Frauen in den Schuppen kommen, doch ich überrannte sie, weil ich aufgesprungen war und die Tür aufstiess. Ich warf mich bäuchlings ins Gras und schrie, jemand solle es wegnehmen, doch die Frauen begannen auch zu schreien, als sie es sahen. Und dann wachte ich ENDLICH auf.

Es war schon neun, und sie waren das Frühstücksbuffet schon am abbauen, doch ich ergatterte noch die letzten zwei Scheiben Brot. Heute war es richtiges Brot, luftige, dicke Scheiben, himmlisch. Leider leider musste ich dann herausfinden, dass früh aufstehen muss, wer eine warme Dusche haben will… Aber egal, muss mir ja nicht Dinge angewöhnen, auf die ich dann doch wieder verzichten muss.
Mein Vater rief dann an und erinnerte mich an die Demo, die heute stattfinden sollte, von der ich aber hier in Kenia selbst nichts gehört hatte. Ich begab mich in die Einganshalle (Halle ist das falsche Wort, in den Eingangsbereich, wohl eher. Auch wenn es sich vielleicht nach einem tollen Hotel anhören mag, weil es auch einen Pool gibt – ist es nicht, es ist alles klein und einfach, wenn auch sauber und wirklich okay!) wo es einen TV gibt. Dort sah ich dann, wie sich Leute an der Thika-Road (das ist weit weg, auf der anderen Seite der Stadt) und im Uhurupark (das ist ganz nah, ein paar Minuten von hier, wo ich bin) zusammenrotten und dann in das Stadtzentrum ziehen wollen, was die Polizei zu verhindern versucht. Noch während der Moderator darüber sprach, dass es eine friedliche Demo werden sollte, fielen im Schüsse im Hintergrund, das Bild begann zu schaukeln, weil der Kameramann am weglaufen war. Toll. Ich würde also im Hotel bleiben.

Ich ging zurück aufs Zimmer und fragte mich gerade, was ich noch waschen könnte (*lol*), als es klopfte. Vor der Tür stand ein der junge Schwarze mit Rastas, der auch in vor dem Fernseher war vor ein paar Minuten und am Handy mit jemandem Deutsch gesprochen hatte. Er sagte etwas von er habe schon Getränke bestellt aber ich sei davongelaufen und er wisse nicht, was ich denn gerne hätte oder so was, jedenfalls brauchte ich sowieso Flüssigkeit und sagte, ich sei in einer Minute im Restaurant.

Sam heisst er, das ist das einzige, was ich auf Sicher weiss, ansonsten bekam ich innerhalb von ein paar wenigen Minuten mehr Informationen, als ich verarbeiten konnte, doch so weit ich die Geschichte verstanden habe, ist es so: Sams Mutter ist von Tansania, führte ein Hotel in Zanzibar, der Vater ein Amerikaner. Die Mutter starb bei der Geburt, sie fiel ins Koma und Sam wurde per Kaiserschnitt herausgeholt. Er wurde von seinem leiblichen Vater, den er mit 20 das erste mal getroffen hatte, zur Adoption freigegeben und von einem Kanadischen Paar aufgenommen (bin nicht sicher, aber er hat einen Kanadischen Pass). Aufgewachsen ist er schliesslich in Japan, sein Adoptivvater ist Botschafter. Nun lebt er in München, ist jetzt aber auf Reisen (ein Zwischenjahr, er studiert Medizin). Er kam gestern von Dubai nach Nairobi zurück (er war schon letzte Woche auf ein paar Tage da, hatte sich ein Auto und Chauffeur gekauft und ging dann nach Dubai, um zu relaxen) und wird nun ein Jahr in Kenia bleiben und auch Tansania besuchen, denn das Hotel in Zanzibar gehört ihm, von seiner Mutter vererbt.

Eigentlich hat er ein Zimmer in einem Luxushotel, doch er mag es dort nicht, passt ja sowieso nicht in diese Welt mit seinen Rastas und den Badelatschen. Darum hat er jetzt ein Zimmer hier, wo er wie ein normaler Mensch behandelt wird.

Ein anderer Gast kam plötzlich auf ihn zu und sagte: „Hi Sam, how are you?“ Sam kannte den Typen nicht und sagte ihm das.. „Was, erinnerst du dich nicht an mich, ich habe deine Familie vor drei Jahren von Los Angeles nach Montreal geflogen!“. Aha.

Ich liess mir drei Gläser Fruchtsaft und eine Flasche Wasser spendieren. Sam erzählte mir, dass er einen gratis Raum im Nairobi Youth Hostel – ein paar Minuten entfernt von unserem Hostel – habe bis zum 26sten Mai, dass er ihn nicht gebrauchen und dass er den Raum auf meinen Namen umschreiben könne (drei Mahlzeiten am Tag inklusiv) wenn ich wolle – ich hatte ihm erzählt, dass ich im Hostel war, weil ich keine Gastfamilie mehr hatte. Ich sagte, das könne ich nicht annehmen, doch er meinte, ich solle mich nicht so anstellen, er brauche den Raum schliesslich nicht und es sei dumm, ihn einfach unbenützt zu lassen. Ich würde darüber nachdenken. Es war einfach zu cool, um wahr zu sein.

Wir schauten uns später Matrix auf meinem Laptop an – seins hatte er am Tag zuvor aus Versehen auf den Boden fallen lassen und es ging nun nicht mehr, doch er würde morgen ein neues kaufen…

Etwas nach 18.00 Uhr holte uns Sams Driver ab. Wir fuhren durch die verlassene Stadt, die ersten zwei Restaurants, wo Sam eigentlich hinwollte, waren geschlossen. Der „Havanna Club“ in Westlands hatte geöffnet und wir assen dort, ich hatte Fajitas – köstlich!! – und Wein – viel Wein. Sams Mutter rief an und fragte, ob ich auch nach Zanzibar wolle, sie sei gerade am Tickets buchen (alles gratis für mich, natürlich). Ein andermal vielleicht, danke.

Wir verliessen das Restaurant erst nach 22.00 Uhr, ich war betrunken und müde, hätte eigentlich nur noch schlafen wollen, doch Sam wollte noch irgendwelche Freunde treffen, Leute aus Japan, und so fuhr uns der Driver zum „Florida“, ein weiterer Bonzenclub, der zu 86.75 % Sams Adoptivmutter gehört, was bedeutet: Essen & Trinken for free. Für Sam bedeutete das, einen Whiskey nach dem anderen, für mich: WASSER. Ich konnte kaum sehen, vor Müdigkeit hatte ich Probleme mit den Kontaktlinsen und mein Blick war im wahrsten Sinne des Wortes getrübt. Okay, der Club ist Hammer, meine lieben Freundinnen, ihr hättet es geliebt!

Eine Stunde, einen Liter Wasser und einen Fruchtsaft später konnte ich endlich wieder sehen und fiel nicht mehr die halbe Treppe hinunter – die zu meinem Glück mit rotem Samt gepolstert war - als ich zum zweiten Mal aufs Klo ging. Es gab dann eine Tanzaufführung, Mädchen in Strings und BH schwangen ihre abgehungerten Hintern in die Gesichtern der männlichen Zuschauer – so richtig widerlich. Fast hätte ich einem uralten Muzungu hinter mir eine Serviette angeboten; ihm lief der Sabber beinahe aus dem Mundwinkel. Äks!

Irgendwann nach zwei Uhr morgens hatte ich auch genug davon, einen Typen zu beobachten, der stundenlang ganz für sich alleine tanzte, richtig gut, total vertieft, es gab nur ihn und die Musik, er ignorierte alle und alles um ihn herum.

Die Freunde hatten wir immer noch nicht getroffen, sie waren inzwischen schon in einem anderen Club und ich sagte Sam, dass ich ihnen nicht folgen, sondern lieber nach Hause wolle.

Auf den Driver warteten wir in einem etwas ruhigeren Teil des dreistöckigen Clubs, wo wir sogar miteinander sprechen konnten. Wir hatten auch zuvor eine Konversation gehabt, aber ich hatte kein Wort verstanden und einfach irgendwas geantwortet oder gar nicht, doch Männer schnallen das sowieso nicht (sorry). Sam hatte inzwischen über 6 Gläser intus und begann mir zu erzählen, wie sehr er mich mochte und dass er dieses Gefühl habe und so weiter.

Ich hatte schon ganz zu Beginn irgendwann einmal in unsere Gespräche einfliessen lassen, dass ich einen Freund habe und dachte, die Dinge seien für ihn klar. Doch die Art und Weise, wie er mich behandelte liess mich schon mehr als ahnen, dass ich Probleme kriegen würde.

Ich sah meine Chancen auf den gratis Raum im Nairobi Youth Hostel schwinden, doch was sollte ich tun? Ich sagte ihm, dass es mir Leid tue, ich aber seine Gefühle nicht erwidern könne. „It’s okay, lets go!“, sagte er, sprang auf und wir gingen. Sam war total deprimiert, fragte, ob er den Ipod haben könne, den ich an meinem Laptop für ihn aufgeladen hatte, er werde einfach unten sitzen und Musik hören, er könne nicht schlafen. Ich werde mich nie daran gewöhnen, Herzen zu brechen, und ich habe es satt, zumindest einmal wöchentlich irgendeinem Typen einen Korb zu verpassen. Es mag anfangs ja ganz unterhaltsam sein, und es ist wirklich praktisch, wenn man nur lächeln muss und einen gratis Drink bekommt. Doch die besten Freunde schreiben plötzlich nicht einmal mehr eine SMS zu Weihnachten, sobald sie herausgefunden haben, dass sie nie mit mir schlafen werden können. Und das Traurige an der ganzen Sache ist ja, dass es wirklich nicht um mich geht, sondern bloss um meine Hautfarbe…

 

4.01.2008

 

Sam trommelte um halb acht an die Tür. Eigentlich sollte ich ihm Dankbar sein, denn so bekam ich noch etwas vom Frühstück ab – sogar Früchte und Hühnerwürstchen – doch nach 4 ½ Stunden Schlaf… Immerhin war ich nun auch früh genug, um heisses Wasser zu kriegen, doch nach der warmen Dusche blieb nichts mehr zu tun. Sam hatte sich irgendwo hinfahren lassen, ich hatte es gewagt, ihn auf das Jugendhotel anzusprechen und er sagte, er gehe das abklären. Nun bleibt mir nichts mehr anderes übrig als zu warten…

 

Um etwa vier Uhr rief mich Kerubo an. Die Gastfamilie sei bereit. Sie werde mich abholen und hinbringen, sie lebe in South C. Ich brach in Panik aus, Pedros Gastfamilie lebte in South C, ich war 100% sicher, dass es die selbe sein würde, und das wollte ich nicht! Ich sagte Kerubo, dass ich in das Hostel ziehen könne von Sam, aber erst am Montag und dass ich die drei restlichen Nächte im YMCA selbst bezahlen würde.

