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20.10 – 4.11.2007

20. / 21.10.2007

 

Endlich Wochenende!! Um sieben Uhr war ich in der Stadt, mit Rucksack und Schlafsack beladen. Obwohl Erin uns alle mehrfach ermahnt hatte, pünktlich um halb acht beim Hilton zu sein, brachen wir schliesslich doch erst mehr als eine Stunde später auf, denn um 8 öffnete das Java und wer schon da war, wanderte dorthin ab, um Kaffee zu kaufen.

Ich fand es toll, dass so viele gekommen waren; sogar die drei Austauscherinnen aus Mombasa waren da; Sachi, Satomi und Lisbeth.

Ein Matatu holte uns beim Hilton ab und brachte uns auf den etwa zwei Stunden entfernten Campingplatz in Naivasha. Lisa und ich quatschten die ganze Fahrt über; endlich wieder mal Berndeutsch sprechen, das tat so gut (=

Gepäck deponieren (die Zelte werden für die Gäste aufgestellt, mussten wir also nicht tun), Bikes schnappen und los. Die Velos waren mehr oder weniger Schrott, sahen aber zumindest aus wie Bikes. Meine Bremsen funktionierten nicht wirklich und ich wagte kaum, die Gänge zu wechseln, weil die Kette dann jeweils gefährliche Geräusche von sich gab.

Der Anfang unserer Fahrt war ganz angenehm; es ging leicht abwärts auf einer geteerten Strasse. Die Leute am Strassenrand amüsierten sich köstlich und schrieen uns alles Mögliche nach. Die ersten mussten schon umkehren und andere Velos holen – ich beschloss, nicht zu tauschen, ich konnte ja mit den Füssen bremsen und war sowieso zu faul, zurück zu fahren; ist nämlich sehr anstrengend, bergauf mit einem Gang.

Wir erreichten den Eingang des Hells Gate National Park und verbrachten eine halbe Stunde damit, mit dem Parkwächter um den Eintrittspreis zu streiten. Erin, die schon seit fast einem Jahr hier ist, hatte vor ein paar Tagen ihre Aufenthaltsbewilligung gekriegt, womit sie den Park zu Einheimischenpreisen betreten könnte – hätte sie die Karte nicht daheim vergessen. Sie liess ihre Wut über diese Dummheit am Parkwächter aus, unterstützt von Julia, die fand, es sei einfach unglaublich gemein, uns so viel bezahlen zu lassen, wenn wir schon in sein Land kämen und unbezahlte Arbeit verrichten würden. Doch der Wächter liess sich von niemandem einschüchtern, auch wenn wir alle Gesichter machten, als würden wir nächstens auf ihn einprügeln. Also bezahlten wir alle 1400 Schillinge (20 Dollar), den Touristenpreis. Einheimische bezahlen 200…

 

Es ist nicht leicht, den Park zu beschreiben; eine sandige Strasse durch einen riesigen Talkessel, links und rechts der „Strasse“ grasende Zebras und Gazellen. Auch Straussen bekamen wir zu sehen, und andere grosse bunte Vögel, die ich nicht kenne. Ich fand es irgendwie unrealistisch, nur ein paar Meter entfernt von einer Zebraherde durch zu radeln…

Kennedy fand, wir müssten ein gewisses Tempo halten, ob die Sonne nun vom Himmel knallte oder nicht. Ich liess mich zu den letzten zwei zurückfallen; Satomi und Philip. Dass Philip langsam ist, ist kein Wunder, doch warum Satomi so langsam war, wurde mir erst klar, als ich sah, dass sie keine Luft im Hinterreifen hatte. Als ich sie darauf aufmerksam machte, schickte mich Philip los, ich solle zu Kennedy fahren und für Werkzeug fragen. Wir hatten inzwischen den Anschluss zur Gruppe gänzlich verloren. Ich sputete los, fuhr eine Kurve um einen Busch und (versuchte) zu bremsen: Eine Kreuzung. Nun ist es so, dass ich eine gewisse Tendenz dazu habe, verloren zu gehen, wenn ich mit einer Gruppe unterwegs bin (gäu Merlä? *gg)… Zum Glück standen am Wegrand ein paar Männer an einer Wasserpumpe und ich fragte sie, welchen Weg die grosse Gruppe Muzungus genommen habe, die vor ein paar Minuten hier durchgekommen sei. Sie wiesen mir den Weg und ich fand die anderen schon ein paar Minuten später auf einem Picknickplatz. Kennedy allerdings hatte nichts zum Fahrräder reparieren und auch sonst niemand…