Ich fand Sam im Internetkaffee. Er sagte, dass wir das Formular, das er unterschreiben müsse, damit ich seinen Raum in diesem anderen Hostel haben könne, erst am Montag kriegen können, weil über das Wochenende das Büro geschlossen sei. Okay…

5.01.2008

 

Am Vorabend war Sam mit Freunden ausgegangen, ich hatte nicht mitgewollt. Er sagte, er würde etwa um ein Uhr morgens zurück kommen, ob wir noch den Film, den wir angefangen hatten irgendwann, fertig schauen können. Ich stimmte zu, schlief aber dann ein. Um 5 Uhr morgens erwachte ich und machte Licht, ein paar Minuten später klopfte Sam an die Tür. Es war sein Geburtstag heute. Er sagte mir, dass er weg gehe aus Nairobi, weg aus meinem Leben, es sei zu schmerzhaft für ihn, in meiner Nähe zu sein. Ich fragte, ob er am Montag zurück sein werde, um das Formular zu unterschreiben. Er wisse es nicht… SCHEISSE!

 

6.01.2008

 

Als ich im Essraum nach einem Tisch Ausschau hielt, der Butter und Marmelade hatte, sagte jemand neben mir: „Sit here, you don’t have to eat alone“. So lernte ich Helmi kennen. Sie ist von Holland und war während den Wahlen in Kibera, im Slum. Sie konnte nicht raus, weil kein Taxi hineinfahren und keine Matatus hinaus gingen. Musste schrecklich gewesen sein! Ein Freund hat sie schliesslich mit einem Privatfahrzeug herausgeholt.

Es ist eigentlich ganz toll im Hotel, alle sind so einsam, man kann sich eigentlich zu irgendjemandem hinsetzen und ein Gespräch beginnen, alle sind so offen, erleben gleiche Dinge.

Ich sah Sam den ganzen Tag nicht, er war zurück ins Serena Hotel gezogen, wo er ja immer noch ein Zimmer hat. Aber immerhin war er noch in Nairobi. Am Abend schrieb er, er „hoffe“, er werde da sein morgen.

 

In Nairobi ist alles ruhig, der Alltag ist endgültig zurückgekehrt, nur ist immer noch viel Polizei unterwegs. Sie hatten einen Plausch im Uhurupark und verboten den Zivilisten, den Park zu betreten. Nicht aus einem bestimmten Grund, einfach so aus Spass, weil sie es verbieten können, wenn sie wollen und weil es doch lustig ist, nicht?

 

7.01.2008

 

Ich ging schon um 8.00 Uhr zum Frühstück, um Helmi nicht zu verpassen. Sie kam aber erst kurz vor neun, doch es war gut, sie wieder zu sehen, das Waten wert, hatte ja nix zu tun.

Ein George rief mich an und sagte, Sam habe das Formular unterschrieben, das Hoteltaxi sei aber besetzt, er rufe später an und sage, ob sie mich abholen oder ich selbst kommen soll!! Coool! Ich hatte den Raum!

Doch die Zeit verging… ich konnte George nicht anrufen, den er rief von einer Privatnummer aus an und auf meinem Handy zeigte es „keine Nummer“ an unter Anrufer…

Die Warterei war tödlich und stressig, und ich konnte nichts dagegen tun.

Um vier Uhr musste ich auschecken aus dem YMCA. Ich beschloss, einfach selbst zu dem Hotel zu fahren. Also nahm ich ein Taxi und liess mich hinbringen. Doch beim Nairobi Youth Hostel hatten die keine Ahnung von Sam, niemand sei hier gewesen, sagte der Mann an der Rezeption, der seit 3 Uhr Morgens bei der Arbeit sei... Er war aber unglaublich freundlich und sagte, ich solle einfach mal hier ein Zimmer nehmen, mein Gepäck abstellen und mich entspannen. Wenn meine Leute anrufen und ich gehen könne, müsse ich nicht bezahlen. Er fragte auch, seit wann ich in Kenia sei, und als ich sagte, seit 5 Monaten, da meinte er, dann sei ich Resident und müsse sowieso weniger bezahlen – ohne dass er meinen Pass sehen wollte, für ihn war das einfach klar. Solche Ehrlichkeit bin ich mir nicht mehr gewöhnt, erschreckend...

George rief an, er sei jetzt im YMCA, wo ich sei, ich sagte, beim Jugendhostel. Das sei das falsche Hostel, er rufe später an. Mist! Der Mann an der Rezeption sagte mir aber, dies sei das einzige Jugendhostel in Nairobi und ich war mir sicher, dass Sam gesagt hatte, es sei das Jugendhostel.

George rief nicht mehr an, ich schrieb Kerubo, dass ich doch eine Familie brauche. Sie sagte, ich könne morgen einziehen.

 

8.01.2008

 

Um halb elf war ich wie aufgefordert im ICYE Office, doch Kerubo war nicht dort, natürlich. Ich ging ins Sarit Centre, kaufte Milch und einen Käsekuchen, Frühstückte und kehrte zum Office zurück. Kerubo kam um 12 Uhr!

Sie begann dann zu reden wie immer, ein Wortschwall, der mich wie eine Welle erfasste und an die Wand schleuderte. Emma habe ihr gesagt, ich hätte schlecht über sie, Emma, gesprochen, irgend so was. Ich war total verwirrt, den das stimmte einfach nicht. Kerubo glaubte mir natürlich kein Wort und ich gab auf, sie zu überzeugen, war ja schlussendlich nun auch egal.

Meine neue Gastmutter hat ein kleines Geschäft im selben Gebäude wo sich auch das ICYE Office befindet. Kerubo brachte mich zu ihr. Die alte Frau hinter der Ladentheke sagte „hi“ und „mhm“ zu mir, wandte sich dann an Kerubo und begann über Geld zu sprechen. Doch Kerubo lehnte ab, dies vor mir zu tun, und so wurde ich auf einem Stuhl im Laden platziert und sollte erst mal warten – auf den Driver meiner Gastmutter, der mich abholen kommen sollte, damit wir das Gepäck beim Hostel holen gehen können. Kerubo hatte mir 500 Schillinge gegeben, weil ursprünglich geplant war, dass ich selbst zum Hostel zurück kehren und das Gepäck mit einem Taxi bringen lassen würde. Dann bot aber meine Gastmutter ihren Driver an, und Kerubo trug mir auf, das Geld ihm zu geben.

Der Driver kam, er heisst Maindi (oder ähnlich) und meine Gastmutter fragte mich, ob ich fürs Benzin bezahlen werde. Ich verstand die Frage nicht, sie spricht so undeutlich und mit diesem schrecklichen rollenden Kisii-Akzent, den ich so hasse. Sie wiederholte die Frage ein paar mal, fragte dann, ob ich Englisch spreche und schrieb die Frage auf. Dann schrieb sich auch ihren Namen auf, endlich: Mrs. Chege. Sie hat das Gefühl, dass ich ziemlich dumm bin, toller Anfang. Maindi fuhr mich ins Hostel. Es war immer noch der selbe Mann an der Rezeption. Er fragte, ob ich meine Leute erreicht habe, entschuldigte sich, als ich verneinte, wünschte mir viel Glück und sagte, ich solle doch mal auf Besuch vorbeischauen.

Ich liess mich in der Stadt absetzen, Maindi kehrte mit meinem Gepäck nach Westlands zum Laden von Mrs. Chege zurück. Um 17.00 Uhr war ich wieder bei ihr, sie wies auf den Stuhl und hatte tatsächlich das Gefühl, ich würde nun dort sitzen für zwei Stunden. In einem Restaurant in der Nähe kaufte ich mir Soda und schlug die Zeit mit Schreiben tot.

Zurück im Auto mit Maindi fragte ich ihn, ob er über Weihnachten in Kisii gewesen sei. Er fragte, wieso denn, und ich sagte, weil er doch von dort komme… Peinlich peinlich, Miss Neunmalklug; er und Mrs. Chege sind keine Kisii sonder Kikuyu, hatte nicht gewusst, dass sich beide Sprachen so schrecklich anhören. Jaja, ist doch eine tolle Idee von Kerubo, mich in dieser wilden Zeit hier in Kenia in eine Kikuyu-Familie zu stecken. Denen werden allen die Häuser angezündet usw. weil der Präsident Kikuyu ist.

Wir standen etwa eineinhalb Stunden im Stau, das ist noch so eine angemessene Zeitdauer. Das Gespräch ging schleppend, weil für mich jede Frage, ob nun von Mrs. Chege oder Maindi, wiederholt werden musste.

Mrs. Chege erzählte, dass sie 71 Jahre alt sei, eine Christin und ein guter Mensch, sie könnte nie stehlen usw. Guter Mensch hin oder her, sie ist eine Businessfrau, knallhart. In ihrem Shop, wo sie allen möglichen Krempel verkauft, von Pinseln über Glühbirnen zu Zeitungsständern, hatte sie mehrere Kleber an die Wand gepappt, die Dinge sagen wie: „ Du bist mein Freund, danke! Du bist mein Verwandter, danke! Aber mein Geschäft kennt dich nicht!“ Oder: „In meinem Leben bist du mein Freund, in meinem Geschäft aber mein Kunde“   Sympathisch doch, nicht?

 

Die Gegend kam mir so bekannt vor, ich war schon mal hier gewesen. Philip ist nun mein neuer Nachbar, er wohnt nur einen Distrikt weiter, etwa 10 Minuten entfernt (= South C ist nicht eine wirklich reiche Gegend, doch sicher und ruhig, ein Militärposten oder so was ist gleich um die Ecke. Ich wohne nun im Hilai Estate, Hausnummer 29.