Satomi war glücklicherweise nicht mehr all zu weit vom Picknickplatz entfernt. Fürs Erste brauchten wir die Velos sowieso nicht mehr. Wir setzten uns alle in den Schatten um zu Mittag zu essen. Ich lachte über Kennedy, der uns sagte, wir sollen auf unsere Sachen aufpassen, weil ein paar riesige Affen um uns herumstreunten. Fünf Minuten später klaute so ein Biest Lisas und mein Brot! Immerhin blieb uns noch der La vache qui rit Käse, der zwar nicht wie La vache qui rit schmeckte, aber immerhin nicht verschimmelt war wie derjenige von Sachi, die ihre Schachtel im selben Supermarkt wie wir gekauft hatte.

Bald brachen wir zu einer Wanderung durch die Hells Gate Schlucht auf, was nicht nur ein schattiges, sondern auch erfrischend nasses Erlebnis war. Der Weg war nämlich das Bachbett selbst, also nicht wirklich ein Weg und wir schlitterten und kletterten über Stock und Stein. Ich zog bald einmal die Schuhe aus und es war wunderbar, abwechslungsweise durch Eiswasser und dann durch warme Pfützen zu waten – es gibt in dieser Schlucht nämlich warme Quellen, sogar einen ganzen warmen Wasserfall; das eigentliche Ziel.

Total durchnässt und dreckstarrend kraxelten wir aus der Schlucht hinaus zurück zu unseren Fahrrädern. Einer der Jungs opferte sich dafür auf, Satomis Rad zurück zu schieben, in der Hoffnung, unterwegs von einem Auto aufgepickt zu werden. Nun ging es den selben Weg zurück, die Sonne war inzwischen etwas erträglicher, dafür war ein wenn auch erfrischender doch relativ lästiger Wind aufgekommen, der uns den ganzen Staub der Strasse ins Gesicht wirbelte.

Die Gruppe war im ganzen Park zerstreut und wir trafen erst am Eingang wieder aufeinander, wo der selbe Parkwächter, mit dem wir schon um den Preis zu verhandeln versucht hatten, behauptete, es gäbe kein Fahrzeug, welches das kaputte Fahrrad auflesen gehen könne und zeigte bei dem Argument, was den sei, wenn sich jemand ein Bein breche, ob da auch kein Auto in der Nähe sei, bloss auf ein Schild, auf dem stand, dass man den Park auf eigene Gefahr betrete und keine Haftung übernommen werde…

Ehrlich gesagt weiss ich gar nicht, wie es dann ausgegangen ist, beim Abendessen waren jedenfalls wieder alle dabei (=

Nicht zu vergessen, dieser Campingplatz ist wirklich genial: Es gibt WARMWASSERDUSCHEN, stellt euch das vor (hihi, okay, wird euch wohl allen nicht sehr schwer fallen, aber trotzdem). Und die Toiletten sind so was von sauber, es gibt sogar WC-Papier. Ausserdem ist der Campingplatz direkt am See, es gibt viele Bäume; ein unglaublich gemütlicher Ort.

Ich kroch wie die meisten anderen bald einmal ins Zelt, obwohl auf Grossleinwand Rugby gezeigt wurde und einige fanden, das dürfe man nicht verpassen. Aber es war einfach zu widerlich, sich zwischen all die besoffenen Touristen zu quetschen, und ausserdem war ich todmüde. Aus irgend einem Grund konnte ich aber nicht einschlafen, und als ich hörte, wie ein paar der anderen draussen ein Feuer anzündeten, kraxelte ich wieder aus dem Zelt und setzte mich zu ihnen. Da waren Kennedy, Barbara (aus der Schweiz, die vor vier Jahren mit ICYE hier im Austausch war und nun für ein paar Monate wieder in Kenia ist), Christine (aus Dänemark, sie ist ebenfalls zum zweiten Mal in Kenia, war letztes Jahr hier), Bena (aus Kenia, war in Frankreich im Austausch, zurück seit ein paar Wochen) und Julias Gastbruder Kohoro, der uns allen Soda spendierte. Nach dem Zuckerzeug war ich definitiv wieder wach. Wir waren eigentlich alle viel zu erschöpft von diesem Tag, um noch am Feuer zu sitzen; ich kann mich wirklich nicht erinnern, was wir die ganze Nacht durch für Gespräche geführt haben. Irgendwann jedenfalls wollten wir die Nilpferde schauen gehen, die in der Nacht ans Ufer herankommen und deren Gurgeln über den ganzen Campingplatz zu hören ist. Weil anscheinend mehr Menschen von Nilpferden getötet werden als von anderen wilden Tieren, wird darum ab 18Uhr am Seeufer entlang ein elektrischer Zaun gespannt. Das wussten wir, doch dann standen wir am Ufer und fragten uns, wo dieser Zaun den wohl hingekommen sei, bis wir realisierten, dass wir uns bereits innerhalb des umzäunten Bereichs befanden – der Zaun ist nämlich nur ein Draht in Kniehöhe, über den wir achtlos hinweg gestiegen waren – und hysterisch davonrannten, ohne die gefährlichen Monster gesehen zu haben.

Als es dann plötzlich hell wurde, gingen wir alle für eine Stunde schlafen und trafen und fanden uns mit der restlichen Gruppe eine Stunde später im Restaurant wieder, wo wir Frühstückten und dann zum nächsten Ausflug aufbrachen. Mit zwei Booten tuckerten wir über den See (ohne die Nilpferde zu sehen, die sich tagsüber vom Ufer zurückziehen und sich irgendwo im See aufhalten) zu einer Insel. Auch dort gab es einen Parkwächter, mit dem ein Preis ausgefochten werden musste und wieder mussten wir den horrenden Touristenpreis bezahlen. Aber das Geld war vergessen, sobald die ersten Giraffen unseren Weg kreuzten. Auch sie nur ein paar Meter von uns entfernt wie die Zebras vom Vortag (von denen trafen wir auf der Insel auch wieder eine Menge an), doch niemand wollte probieren, wie nahe man ihnen wirklich kommen kann, denn wer will schon riskieren, von einem ihrer langen Beine gekickt zu werden…

Wir wanderten etwa zwei Stunden zu einem kleinen See voller Flamingos, umrundet von kleinen Hütten, die ein Hotel bildeten. Dort assen wir zu Mittag und mussten uns dann beeilen, denn unser Matatu wartete anscheinend schon auf dem Campingplatz  - wir mussten früh zurück, weil einige von uns von weit her kommen und noch am selben Tag nach Hause wollten.

 

Todmüde, sonnenverbrannt aber total zufrieden kam ich daheim an, stopfte meine dreckigen Klamotten in eine Plastiktüte und verstaute diese erstmal unter dem Bett… Ich wusste, es würde mich etwa zwei Stunden kosten, all den Dreck aus meinen Jeans und den anderen Kleidern vom Wochenende heraus zu schrubben und ich wollte lieber noch ein bisschen in Gedanken den tollen vergangenen Tagen nachhängen, als mich ins Wasser knien.

 

22.10.2007 – 24.10.2007

 

Der Montag war sterbenslangweilig. Aber vielleicht liegt das auch einfach an meiner Einstellung: Ich HASSE Montage.

Ich verbrachte fast eine Stunde damit, die riesigen Ratten zu beobachten, die aus ihren Löchern hervorkrochen, sobald die Kinder eingeschlafen waren und anfingen, in den Häfis herumzuklettern. Sie liessen sich von mir nicht stören. Es war das erste Mal, dass ich sie so sah, vorher hatte ich nur ab und zu eine davonhuschen sehen. Betty sagte, es werde von Tag zu Tag schlimmer, sie hat sie auch in ihrer Wohnung (sie wohnt in einer Baracke im Projekt), eine hat ihr eines Nachts sogar ins Ohr gebissen! Ausserdem wecken die Viecher sie ständig auf, weil sie in ihren Pfannen herumportsen und ständig herunterfallen, was mächtig klirrt und scheppert.