Esther, das Hausmädchen, öffnete das Tor. Sie kann nicht viel älter sein als ich, doch weiss noch nicht viel über sie, hatte noch nicht die Chance, mit ihr zu sprechen. Ich habe jetzt ein eigenes Zimmer mit einem Schrank, wo ich alle meine Sachen reinpacken kann; fertig aus-dem-Koffer-leben. Ich richtete mich ein, dann war das Essen bereit. Mrs. Chege sagte, ich könne mich bedienen und essen, wo immer ich wolle, nahm sich ihren eigenen Teller und zog sich ins obere Stockwerk zurück. Ich ass alleine vor dem Fernseher. Das Essen ist nicht so toll, Bohen und Reis, und alles total geschmacklos. Bei Emma war ich verwöhnt gewesen, sie hatte wirklich toll gekocht, mit all ihren 27 Gewürzen…

Mrs. Chege sah ich nicht mehr, Esther pochte an meine Tür und wünschte mir eine gute Nacht, dann war auch sie verschwunden.

 

Mitten in der Nacht kollabierte mein Bett. Weil ich meinen Koffer am Vorabend darunter gezwungen hatte, musste sich wohl eine Schraube gelöst haben, jedenfalls kippte die Matratze, als ich mich im Schlaf drehte… Die Matratze ist übrigens dünn, ich kann das Drahtgitter, auf welchen sie liegt, durch sie hindurch spüren…

 

9.01.2008

 

Um sieben stand ich auf und nahm ein Bad, auch hier gibt’s keine Dusche bzw. eine Dusche wie in praktisch jedem Haus, die aber nicht funktioniert. Ich stocherte dann 10 Minuten mit dem Sackmesser in der Steckdose herum, um meinen Föhn anschliessen zu können. Obwohl ich das Teil hier gekauft habe, hat der Stecker nur zwei Pole, und um den in die Steckdose zu kriegen, muss ich mit einem Gegenstand ins dritte Loch der Steckdose stechen und einen kleinen Schalter herunterdrücken, damit sich kleine Törchen für die zwei anderen Löcher öffnen. Ganz schön kompliziert und eines Tages bringt es mich um, aber das machen sie hier alle so…

 

Ich fuhr mit Mrs. Chege in die Stadt, so konnte ich Matatugeld sparen. Von South C in die Stadt kostet es nämlich relativ viel; 30 Bob.

 

Im Gegensatz zu anderen bin ich schon fast überall gewesen in Nairobi, weil ich so oft umgezogen bin und so viele Leute besucht habe. Darum stresste es mich auch nicht gross, dass ich meinen Weg alleine zurück finden musste. Weil ich Pedro vor langer Zeit mal zu seinen Matatus begleitet hatte, wusste ich, wo ich sie kriegen konnte, jedenfalls fand ich den Heimweg auf Anhieb. Von der Matatustation zum Haus ist es etwa 15 Minuten zu Fuss. Ich hatte Kerubo gefragt, ob es sicher sei, diese lange Strasse alleine zu laufen nach Anbruch der Dunkelheit, denn Pedro hatte mir davon erzählt. Sie begann herumzuzettern, die Strasse sei überhaupt nicht lange, es sei 2 Minuten zu laufen. Klaar doch, blabla…

 

Ein Gast war im Haus, ein junger Mann, der früher einmal als Hausangestellter für Mrs. Chege gearbeitet hatte. Ich unterhielte mich mit ihm und es war total interessant und ich konnte alles verstehen, auch wenn auch er ein Kikuyu ist. Er arbeitet nun als Buskondukteur auf der Strecke Nairobi-Kisumu (das ist etwa eine neunstündige Fahrt). Daneben predigt er, ist aber nicht wirklich ein Priester. Kisumu ist in der Nähe von Migori, wo noch immer die Hölle los ist, darum fahren noch keine Busse. Er möchte aber unbedingt wieder mit Arbeiten anfangen, um Geld zu verdienen, damit er endlich seine Verlobte heiraten kann.

 

Zum Abendessen – geschmackloser Kohl und Ugali – gesellte sich auch Mrs. Chege zu uns, sprach aber kaum zu mir. Sie fragte bloss, ob ich davor schon mal Ugali gegessen hätte. Ist schon lustig, dass Leute mich das immer noch fragen – nach 5 Monaten.

10.1.08 09:10, kommentieren

10.01 - 18.01.2008

10.01.2008 Donnerstag

 

Heute traf ich mich mit Simon in der Stadt, der endlich aus Mombasa hatte zurückkehren können. Doch weil Migori immer noch nicht sicher ist, muss er vorerst in der Stadt bleiben. Tarek ist übrigens von Tansania zurück nach Migori gegangen und sitzt nun seit Wochen im Haus fest (haha).

 

Esther, das Hausmädchen, hatte am Vorabend der Mrs. Chege gesagt, dass sie am 10. Februar gehen wird und nicht mehr zurückkommt. Cheges Antwort: Lerne der Flurina kochen, damit ich das dann übernehmen kann… Gut, meine Ausbildung zum neuen Hausmädchen würde heute beginnen.

Mrs. Chege hat Esther seit drei Monaten nicht mehr bezahlt. Esther sollte 2 Franken am Tag verdienen, kriegt aber nichts. Nicht, weil die Chege kein Geld hätte! Sie ist stinkreich, doch unglaublich geizig, so was habe ich noch nie erlebt!! Sie hat neben ihrem Shop in Westlands (das zweitnobelste Quartier in Nairobi, würde ich sagen, oder drittbeste, aber immer noch – teuer) eine Farm Upcountry, wo sie Geld macht mit Teekräutern, Milch, Fleisch usw.

Mich hatte die Mrs. Chege am ersten Morgen in diesem Haus gefragt, was ich denn zum Frühstück esse. Ich hatte Blueband (Margarine) gesagt. Sie sagte, sie esse NIE Blueband, doch werde für mich kaufen. Seit es nun im Haus ist, isst sie JEDEN Morgen Blueband. Fleisch gibt es nie, nicht, dass sie es nicht gern haben würde – zu teuer. Auch Tomaten sind teuer, und Milch. Gewürze gibt es keine, nur Salz. Mit dem Zucker muss sparsam umgegangen werden, doch Esther und ich haben uns bereits verbündet: hinter ihrem Rücken schütten wir Zucker über unsere Chapati (Omelettenähnliche Teigfladen).

 

Esther. Sie ist gleich alt wie ich, doch ich hätte sie auf ungefähr 12 geschätzt. Ich nehme an, sie ist nicht ganz richtig im Kopf. Es ist unglaublich anstrengend, mit ihr zu sprechen, sie versteht nichts, auch wenn ich versuche, noch so einfach zu formulieren. Doch sie ist nett und sie erzählt mir alles über Mrs. Chege. Dass sie Schokolade in ihren Zimmer hat, dass sie Angst hat von dem Mann, der Esther diese Stelle als Hausmädchen vermittelt hat, weil der weiss, dass sie Esther nicht bezahlt…

 

Wir kochen nun abends zusammen, mit dem wenigen, das da ist. Ugali und Kohl. Sukuma wiki und Reis. Das Essen hat keinen Geschmack, doch ich zum Glück haben mir meine Eltern diesen winzigen Salzstreuer geschickt, mit dem ich heimlich nachwürzen kann, ohne dass es jemand mitkriegen würde *gg.

 

 

11.01.2008 Freitag

Gegen Abend traf ich beim Hilton auf Erin und Co. Wir gingen Kaffee trinken, sie fragten, ob ich auch zum Abendessen kommen würde. Ich wusste, dass ich nicht spät nach Hause konnte, die Strasse, die ich im Dunkeln zurücklegen müsste, ist mir nicht geheuer. Und die Matatus fahren ja nur bis 21.00 Uhr, so viel ich weiss. Also schrieb ich Esther eine SMS, dass ich auswärts übernachten würde. Mrs. Chege hatte mir zwar ihre Nummer gegeben, doch es heisst immer „Contact cannot be reached“. Sie hat irgendwie die Rechnung nicht bezahlt, weiss auch nicht. Esther rief mich an und sagte, ich müsse kommen, Mum werde nicht glücklich sein, wenn ich ausbleibe. Wir diskutierten alle hin und her, und schliesslich schrieb ich eine zweite SMS, es sei zu spät, ich hätte eine sichere Bleibe und käme morgen.

Maja erzählte mir etwas später, dass die Mrs. Chege es schon nicht gerne gehabt hätte, wenn Pedro auswärts geblieben sei… Mist.

Das Essen war toll, wir gingen zum Äthiopier, wo wir auch schon mal waren und was morgen sein würde… egal. 

 

 

12.01.2008 Samstag

 

Ich traf mich mit Lisa und Malena zum Kaffee. Malena und ihren Freund, der sie aus Dänemark besuchen kam, hatte ich letzte Woche fast jeden Tag per Zufall in der Stadt getroffen und sie hatte Lisa erzählt, dass ich wieder Familie hatte wechseln müssen usw. Darauf hatte Lisa gefragt, ob ich mich mit ihr treffen wolle, und später, ob es okay sei, wenn Malena auch komme. Wir sassen im Java und die beiden unterhielten sich ununterbrochen über Leute, die ich nicht kannte. Sehr lustig, aber der Kaffee war gut.

 

Am Abend war ich vor Mrs. Chege daheim und gesellte mich zu Esther in die Küche, half ihr kochen beziehungsweise kochte unter ihrer Anleitung. Mrs. Chege kam, warf einen Blick in die Küche, sagte „Ah, you know how to cut vegetables?“ und verschwand. Falls es für sie kein Problem war, würde ich bestimmt nicht darüber zu diskutieren beginnen und gar nicht erst fragen, ob es okay sei, wenn ich weg bleibe, sondern sie einfach jeweils wissen lassen, dass ich weg bleibe.

 

Für Morgen ist Kirche angesagt, doch ich will nicht mit meiner Gastmutter gehen. Esther will sich um 7.00 Uhr mit ihrem Schwiegerbruder in der Stadt treffen, und meint, ich könne mit ihr kommen. Gut.