 

Am Dienstag ging ich ins Büro im Projekt, wo Cheroque und eine andere Mitarbeiterin, Jackie, an ihren Schreibtischen sassen, vor sich je ein riesiger Stapel Zeitungen und Magazine. Sie fragten mich, wie die Arbeit mit den Kindern so sei und versicherten mir allen Ernstes, auch sie seien hardworking! Jaja, wenn es gut kommt, lässt sich eine Person oder ein Pärchen in zwei Tagen blicken, die sich über AIDS informieren oder anderweitig beraten lassen wollen. Ich liess mir ebenfalls einen Stapel Zeitschriften aushändigen und kehrte zurück in den Babycare, wo die Ratten auseinander stoben, als ich die Tür aufstiess.

Beim nach Hause gehen wurde ich schon beim Einsteigen ins Matatu mit Haraka! Haraka! (Beeilung) angeschnauzt und ebenso beim Aussteigen. Ich nahm die Aufforderung nicht all zu ernst, beeilte mich dann aber dafür beim nach Hause laufen, weil ich mir beim Aussteigen an einem Nagel, der aus irgend einem Grund aus einem der Sitze heraus ragte, die Hose zerrissen hatte und etwas viel Haut zeigte.

 

Wenn ich nach der Arbeit direkt nach Hause gehe, marschiere ich die Strasse, die ich nicht gehen sollte, hinunter zum Gikomba Market und steige an der immer gleichen Stelle ins Matatu. Es hat dort ein paar Typen, die Maiskolben braten, wie man es hier an jeder Ecke sieht, auf einem Kohlengrill. Die Dinger sind beliebt, die Überreste liegen überall auf der Strasse und führen zu Unfällen, weil man ständig auf die abgenagten Kolben tritt, sie zu rollen beginnen und man ins Stolpern kommt. Jedenfalls kennen sie mich inzwischen und machen immer ein Theater, wenn ich auftauche. Seit ich vor etwa einer Woche das erste Mal Mais gekauft habe, kriege ich ihn regelmässig durchs Fenster des Matatus geliefert.

 

25.10.2007

 

Simon kommt heute nach Nairobi. Er hatte mir vor ein paar Tagen eine SMS geschrieben und gefragt, ob seine Freundin bei mir übernachten könne, sie brauche nur Wasser, Gras und gebe 6 Liter Milch pro Tag. Seither hatten wir die ganze Zeit dummes Zeug hin und her geschrieben und einen Heidenspass gehabt (= Seine Gastfamilie hat wirklich eine Kuh, Simon hat sie auf den Namen Frieda getauft.

Jedenfalls nützte ich die Ausrede, ich müsse ihn in der Stadt abholen (was zwar stimmte, aber erst am Abend), um früh von der Arbeit weg zu kommen. Als die Kinder im Bett waren, huschte ich davon und ging nach St.Bridgids, wo ich ein bisschen mit Lena plauderte, einer Austauscherin aus Deutschland, diese die ihren Sohn mitgebracht hat. Der kleine Jona hatte gerade Malaria gehabt, es ging ihm aber schon wieder gut und er erzählte mir begeistert vom Film „König der Löwen“, den Christin für ihn gekauft und den er sich am Vormittag angeschaut hatte.

Gegen fünf Uhr fuhr ich in die Stadt, um Simon und Tarrec, auch ein Österreicher, der auch in Migori arbeitet, aber erst nach dem Orientierungscamp nach Kenia gekommen war (ich hatte ihn allerdings schon mal getroffen, damals in Westlands), abzuholen.

Die Frieda warte in Kisii, wo sie Zwischenhalt gemacht hatten, ihr wurde einfach zu schnell schlecht auf den schlechten Strassen, sie konnte unmöglich bis nach Nairobi kommen, erklärte Simon. Ich war enttäuscht, hatte ich mich doch auf die Milch gefreut. Jetzt aber mal im Ernst; seit ein paar Tagen habe ich ein unglaubliches Bedürfnis nach Milch und kaufe dauernd welche, wenn ich in die Stadt komme. Ich konnte zuvor nie „rohe“ Milch trinken, also ohne OVO oder was auch immer, aber jetzt fange ich an, es zu lieben. Gut, mit unserer Milch kann man diese hier nicht vergleichen, weil sie nämlich mit Wasser gestreckt wird… darum vertrage ich sie auch so gut, auch wenn ich einen halben Liter trinke, ohne sie zu kochen.

Ich brachte die Beiden zurück nach St.Bridgids, wo sie für die Paar Tage Nairobi bleiben konnten, wenn es auch nur ein Bett gab, denn zu dieser Zeit waren unglaublich viele Gäste dort, die unter Anderem ein lebendiges Huhn mitgebracht hatte, das eine Woche lang in der Küche gehalten wurde, wo es den Boden vollkackte.

Wir kehrten aber schon bald wieder in die Stadt zurück, um mit ein paar der anderen Austauschern Abendessen zu gehen.

Ich bin es mir noch nicht so gewöhnt, um diese Zeit in der Stadt zu sein und wusste garnicht, wie arg das Gedränge abends hier ist. Das erste Mal hatte jemand meine Tasche geöffnet, doch alles war noch da, hatte sowieso nichts wertvolles dabei und den Reisverschluss zum Fach wo ich das Geld darin verstaue zu öffnen, ist nicht so einfach. In einem italienischen Restaurant gingen wir alle Pizza essen, es war einfach himmlisch, hatte dafür aber seinen Preis (14 Franken für die billigste Pizza? Wo sind wir denn da? In Nairobi??).

 

Nach acht Uhr machten sich Pedro und ich auf den Weg nach Hause; seine Matatus fahren fast an der selben Stelle ab wie die meinigen, und das letzte verlässt die Stadt um neun Uhr. Ich hatte keine Ahnung, bis wann meine fahren würden, war ich ja noch nie so spät unterwegs gewesen.... Jedenfalls waren da noch eine ganze Menge Matatus, ich stieg ein und wogte mich in Sicherheit, bis mich nach zehnminütiger Fahrt der Kondukteur erreichte und fragte, wo ich hinwolle (sie fragen nicht alle, nur die kleinen Muzungumädchen, die angestrengt aus dem Fenster starren, um rechtzeitig aufzuspringen und auszusteigen). Auf meine Antwort schüttelte er den Kopf, nein, bis dahin fahren sie nicht, ging aber dann weiter Geld einsammeln und ich blieb vorerst sitzen. Er kehrte dann zu mir zurück, setzte sich neben mich und fragte noch etwa zehn Mal, wo genau ich hin wollte. Ich dachte, sie würden einfach an der Hauptstrasse umkehren, wie es auch Tagsüber einige Matatus tun, und das ist kein Problem, dann muss ich einfach länger zu Fuss gehen bis nach Hause (normalerweise stoppen die Matatus, wenn ich von der Stadt komme, zwei Gehminuten vom Haus entfernt, wirklich praktisch). Also versuchte ich ihm klar zu machen, dass ich auch laufen könne, doch er bestand darauf, dass es zu weit sei und er mich nicht dieser Gefahr aussetzen wolle. Er diskutierte mit dem Fahrer, doch dieser wollte nicht extra wegen mir weiterfahren, und schliesslich hielt er an und alle stiegen aus. Und wir waren nicht an der Hauptstrasse, die ich meinte… Der Kondukteur stellte sich also mit mir an die Strasse und wartete, bis ein anderes Matatu kam, dessen Kondukteur er erklärte, dass ich nicht bezahlen müsse. Der Bus war total überfüllt, ich hing fünf Minuten eingequetscht zwischen ein paar zur tödlich lauten Musik johlenden Typen in der Tür und glaubte zu sterben, denn das Matatu raste wie verrückt, und stieg dann früher aus als ich sollte, doch ich glaubte, es sei weniger gefährlich, die dunkle Strasse entlang zu laufen als aus einem fahrenden Matatu geschleudert zu werden.

 

26.10.2007

 