 

 

13.01.2008 Sonntag

 

Um viertel nach 6 hatte ich gebadet und war ready to go. Esther stand kurz vor halb Sieben auf. Ich werde nie verstehen, was genau das Problem mit der Zeit ist hier in Afrika. Selbst Esther muss klar sein, dass 5 Minuten nicht ausreichen um Tee zu kochen (was dann ich übernahm), Frühstück für die Mutter bereitstellen (was auch ich übernahm) und ein Bad zu nehmen…

 

Kurz bevor wir gingen, es ging gegen 7 Uhr, klopfte ich bei Mrs. Chege an die Tür, wie mir Esther aufgetragen hatte. Sie öffnete, ich hörte, wie sich der Schlüssel drehte. WAAS? Die Alte schliesst sich ein? Eines Nachts stirbt sie auf ihrer mit Geldscheinen gestopften Matratze und dann muss jemand die Tür aufbrechen. Vielleicht sollte ich ihr sagen, was das kostet, so eine Tür zu reparieren…

Jedenfalls sagte ich ihr, dass ich mit Esther in die Stadt fahren würde und dann in die Flora Church an der Valley Road gehe – ich wollte möglichst genau sein, um glaubwürdig zu klingen.

Esther und ich waren dann um halb 8 in der Stadt und hetzten zum Treffpunkt, irgendwo jenseits der vertrauten sicheren Tom Mboya Street. Ich musste dann den ganzen Weg wieder alleine zurücklaufen, denn Esther verabschiedete sich von mir, sobald sie ihren Schwiegerbruder gesichtet hatte. Frühmorgens und Spätabends ist es in diesen Gegenden nicht so gemütlich, doch ich weiss jetzt, wie ich zum Busbahnhof komme. Und so schnell wie ich laufe und mich durch die Menge schlängle, kann mir sowieso keiner was anhaben.

 

Ich ging dann tatsächlich in die Kirche -  auch wenn es eine katholische ist und ich es nicht ein mal hinbekomme, mich zu bekreuzigen, geschweige denn die richtigen Antworten auf die Äusserungen des Priesters zu geben - doch ich wusste, dass meine Leute dort sein würden. So zum Beispiel Trevor, der jetzt in Australien lebt und eine Software Kompanie hat. Und eine chinesische Verlobte – ich will dann unbedingt die Kinder sehen, die aus dieser Mischung entstehen (= Er lud mich, Bena und einen seiner Freunde mit kompliziertem Namen zum Mittagessen ein. Pizza im Steers, ein Bonzenfastfoodrestaurant. Dann Eis, denn jeden Sonntag gibt es Softeis im Steers für 80 Rappen.

 

Kochen am Abend, Esther hatte Mrs. Chege erzählt, ich sei katholisch und diese wies mich darauf hin, dass es eine katholische Kirche hier in der Nähe habe.

Morgen beginnt die Schule wieder. Das heisst, die Grundschulen öffnen, die Universitäten bleiben noch geschlossen, einige auf ungewisse Zeit, die Nairobi University noch für eine weitere Woche. Sobald die Unis öffnen, werden sich die Studenten zusammenrotten und gegen die Wahlen zu demonstrieren beginnen, darum müssen sie vorerst noch zu Hause bleiben.

Ich habe Kerubo eine SMS geschrieben, wann ich morgen wo sein müsse, doch habe keine Antwort erhalten. Gut, fange ich halt vielleicht noch nicht mit der Arbeit an morgen. Wir werden sehen.

 

Ach, noch eine Geschichte, ich weiss nicht, ob das bei euch im TV und der Zeitung war: In Mombasa wurde während den chaotischsten Tagen aus den Geschäften gestohlen, was nicht niet- und nagelfest war. Die Geschäftsbesitzer hatten sich dann zusammengeschlossen und einen Medizinmann angeheuert. Der hat alle Diebe verhext, und die bekamen Probleme. Zu Haufen kamen sie angehuscht und luden ihr Diebesgut vor den Geschäften ab, rannten wieder davon. Einige erzählten ihre Geschichten: Viele konnten nicht mehr aufs Klo, oder bekamen Wahnvorstellungen. Einer hatte eine Matratze geklaut, konnte aber nicht auf ihr schlafen, weil er immer das Gefühl hatte, jemand liege neben ihm und berühre ihn…

 

 

14.01.2008 Montag

 

Kerubo hatte nicht geschrieben, also gehe ich halt nicht zur Arbeit. Endlich wieder einmal etwas länger schlafen.

Esther und ich frühstückten zusammen  - wir kippten vom verbotenen Zucker aufs Brot. Dann war Waschen angesagt, obwohl es nach Regen aussah. Es hatte auch in der Nacht davor geregnet, endlich wieder mal, nach Wochen.

 

In der Stadt traf ich erst Erin und etwas später auch Marry, die mit einer neuen Austauscherin aus Deutschland unterwegs war. Diese war gerade erst angekommen und liess sich nun von Marry alles zeigen. Aus irgendeinem Grund spricht Marry immer Englisch zu mir, und auch die andere junge Frau aus Deutschland antwortete in Englisch, obwohl ich sie auf Deutsch ansprach. Okay, dann halt eben, vielleicht ist mein Akzent zu schwer zu ertragen, was weiss ich.

 

Im Bata kaufte ich für drei Franken neue Schuhe, schwarze Stoffschuhe zum Reinschlüpfen mit weissen Pünktchen. Ich lief eine Stunde darin herum, dann musste ich beschämt wieder auf meine alten Turnschuhe, die in jedem Schuh ein Loch haben und inzwischen einen unidentifizierbaren Farbton angenommen hatten umsteigen, weil ich bereits Blasen hatte an den Fersen…

 

Kochen mit Esther wie nun jeden Abend. Ich versuche, die Geduld nicht zu verlieren, doch es ist wirklich unmöglich, mit ihr zu sprechen. Auch die simpelsten Fragen versteht sie nicht, da kann ich noch so einfach formulieren. Ich fragte zum Beispiel: Do you like dogs? Nachdem ich es dreimal wiederholt und Zeichensprache angewandt hatte, konnte sie endlich verstehen.

 

Kurz nach 20.00 Uhr fiel dann der Strom aus, also blieb nicht mehr viel zu tun als zu schlafen. Esther brachte mir eine Taschenlampe. Ich fragte sie, ob sie eine Kerze habe, denn dann hätte ich noch etwas Tagebuch schreiben können, ohne die Batterien der Lampe zu strapazieren, doch sie lachte nur und ging.

 

Kerubo hatte nicht geschrieben, ich werde nicht darauf bestehen, im Moment bin ich noch nicht gelangweilt. Und natürlich habe ich auch etwas Angst davor, wieder neu anzufangen. Ich bin nur noch auf Zeit da, wenn das Projekt nicht hinhaut, mag ich nicht mehr. Doch weil ich in einem ständigen Zwiespalt bin, ob ich bleiben oder nach Hause gehen will, zögere ich die Entscheidung heraus…

 

 

15.01.2008

 

Ich erwachte, weil Mrs. Chege herumbrüllte. Wo die Milch sei, und das Brot? Akuna (kein/e/s). Sie hatte Esther kein Geld gegeben, um all diese Dinge zu kaufen. Mrs. Chege meinte, sie könne nicht jeden Tag einen halben Liter Milch und 400g Brot kaufen für 3 Leute… Unser Frühstück fiel dann dürftig aus, für beide eine dünne Scheibe Weissbrot und heisses Wasser (man gewöhnt sich daran, ans heisse Wasser, ich muss es trinken, denn wann immer ich welches in den Kühlschrank stelle, ist es bald mal weg und wenn ich nach Hause komme und durst habe, kann ich nach dem Abkochen nicht warten, bis es kalt ist… Esther sagt aber, heisses Wasser trinken mache dick, doch how comes?). Esther fragte mich, ob ich fünf Monate hier überleben könne, wo es kein Essen gäbe. Pedro hatte immer selbst Essen gekauft, Brot, Milch, Teigwaren, Schokoladenpulver… Mrs. Chege hat übrigens Schokopulver – in ihrem Zimmer. Sie bringt es zum Frühstück, wenn sie alleine isst und nimmt es zurück aufs Zimmer. Esther weiss sogar, dass die Chege von Kerubo bezahlt wird für mich. Wir wetterten gemeinsam über ihre Gemeinheit und ihren Geiz.

 

Esther fragte mich wie jeden Morgen, warum ich nicht sie gerufen habe, um mein Haar zu föhnen. Weil ich keine Hilfe brauche, es ist nur trocken blasen, danke. Sie schnallt es nicht. Heute liess ich sie zuschauen, um sie endlich zu überzeugen. Dann fragte sie auch wie jeden Morgen: „Why don’t you apply oil?“ Ich hasse diese Fragen, und vor allem wenn man sie 10 Mal gestellt bekommt, und die Antwort nicht aufgenommen wird, fange ich an, die Nerven zu verlieren. Ich sagte auch diesen Morgen drei Mal: Weil mein Haar kein Öl braucht, und auch als ich es das vierte Mal mehr gebrüllt als gesagt hatte, verstand sie noch nicht.

Why don’t you do this, why don’t you do that…. Blaaa! Die Leute hier können einfach nicht verstehen, dass es verschiedene Weisen gibt, etwas zu tun und ihre nicht die einzig richtige ist.

 

Am Nachmittag ging ich in die Stadt. Auf dem Heimweg nahm ich eine andere Route und landete beim „Shopping Centre“ in South C. Von dort gab es keine Matatus nach „Container“, wo ich normalerweise aussteige, wenn ich von der Stadt komme. Also musste ich durch South C laufen. Der Weg war nicht schwer zu finden, ich musste nur zweimal nachfragen, ob ich auf der richtigen Strasse sei. Viele Muslime wohnen in South C, es ist eine wohlhabende Gegend. Kurz vor Container kam ein Betrunkener in zerrissenen Kleidern auf mich zu. Ich versuchte, um ihn herum zu gehen, doch er liess sich nicht abschütteln. Ich sagte ihm ziemlich unfreundlich auf Kiswahili, er solle weg gehen, darauf wurde er wohl wütend und grabschte nach meiner Tasche. Ich machte eine 360 Grad Drehung, um mich loszureissen. Die Reaktionen der Leute um mich herum waren verblüffend: Ein Auto, das auf der gegenüberliegenden Strassenseite daher gekommen war, riss eine Vollbremsung, der Fahrer stiess die Tür auf und begann, denn Mann anzubrüllen. Ein Fussgänger, der hinter mir gelaufen war, packte den Mann warnend am Arm und stiess ihn weg. Diebe werden hier ja regelrecht gelyncht, ich machte mich aus dem Staub, glaube aber, dass dieser schlussendlich ganz gut davon kam, weil er nicht wirklich gestohlen hatte und er sowieso zu betrunken war, um Schaden anzurichten.

Der Vorfall schockierte mich nicht einmal gross, ich liess es gar nicht erst an mich heran. Am Freitagabend hatten wir im Restaurant darüber gesprochen. Maja hatte gesagt, sie hasse es, wenn Leute versuchen, sie auszurauben (= Die meisten haben viel mehr Erfahrung als ich, Leute grabschten nach den Halsketten der Mädchen, jemand versuchte, durchs Matatufenster Marrys die Kamera zu entreissen… Es ist traurig, wie verzweifelt diese Diebe sein müssen, denn das Risiko ist sooo hoch, erwischt zu werden, und doch tun sie es. Sie haben nichts zu verlieren. Wer erwischt wird, wird gesteinigt oder zum Krüppel geprügelt. Wer überlebt, der kehrt auf seinen alten Posten zurück und klaut weiter… Das Selbe mit den Prostituierten: Eines Nachts habe ich einen der Kastenwagen gesehen, welcher sie einsammelt. Sie werden auf den Polizeiposten gebracht und grün und blau geschlagen, dann kehren sie an die Strassenecke zurück…

 

Maggi, die im ICYE Office arbeitet, textete mich heute, ob ich den Weg zur Arbeit gefunden hätte. Ich schrieb zurück, dass ich nicht mal wisse, wie mein neues Projekt heisse und was Kerubo eigentlich so mache.

Jedenfalls gehe ich jetzt morgen in diese Schule namens „Happy House“. Ein Schulbus wird mich auflesen und hinbringen, um 7 Uhr morgens.

 

Esther brachte ich Milch mit nach Hause, was für ein Festmahl! Wir schlürften sie unverdünnt und waren glücklich. Dann ging es ab in die Küche und kochen… Kohl wie jeden Abend, was anderes gibt es nicht.

 

 

 

16.01.2008 Mittwoch

 

Es war noch dunkel, als ich mich aus dem Bett wälzte (die Matratze kippte gemächlich zur Seite und erleichterte mir den Ausstieg). Die ganze Nacht schon hatte es gegossen wie aus Kübeln und noch immer regnete es. Esther sagte mir, ich müsse auf Mum warten, ich könne nicht durch die Strassen bei diesem Wetter. Ich versuchte ihr zu erklären, dass ich nicht warten könne, ich werde abgeholt bei Container. Dann soll ich ein Matatu am Gate nehmen. Ich versuchte es ein zweites Mal: Ich werde abgeholt bei Container.  „häää?“. AAAAAAAAAAAAAAAAAAAAH! Ich rannte schliesslich in den Regen raus und erreichte Container, auch wenn mit bis zu den Knien herauf verschlammten Hosen.

Der Bus kam, ein junger Mann sprang heraus und öffnete mir die Tür. Sein Name ist Chalous, den des Drivers Richard. Beide sind freundlich und herzlich und freuen sich, mich dabei zu haben. Wir beginnen die Runde durch South C und sammeln etwa 15 Kinder ein, bevor wir zum „Happy House“ fahren.

Die Schule ist ein relativ grosses zweistöckiges Gebäude, bunt bemalt – innen und aussen – mit einem tollen Spielplatz. In der Baby Class, Nursery School und Pre-Unit hat es 9 Kinder, in den Klassen 1-4 nur neun, weil die Schule noch sehr jung ist und ursprünglich nur die Vorschulklassen angeboten hatte.

Nachdem mich Richard herumgeführt hatte, hiess er mich auf eine Bank in dem quietschrosa Vorraum sitzen und auf die Direktorin warten. Sie kam etwa fünf Minuten später, eine strenge junge Frau, die mich knapp begrüsste und dann Beliné, die Lehrerin der Vorschulklassen, zusammenstauchte und fragte, warum ich da aussen sitze und nicht bei ihr in der Klasse. Dann wandte sie sich wieder mir zu, fragte wo meine Formulare sind und als ich antwortete, ich hätte keine Formulare und was sie genau meine, meinte sie, sie würde mit ICYE telefonieren und liess mich schliesslich mit Beliné.

Die neun Kinder zwischen 3 und 6 Jahren beschäftigten sich gerade mit „Freiem Spiel“. Alle trugen eine fliederfarben karierte Schuluniform mit grauen Sweatern, die Mädchen Röckchen, die Buben karierte Hemden und Hosen. Die Umgangssprache ist Englisch, wer auf Kiswahili umstellt, wird zurechtgewiesen. Und zwar auf eine sehr widersprüchliche Weise: „Ebu, who’s talking Kiswahili here?“   Ebu ist ebenfalls Kiswahili, schwer zu übersetzen, man kann es praktisch am Beginn jedes Satzes verwenden, wenn man sich an jemand anderes richtet. „Ebu sit down“. Es ist wie „du“, kann aber auch „ihr“ sein.

Die Kids kommen alle aus reichen Familien (Die School Fees sind 560 Franken für drei Monate) und sprechen meist schon daheim Englisch. „Normale“ Kinder in ihrem Alter können meist noch nicht mehr als das gelallte „how are you“.

Die Lehrer sagen den Eltern, sie sollen auch im Haus mit ihren Kindern Englisch sprechen – nicht dass ich das verstehen würde, Kiswahili ist schliesslich die Sprache Nr.1 in Kenia. Aber jedenfalls können dann diese Kinder, die ihr Leben lang auf Privatschulen gingen, richtig Englisch sprechen – auch wenn es die Lehrer selbst nicht so im Griff haben:

Nach dem Freien Spiel ging es mit Geschichten erzählen weiter. Beliné fragte, wer eine Geschichte erzählen wolle. Der kleine Ryan meldete sich, stellte sich vor die anderen hin und rief: „Story Story“. Die Klasse brüllte zurück: „Story come“. Ryan begann: „Unce upon a time there was a man and she goes to” -  Beliné unterbrach: “no, he go to” “and she goes” – “he go!”

Wie auch immer, dieses Geschichtenerzählen ist köstlich, die Kinder wollen alle etwas erzählen und stricken die Hand in die Höhe, obwohl sie keine Ahnung haben, was sie sagen wollen. Und dann stehen sie da und erzählen die tollsten Dinge, die überhaupt keinen Sinn ergeben, aber die anderen hören gebannt zu. Sobald sie fertig sind, sagt Beliné: „Everybody, clap for Abok“ und die Kinder klatschen in die Hände und schreien: „Well done well done Abok, try again another day, a very good girl“ Und Abok antwortet: „Thank you, thank you, childreeeen“.

 

Etwas später am Vormittag kam die zweite Lehrerin, die irgendwo im Stau stecken geblieben war, fast gleichzeitig zwei neue Kinder, Schwestern mit verwirrend ähnlichen Namen: Tina und Nina.

Um halb eins gab es Mittagessen, dazu gingen wir nach draussen auf die überdachte Terrasse. Es gab Kohl und Reis, eigentlich ganz gut, speziell gewürzt. Es hatte endlich zu regnen aufgehört und die Kinder konnten draussen auf dem Rasen spielen. Wir gingen dann noch etwa für eine halbe Stunde zurück ins Zimmer, bevor die Kids um drei Uhr viel früher als gewöhnlich wieder in den Schulbus geladen wurden. Die Lehrer hatten beschlossen, sie nach Hause zu schicken, wegen den Unruhen in der Stadt, es gab bereits keine Matatus mehr, sie demonstrieren wieder und werden weitermachen bis Freitags, und niemand weiss, wo sich wann ein Mob zusammenrotten und alles niederwalzen wird, was ihm in den Weg kommt.

Um vier war ich schon wieder zu Hause, obwohl ich mit Richard alle Kinder nach Hause bringen ging, bevor er mich wieder bei Container absetzte. Er ist zwar sehr freundlich, doch ich werde Probleme mit ihm kriegen, er ist schon jetzt ganz „I like your hair“ „you look very good“ „One day I show you around“ und das übliche blabla. Ausserdem berührt er immer meinen Arm oder meine Hand, wenn er über etwas lacht, das ich gesagt habe oder er sich an mich wendet, was zwar eine herzliche Geste ist, aber doch irgendwie zu viel, für dass er mich gerade mal ein paar Stunden kennt.

 

Es gibt wieder kein Essen im Haus, Esther muss von ihrem Geld Sukuma kaufen. Als am Abend die Alte nach Hause kam, fragte Esther, ob sie ihr Geld zurück haben könne. Doch die Chege begann Esther zu beschuldigen, sie habe 10 Mangos gegessen und könne ihr Geld vergessen. Sie missbrauche sie, wie noch nie ein Mensch zuvor usw. MEIN GOTT!!!

Ich habe dieser geizigen Kuh nun den Krieg erklärt; mache mir nicht mal mehr die Mühe aufzustehen, um ihr hallo sagen zu gehen. Hoffentlich schmeisst sie mich bald wieder raus.

 

 

17.01.2008 Donnerstag

 

Richard war heute spät dran, ich wartete eine halbe Stunde, bevor ich endlich den gelben Minibus sichtete. Heute sass ich hinten und öffnete die Tür für die Kinder. Chalous und Richard fanden, ich tue das super – ist ja auch sehr schwierig.

 

Heute waren zwei neue Kinder da, ein kleiner Junge in Pampers, Danzel und ein Mädchen, Nana heisst sie, mit fast so weisser haut wie ich sie habe. Ihr Vater ist Europäer. Auch die Tochter der Direktorin sah ich heute, sie geht in die zweite Klasse und sieht aus wie ein Muzungukind, doch auch nur, weil die Direktorin selbst schon ziemlich hell ist. Sie fallen auf, sind sich das aber wohl noch nicht bewusst, die Glücklichen.

Wir bemalten Blätter von einem Busch mit den Kindern und liessen sie diese als Stempel benutzen und auf Papier pressen. Das Problem dabei war, dass immer nur zwei Kinder gleichzeitig arbeiten konnten, während die anderen still sitzen sollten. Das geht natürlich nicht, und irgendwann wurde die Übung abgebrochen und die Kinder zum Singen aufgefordert.

Nach dem Mittagessen konnten sie draussen auf dem Klettergerüst und der Rutsche spielen gehen, es war endlich trocken. Um 15:00 Uhr wurden die Kinder dann schon wieder in den Bus geladen, sie sollten früh daheim sein, wiederum wegen den Unruhen.

Um 16.00 Uhr war ich zu Hause und war so gelangweilt, dass ich mich ans Waschen machte. Immerhin hatten wir Stromausfall, so dass Esther nicht eine ihrer schrecklichen CDs mit dieser monotonen Horrormusik einlegen konnte. Ich hatte der Chege damals als der Strom das erste Mal ausgefallen war meine Standartfrage in solchen Angelegenheiten gestellt: Kommt das oft vor? Neinein, sehr selten… das war vor zwei Tagen, haha. Sie hatte übrigens das Schokoladenpulver im Wohnzimmer vergessen und ich vergriff mich daran, auch wenn es nicht wirklich gut ist, es schmeckt ein bisschen nach Schokolade.

 

Chege kommt mit 5 Liter Milch nach Hause. Das müsse reichen für die nächsten zwei Wochen.

 

 

18.01.2008 Freitag

 

Immer noch Schlammschlacht auf der Strasse – und ich Depp schrubbe jeden Abend brav meine Turnschuhe!!

Ich stehe gerne bei Container und beobachte die Leute und Fahrzeuge, die sich ihren Weg durch den Matsch bahnen. Heute kam eine besonders komische Gestalt vorbei; eine Frau mit Bart, oder ein Mann mit Lippenstift, schwer zu sagen.

In der Schule herrscht noch nicht Alltag, wie ich heute herausfand. Die inzwischen 12 Kinder sollten eigentlich in zwei Gruppen aufgeteilt unterrichtet werden, doch die Bücher und sonstigen Materialien sind noch nicht vorhanden fürs neue Schuljahr (hier startet das Schuljahr jeweils zu Beginn des neuen Jahres, was irgendwie mehr Sinn ergibt als unser System, aber egal). So wird es dann auch bald mehr zu tun geben, als den Kindern beim Spielen zuzuschauen.

Ich sprach Nana in Deutsch, Schweizerdeutsch, Französisch und Italienisch an, um herauszufinden, wo ihr Vater wohl herkommt, doch sie nickte jedes Mal und ich weiss nicht mehr (=

Nach dem Mittagessen – das Essen in dieser Schule ist übrigens himmlisch – wurden die Kinder wiederum nach Hause geschickt. Der Bus war heute besonders voll gepackt, von mir wurde erwartet, den kleinen Danzel auf dem Schoss und gleichzeitig ein zweites Kind festzuhalten, dazu sollte ich auch noch die Tür bedienen. Ich hasse das Geräusch von an die Scheiben knallenden Kinderköpfen, doch nie weint eines, sie scheinen sich das gewöhnt zu sein. Einige schlafen sogar ein, bei diesem Geholper und Gerumpel! Ich selbst bin jeweils völlig K.O. wenn ich abgesetzt werde, vom Festklammern, dem ohrenbetäubenden Geschrei und Gejohle, dem Auf- und Abspringen, um die Kinder ein- und auszuladen..

 

Es war noch nicht halb drei, als ich zu Hause ankam. Esther und ich gingen in der Nachbarschaft Pommes kaufen, schauten etwas Fern. Dann begannen wir zu kochen und Esther legte ihre Musik auf. Ich holte meinen Ipod – Esther brauchte eine ganze Weile bis sie realisierte, dass ich meine eigene Musik hörte und fand diese dann so interessant, dass sie ihr Gejaule einstellte, die Kirchenmusik ausschaltete und mein Zeugs mithörte.

 

Beim Abendessen setzte sich auch die Chege zu uns. Esther erhielte einen Rüffel. Ich habe nicht alles verstanden, es war in Kiswahili. Sie fragte erst, wie alt Esther sei, und dann, dass sie also wie ihre Tochter sei und auf sie hören solle, dass ihre eigenen Kinder gute Kinder sind und Esther schlecht. Dass sie ihr kein Geld gebe, weil sie verschwenderisch damit umgehe uuuundsoweiter. /:  Es macht mich krank und ich kann nichts tun, auch wenn ich nahe daran war, irgendwas zu sagen, oder zumindest meinen Teller hinzuknallen und auf mein Zimmer zu gehen. Aber ich weiss, das hilft Esther nicht, macht ihr vielleicht nur mehr Probleme. Und das will ich nicht, auch wenn mich Esther verrückt macht, das hat sie nicht verdient. Lange bleibe ich hier nicht mehr.

 

1 Kommentar 19.1.08 07:12, kommentieren

19.01.2008 - 25.01.2008

Weekend Nichts mit Ausschlafen, die Nachbarn haben ein geniales Soundsystem für ihren TV und beginnen damit um 7 Uhr zu protzen. 21.01.2008 Montag Back to school. Um 3 Uhr in der Früh weckte mich ein komischer Lärm. Ein Würgen und Husten, Spucken und Röcheln. Einer meiner Nachbarn, die jenseits der mit Glassplittern gespickten Mauern leben und die ich nie sehe aber immerzu höre, übergab sich für mindestens eine viertel Stunde. Erst machte ich mir Sorgen, ob das denn nicht langsam aber sicher weh tue, dann begann ich mich zu nerven, dass ihm niemand ein Glas Wasser brachte – ich wollte endlich weiter schlafen. Um 6 Uhr quakte mein Handy und riss mich aus dem Tiefschlaf. Was ich hier schätze ist, dass ich eine menge heisses Wasser habe, nicht nur einen knappen Liter wie zuvor, wenn ich will, kann ich das Becken ganz füllen. Das Wasser wird jeweils am Abend über dem Feuer heiss gemacht, in Plastikkübel gefüllt und in mit Stoff isolierten Körben bis zum Morgen gelagert. Das mit diesen Körben funktioniert erstaunlich gut, das Wasser ist noch heiss, man muss es verdünnen mit Kaltem aus der Leitung. Wenn ich will, kann ich auch noch am Abend ein Bad nehmen, das Wasser ist dann immer noch angenehm warm. Ja.. wie gesagt, man muss das heisse mit kaltem Wasser aus der Leitung verdünnen – und hat dann ein Problem, wenn kein Wasser in der Leitung ist, wie diesen Morgen. Ich musste mit einem Plastikkrug aus dem Haus rennen, bei einem Hahn im Hinterhof Wasser zapfen, zurück ins Bad und wieder raus, bis das Badewasser die richtige Temperatur hatte. Ach ja, dieser Plastikkrug ist auch so was tolles, ich kann damit Wasser über mich schütten, das ist dann wie eine Dusche, einfach grossartig! Jedenfalls war ich nach der Rennerei dann wach und pünktlich aus dem Haus. In den letzen Tagen hatten wir immer Brot gehabt und auch Blueband. Ich werde sie zwingen, mir Butter zu kaufen, wenn diese hier alle ist. Ich sage einfach: Mrs. Chege, es hat kein Blueband mehr! Und dann werden wir ja sehen, ob sie es wagt, mir zu befehlen, es selbst zu kaufen! Meine erste richtige Woche in der Schule. Es ist jetzt alles anders, die Bücher sind da, die Schule kann richtig beginnen. Das heisst, die Kleinen wurden in zwei Klassen aufgeteilt. Mit Vivianne bin ich nun für die 2-4 Jährigen zuständig, das ist Play Group und Baby Class. Beliné und Stephanie (sie ist halb Kenianerin, halb Italienerin, war aber nie dort und spricht auch nicht Italienisch, weil ihr Vater starb, als sie noch ein Baby war) unterrichten die 4-6 jährigen, das ist Nursery School und Pre-Unit. Kerubo rief mich an und schrie mich an, was ich rede von nach Hause gehe und warum ich dann immer noch in der Schule sei, ich hätte den Leuten ja gesagt, ich käme nicht mehr und blaaablaaa. Ich hatte den Leuten gesagt, dass ich am Samstag nicht an das Lehrertreffen käme, wo sie Stundenpläne anfertigten, weil ich Zeit brauchte, mich selbst zu organisieren und wenn möglich das Flugticket umzubuchen. Ich hatte auch auf den Masai Markt gewollt, um Mitbringsel einzukaufen, war aber dann davon gelaufen, weil mich die Leute so bestürmt hatten, dass ich kurz vor einem Schreikrampf stand. Jedenfalls hatte ich nicht mit der Direktorin reden können, weil sie nicht in der Schule gewesen war am Freitag und hatte darum alles der Sekretärin erklärt. Die hat wohl mit der Direktorin gesprochen, und die wiederum mit Kerubo. Es gibt doch dieses Telefonspiel, wo man sich reihum ein Wort ins Ohr flüstert und dann kommt es schlussendlich meistens ganz anders raus als es ursprünglich war. Kommt mir hier so vor, ist nicht das erste Mal, dass Dinge ganz falsch weitergeleitet wurden. Etwas anstrengend. Kerubo meinte, das sei nicht der richtige Weg, Dinge zu handhaben, mit der Sekretärin zu sprechen anstatt mit der Direktorin usw. Leider verpasste ich es, ihr zu sagen, dass ihre Art, ihre Dinge zu regeln, auch nicht gerade toll sei. Es ist nun ganz anders nur mit den Babies, keines ist über 3 Jahre alt. Vivianne erzählt eine Geschichte, doch sie können sich nicht lange konzentrieren. Nach der Teepause durften sie dann in den Sandkasten – und ich wurde zur Direktorin gerufen. Das schockte mich im ersten Moment etwas, weil ich dachte, ich fange mir jetzt gleich eine weitere Standpauke ein, sie ist so schrecklich streng. Doch dann dachte ich, die kann mich mal und wenn sie meint, sie könne mich wegen IRGENDWAS zusammenstauchen, dann hat sie mich das letzte mal gesehen in ihrer Bonzenschule. Es kam dann alles ganz anders. Elise, so heisst sie, begann mit mir zu reden, total nett. Warum ich denn nach Hause möchte, was das Problem sei, ob sie mir irgendwie helfen könne. Ob sie mich Leuten vorstellen solle, die Camps organisieren übers Wochenende, damit ich mit denen herumreisen und Spass haben könne. Dass sie mich eigentlich durch ein ganzes Training hatte laufen wollen lassen, damit ich am Ende fähig wäre, die Kleinkinder selbst zu unterrichten… Ich verliess das Büro und war verwirrt. Ein neues Kind kam an, ein winziges Mädchen, Linett. Sie weinte erst und wollte nicht bleiben, doch als sie sich erstmal beruhigt hatte, benahm sie sich, als wäre sie schon immer hier gewesen. Nach dem Mittagessen und Austoben auf dem Spielplatz wurde unser „Klassenzimmer“ mit Matten ausgelegt und alle Vorschulkinder mussten sich hinlegen und schlafen. Ich glaubte nicht so daran, dass dies hinhauen würde, sie lagen so eng aufeinander. Doch 10 Minuten später ratzte alles. Um 15 Uhr, nur eine knappe Stunde später, wurden die Kinder auch schon wieder aus dem Schlaf hochgerissen und in den Bus gepackt. „Wakiewakie“ und sie werden gepackt, auf die Beine gestellt und so lange gehalten, bis sie es schaffen, selbst zu stehen. Brutale Sache. Ich fuhr wie immer mit dem Bus mit, liess mich dann, als schon fast alle Kinder abgesetzt waren, beim Shopping Centre selbst absetzen und ging in die Stadt. Ich stand am Strassenrand, ein Matatu Nr.33 kam, das geht nach Ngumo. Der Kondakta wollte mich zum Einsteigen überreden, doch ich schüttelte bloss den Kopf. Wo ich denn hinwolle. In die Stadt. Er wandte sich dann seinem sowieso schon überfüllten Matatu zu und begann in Kiswahili über den Muzungu zu lästern, der in die Stadt will und auf der falschen Strassenseite steht. Der ganze Bus lachte, doch niemand sagte mir, dass ich falsch sei. Doch ich hatte verstanden und ging. Irgendjemand hatte mir gesagt, dass Erin morgen nach Hause gehe und ich wollte ihr noch Bye sagen, darum ging ich nach St.Bridgets. Doch sie sagte, sie gehe erst am Donnerstag, oder wenn möglich am Donnerstag, denn für dann sind wieder Demos angesagt. Sie lud mich für ihre Abschiedsparty am Mittwoch ein. Um etwa halb neun war ich zu Hause. Es war schon dunkel, doch es wanderten so viele Leute auf der Strasse zwischen meinem Estate und Container, dass es wirklich nicht gefährlich war. Esther liess mich ins Haus und deutete auf den Tisch – dort lag das Packet meiner Eltern und einen Brief der Grosseltern!!! Endlich! Die Chege kam die Treppe runter, stellte sich vor mich hin, zitterte vor Zorn und begann, mich anzuschreien. Warum zum Teufel ich so spät sei, dass es nicht sicher sei, dass ich gefälligst versuchen solle, früh daheim zu sein. Sie hörte mir überhaupt nicht zu, als ich ihr zu erklären versuchte, dass mir inmitten all den Leuten da draussen auf der Strasse niemand was anhaben kann. Und wir haben da wirklich ein Problem, wenn sie nämlich nicht will, dass ich auswärts schlafe, wo ich sicher bin aber auch nicht, dass ich nach Einbruch der Dunkelheit komme, dann kann ich ja meine Leute nie treffen. Es beeindruckte mich nicht gross, dass sie mich anbrüllte, soll sie mich doch BITTE rausschmeissen. Ich bedankte mich mit einem zuckersüssen Lächeln für das Packet, das ihr wohl Kerubo mitgegeben hatte, wünschte eine gute Nacht, ging in mein Zimmer und feierte Weihnachten – mit 1.859 Kg Schweizer Schokolade. 22.01.2008 Dienstag Alles Gute zum Geburtstag Mami!!! Kurz nach 7 Uhr war ich bei Container, wurde aber erst 40 Minuten später von Richard aufgelesen – Stau! Es ist ganz amüsant, den Stau zu beobachten. Bei Container treffen drei Strassen aufeinander und jeder versucht, sich vorzudrängeln und manchmal geht für über 5 Minuten gar nichts mehr, bis jemand aussteigt und den Verkehr regelt. Sobald sich das Chaos dann etwas gelichtet hat, geht es wieder einem nicht schnell genug und alles steckt von neuem fest. Richard motzt wieder über die verrückten Autofahrer, aber wenn er selbst das Trottoir benützt, um schneller voran zu kommen, ist das natürlich okay. Die Kinder sollten heute den Unterschied zwischen „Drinnen“ und „Draussen“ lernen. Wir gingen nach draussen, wo Vivianne die Kinder nacheinander aufforderte, Bälle IN einen Korb oder AUS einem Korb raus zu nehmen. Dann legten wir Reifen auf den Boden und die Kinder sollten auf Befehl IN oder AUS ihrem Reifen heraus steigen. Wir haben wieder ein neues Kind, Elsie, ein fettes Mädchen, das nichts tut ausser davonlaufen, sobald man es von der Hand lässt. Ich hob sie in und aus ihrem Reifen, weil sie nicht zu bewegen war und hatte danach Rückenschmerzen. Nach der Arbeit ging ich wiederum in die Stadt, um Mariah zu treffen. Ich hatte sie seit der Arbeit in meinem ersten Projekt nicht mehr gesehen und sie dauernd versetzt, wenn sie mich treffen wollte. Sie kam eine halbe Stunde zu spät, dann brachte sie mich zum Kleidershop ihrer Schwester, wo diese auf mich einredete, ich solle in Kenia bleiben und ob ich ihr helfen könne, nach Europa zu kommen – denn Euopa sei so ein schönes Land - und dass ich am nächsten Wochenende zu ihr auf Besuch komme, das ist ein Befehl. Ich wollte dann los, um es doch nicht zu übertreiben mit den armen Nerven meiner Gastmutter strapazieren. Mariah brachte mich zum Matatu und kaufte mir unterwegs eine Art Pflaumen, die ich dann im Matatu ass, ohne sie zu waschen – ich war sooo hungrig. Es passierte nichts, auch wenn ich fest damit gerechnet hatte, zumindest Durchfall zu bekommen. Am Kiosk an der Strasse kaufte ich Fanta. Der Liter kostete mich 50 Bob, diese dumme Kuh bescheisst mich nun schon das zweite Mal, hatte auch schon Milch für 30 gekauft bei ihr. Bin selbst zu blöd, wieder an den selben Kiosk zu gehen, als hätte es nicht genug am Strassenrand. Aber egal, Esther freute sich riesig über die Fanta, God bless you! Ich war vor der Chege im Haus, aber es war knapp. 23.01.2008 Mittwoch Die Chege schrie am Morgen Esther an, weil sie nicht aufstand. Dabei hatte ich mit ihr vereinbart, dass sie bloss um 7 aufstehen muss, um mich aus dem Haus zu lassen und wieder abzuschliessen, denn ich kann den Tee kochen und das Frühstück bereitstellen, es macht keinen Sinn, wenn sie nur wegen mir um 6 aus dem Bett muss. Ich sagte das auch der Chege, doch die fuhr mir über den Mund, die Esther müsse um 6 auf, da beginne ihr Arbeitstag. Ich beginne, die Arbeit wirklich zu mögen. Auch mit Vivianne komme ich gut aus, wir können gut zusammen palavern. Sie will nicht, dass ich gehe, weil sie dann mit den Babies alleine ist. Aber eigentlich möchte sie selbst gehen, denn der Job ist schlecht bezahlt: 1000 Franken im Monat. In der Mittagsstunde zwischen 14 und 15 Uhr wenn die Kinder schlafen, basteln wir, es gibt immer etwas auszuschneiden oder anzumalen. Abuk, ein Mädchen, das nie tut was sie soll und weswegen ich sie mag, erledigt nie ihre Hausaufgaben. Ihre Eltern kontrollieren sie nicht und verstehen die Aufforderung der Schule dazu nicht, weil sie vom Sudan kommen und weder Kiswahili noch Englisch sprechen. Ich redete mit ihr, fragte, warum sie denn die Hausaufgaben nicht mache. Sie sagte, sie habe keinen Bleistift. Ich gab ihr einen Bleistift, einen dieser coolen Migrosbudget Bleistifte und liess sie mir versprechen, dass sie die Hausaufgaben machen wird. Mal sehen… Nach der Schule ging ich dann an Erins Abschiedsparty. In der Stadt attackierte mich Julia, sie hatte mich schon von Weitem gesehen – natürlich (= Wir gingen zusammen zu Mayas Haus, wo das Fest stattfand und wo schon ganz viele Leute da waren, zum Teil von ICYE, zum Teil Freunde von Kenia. Irgendjemand hatte Essen organisiert, es war toll. Auch endlich wieder Mal andere Austauscher zu sehen, zu tratschen und lästern, schön. Ich musste dann schon vor der Torte gehen, ich war wirklich spät dran. Heute hatte es nicht mehr so viele Leute auf dem Heimweg. Ich versteckte das Handy im Ärmel, Geld hatte ich fast keines dabei, und marschierte los. Auf einem Stück des Weges ging ich hinter einem Mann, der plötzlich langsamer wurde, auch von Hinten kam jemand an mich heran und ich dachte schon, jetzt passierts, denn genau so hatten sie es damals in Tanzania gemacht, mit einem Vorne und einem Hinten, als zwei Typen versuchten, Pedro und mich zu beklauen. Hatte ich ganz vergessen, dann habe ich ja doch ein ganz kleines bisschen Erfahrung wie alle anderen. Es passierte aber nichts, ich kam zu Hause an und rechnete mit Ärger, weil es schon nach 9 Uhr war, doch Patrick, der Priester Junge, war da und begann sofort ein Gespräch mit mir, so dass die Alte keine Chance bekam, mit mir zu reden. 24.01.2008 „Teacha! Teachaaa!! I DOED my homework!!!“ Awww, Abuk ist so süess, sie doed ihre Hausaufgaben. Bin stolz auf mich, so einfach war das! Ich habe schon ganz viele kleine Freunde. Die dicke Elsie zum Beispiel hört nur auf mich, wenn ich ihr sage, sie solle sich hinsetzen und dort bleiben, dann tut sie es. Auch das Baby Linett will nur mich. Sie schlief schon vor dem Mittagessen ein, und als wir sie dann weckten, war sie gar nicht gut gelaunt. Die Lehrer reichten sie herum, weil sie nicht aufhören wollte, zu weinen. Sie sagte immer zu: „ich will dich nicht“. Dann fragten sie, wer willst du? Und sie zeigte auf mich. Sie liess sich dann auch nicht füttern von den anderen und Beliné gab auf. Linett sagte, es sei heiss, und Beliné motze sie bloss an, das Essen sei nicht heiss. Linett aber meinte die Sonne, ich konnte das sehen, weil sie sich den Nacken rieb, wo die Sonne hin brannte. Ich setze sie in den Schatten an einen Tisch, gab ihr den Löffel und sie begann sogar selbst zu essen! Die Lehrerinnen hören einfach nicht auf sie, weil sie so klein ist. Doch sie spricht schon ganz gut, wenn auch nur Kiswahili und weiss, was sie will. Sie wollte zum Beispiel nicht in der Sonne stehen, als wir die Kinder in den Schulbus packten, um ins Schwimmbad zu fahren. Sie sagte wiederum, sie habe heiss, doch die Lehrerin zerrte sie zum Bus ohne hinzuhören, obwohl sie noch lange nicht einsteigen konnte. Natürlich wehrte sich die Kleine und begann, zu heulen. Sie wurde dann zu mir weitergereicht, ich brachte sie in den Schatten und alles war gut. Und ich brauchte sie dann nicht zurück zum Bus zu zerren sonder sagte ihr, dass wir jetzt IN den Bus gehen, wo es keine Sonne hat und sie war okay, denn auch verstehen tut sie alles ganz gut. Sie sagt auch selbst von sich, ICH BIN KEIN BABY, wenn die Leute „Hi Babyyyy“ zu ihr sagen. Alle lieben sie, weil sie so klein und süss ist. Schwimmbad. Erst einmal hatten wir ein Problem, loszufahren, weil Elsi in den höchsten Tönen schrie und plötzlich ganz aktiv wie nie zuvor um sich schlug. Auch ich konnte sie nicht beruhigen und hätte sie eh nicht auf dem Schoss halten können. Wir kamen dann aber an und dann begann die Vergewaltigung. Die Kinder wurden ins Wasser GEZWUNGEN! Die meisten wollten nicht, klammerten sich in panischer Angst an die Lehrerinnen und schrieen wie verrückt. Ich hatte mein Badekleid nicht und war ganz froh darüber, ich wollte nicht Teil dieser Folter sein. Abby, die sowieso schon immer heruntergemacht wird, weil sie so still ist und nie antwortet, ihr kleiner Bruder aber, der in der Babyklasse ist, schon ganz viel weiss und alles kann, ging plötzlich unter und musste an die Wasseroberfläche gezerrt werden. Natürlich hatte sie danach einen riesen Schock und ich fand, man hätte sie einfach in Ruhe lassen können, doch sie MUSSTE zurück ins Wasser, da konnte sie noch so kreischen. Ich war froh, als die Tortur endlich vorbei war und wir wieder in den Bus stiegen. Ich lud diesmal Elsi ein und sie schwieg, doch als sie mich dann absetzten, wollte sie auch aussteigen mit mir und begann wieder zu toben, weil sie zurückgehalten wurde. Keine Ahnung, wie es dann ausgegangen ist, ich machte mich aus dem Staub, damit sie mich nicht mehr sehen konnte. Zuhause sass ich eine Stunde vor dem Eingangstor, weil Esther nicht im Haus war. Ich hatte ihr angerufen und gefragt, wo sie sei und sie sagte, ich solle 10 Minuten warten… Sie war in Ngumo gewesen, keine Ahnung, wie sie den Weg in einer Stunde geschafft hat, aber sie war dann da. Ich machte mich ans Waschen, hatte mich natürlich nicht an meine eigene Regel gehalten und hatte wieder einen riesen Berg. Weil es das ganze Wochenende geregnet hatte, war South C bis ein Sumpf, bis heute, wo die Strassen nun endlich wieder getrocknet sind – jedenfalls die oberste Drecksschicht, es kann schon mal passieren, dass man einbricht. Ich hatte jeden Tag neue Jeans anziehen müssen, weil sie bis zu den Knien rauf verdreckt waren – nur vom zum Container laufen. Meine Schuhe hatte ich gar nicht mehr erst geputzt, auch wenn die Leute hier einen Fimmel haben, was Schuhe betrifft – die müssen immer blitzblank sein. Aber ich sah einfach keinen Sinn darin, jeden Abend den Dreck abzukratzen und dann am nächsten Tag nach fünf Minuten ausser Haus die gleiche Drecksschicht wieder am Schuh zu haben. Aber auch das tat ich heute, Schuhe schrubben. Die Alte kam nach Hause und fragte, ob mich Kerubo angerufen habe. Warum, fragte ich. Sie habe mit Kerubo gesprochen, weil ich um 9 nach Hause gekommen sei, das gäbe es hier nicht. Auch ihre Töchter seien nie so spät gekommen, und die haben sogar 4 Auszeichnungen (???). Ich fragte, ob ich dann in der Stadt bleiben und bei Freunden übernachten soll. Nein. Was ich denn tun soll, ich wolle doch mit meinen Freunden sprechen. Sie wisse auch nicht, was ich tun soll, aber ich müsse früh nach Hause kommen. Das könne ich nicht. Doch, das könne ich, ich brauche schliesslich nicht mit meinen Freunden zu sprechen!! Hahaha. Im Gegensatz zu ihr habe ich Freunde (das sagte ich nicht). Regeln in diesem Haus hätten schon immer bestanden und ändern nicht, ich sei ein Mädchen. Und wenn ich mich nicht daran halte, dann solle ich besser gehen (ja bitte). Und sie kenne die Kerubo (warum sagt sie mir das) sie sei wie eine Mutter für sie gewesen, als sie noch zur Schule gingen (aha). Sie ging dann nach Oben, um Kerubo anzurufen, nehme ich an, denn kaum war sie wieder Unten, läutete mein Handy. Kerubo. Sie sagte, ich müsse mich an die Regeln halten, weil es jetzt nicht sicher sei draussen und dass sie wolle, dass ich mit der Chege wohne und dass wir gut auskämen. Ich hatte wieder mal keine Chance, und schon gar nicht am Telefon. Die Chege und die Kerubo sind alle beide vom gleichen Schlag, die reden und reden und hören nie zu. Ich liess es gut sein für den Moment, ich werde mir Hilfe holen und aufs Office gehen, um die Sache auszudiskutieren. 25.01.2008 Freitag „Esther! Eeesther!“ schrie die Alte vom oberen Stockwerk runter. Esther und ich sassen beim Frühstück, kurz nach 6am. Esther geht, kommt mit einem Stück Papier zurück und reicht es mir: 25 – Jan 08 Good morning. As I told you in my house Girls do not come home late. IF you must come at 9pm, please tell Kerubo to get you else where. I own the house and must be respected Your Host M. Chege (mrs) I was asked out of respect and your staying with me is not a must. Fast wäre ich zu spät aus dem Haus gekommen, so lange brauchte ich, um das Gekrakel zu entziffern. Good morning! Sie weiss nicht mal meinen Namen. Und geschrieben hat sie, weil sie glaubt, dass ich kein Englisch spreche. Ich wartete wie die ganze Woche 40 Minuten auf den Bus. Das wird langsam anstrengend, ich werde fragen, ob ich später bereit sein kann, Richard kann die Route ja selbst bestimmen und später bei Container vorbeifahren, falls es mal ausnahmsweise weniger Stau hat und er früher dran ist. Richard war aber heute nicht da, ein anderer Driva, der keine Ahnung hatte, wo die Kinder wohnen. Von mir wurde dann erwartet, dass ich ihm den Weg weisen konnte, und für dass ich erst ein paar Tage im Bus mitfahre, tat ich meinen Job ganz gut. Eines der älteren Mädchen hatte sich gestern im Schulbus übergeben und es stinkt immer noch nach Erbrochenem – jedes Mal wenn ich die Tür öffne und ein Luftstrom herein schwappt, steigt uns allen der Geruch in die Nase. Heute kam wieder ein neues Kind, Kimberly. Sie ist ein Rowdie, entreisst den anderen Kindern das Spielzeug und prügelt auf sie ein, wenn diese es sich zurückholen wollen. Mit ihr werden wir was zu tun haben. Aber auch sie wird sich eingewöhnen, wie Elsie, die inzwischen schon in die Hände klatscht, wenn wir Lieder singen und mit den anderen Kindern mit rennt, stellt euch vor! Freitags und Montags gibt es immer Chai in der Pause von 10 bis 10.30 und Mandazi, diese leckeren Teigbrötchen. Dienstag bis Donnerstag gibt es in der Pause Uji, Porridge. Aber ich liebe ihn hier, er ist nicht so scheusslich wie im ersten Projekt, sondern süss, mit Zimt und Zitrone. Ich ging nach der Schule in die Stadt, meine Leute treffen und war um 20.00 Uhr zu Hause. Die Chege sagte nichts. Ich fragte sie, ob ich Toilettenpapier haben könne – auf dem Klo, das Esther und ich benutzen, hat es seit 3 Tagen keines mehr gehabt! Sie konnte schlecht nein sagen (=

1 Kommentar 26.1.08 11:54, kommentieren