Diese riesigen Vögel, die schon im Orientierungscamp fleissig den Wecker gespielt hatten, veranstalteten wieder einmal einen höllischen Lärm in aller Herrgottsfrühe. Also stand ich auf und verliess das Haus ausnahmsweise vor acht Uhr. Ich hatte angefangen, erst so gegen halb neun zu gehen, wenn dann alles gut geht, bin ich gegen neun im Projekt und das ist früh genug; die meisten Kinder kommen erst nach neun Uhr. Weil ich so früh dran war, schaute ich in St.Bridgids vorbei und Frühstückte mit Simon, Tarrec und dem armen Huhn, das mit zusammengebundenen Füssen am Boden lag. Der 26. ist der Nationalfeiertag Österreichs und der eigentliche Grund, warum sie nach Nairobi gekommen waren (fand das auch erst an diesem Morgen heraus). Auf der Botschaft wurde nämlich eine Party geschmissen, zu der sich die Österreicher in Kenia versammeln (so wie die 1.August – Feier damals in China, erinnerst du dich, Martina *gg). Wir verabredeten uns für später und ich ging zur Arbeit. Ich hatte die Kamera mitgenommen und Maria und Betty gerieten total aus dem Häuschen vor Freude. Maria posierte, und nahm mir dann die Kamera ab, um selbst zu fotografieren. Ich rechne nicht mehr damit, diese Kamera überhaupt wieder mit nach Hause zu nehmen, denn so wie die Leute hier mit zerbrechlichen Dingen umspringen, sind ihre Überlebenschancen gleich null (Keine Panik, Latschgä, ich bringe sie auch kaputt zurück und dann bringe ich sie zu du weisst schon wem und DU wirst mich begleiten, heeheehee). Es gibt zu wenig Licht im Baby Care, als dass gute Bilder entstanden wären, ich muss sie wohl nochmals bringen, wenn das Wetter besser ist und wir draussen in der Sonne fotografieren können.

Heute hatte ich das erste Mal Probleme auf dem Weg zum Gikomba Market. Schon als ich das Eingangstor des Projekts hinter mir zustiess, sah ich auf der anderen Strassenseite ein paar Schulmädchen, die einem Typen etwas weiter die Strasse hinunter Dinge zuschrieen und genauso unfreundlich klingende Antworten zurückgebrüllt bekamen. Man braucht nicht im Besitz hellseherischer Fähigkeiten zu sein um zu wissen, dass ich diese Szene nicht problemlos durchschreiten würde…

Ich begann zu marschieren, schnell und nur gerade aus schauend wie immer in dieser Gegend (Maria war einmal ganz beleidigt etwa fünf Minuten nach mir im Projekt erschienen und hat mich gefragt, warum ich sie auf der Strasse ignoriert hatte, doch ich hatte sie wirklich nicht gesehen!). Als ich auf der Höhe des Typen war, der immer noch mit den Mädchen herumlamentierte, liess er sofort von ihnen ab und rannte über die Strasse zu mir. Er hatte Mühe, mit mir Schritt zu halten, was er mich auch wissen liess, nebst seinem Namen und dass er kein böser Mensch sei und nur reden wolle. Ich sagte ihm meinen Namen, woher ich sei und dann, dass ich müde sei und nicht reden möge. Natürlich liess er nicht von mir ab, er wollte meine Handynummer und rannte die ganze Strasse hinunter neben mir her. Ich schaffte es nicht, ihm abzuschütteln. Als ich ins Matatu stieg, stand er am Fenster. „Please, Selina, let me give u my number, please!“ Ich wechselte den Sitzplatz, er ging um den Wagen herum und stand wieder am Fenster. Ich schloss das Fenster, er versuchte, es von aussen her wieder auf zu stossen. Inzwischen waren aber ein paar Omas und auch andere Leute ins wartende Matatu eingestiegen. Die alten Frauen begannen über den jungen Bengel zu wettern, der es wagt, das Muzungumädchen derart zu belästigen. Sie befahlen im, weg zu gehen, ein Mann blockierte mit Kräften das Fenster, ein anderer entschuldigte sich bei mir für das Verhalten dieses Typen, der an der Scheibe kleben blieb, bis das Matatu schliesslich losfuhr. Ich war gerührt über all die Hilfe und konnte es all den Leuten nicht einmal danken… /:

Daheim zog ich mich nur schnell um und fuhr zurück in die Stadt, um mit den anderen Essen zu gehen. Es dauerte eine Stunde, der Verkehr wird nahezu von Tag zu Tag schlimmer. Erin schrieb mir eine SMS, dass wir uns alle eine halbe Stunde später treffen würden, denn Simon und Tarrec, waren noch nicht mal zum St.Bridids zurück gekehrt. Also kam ich trotzt des unglaublichen Staus nicht zu spät, wartete eine Stunde, ohne dass jemand auftauchte und musste dann gehen, es wurde sonst zu spät für mich, nach dem Essen noch heim zu kehren. Ich ging dann am nächsten Abend mit ihnen Essen, am Sonntag in der Frühe kehrten die Österreicher wieder aufs Land zurück, und Debbie, die ihre Arbeitsstelle bei ICYE gekündigt hatte, ging mit ihnen und wurde in Migori als Simons neue Frau verwechselt (=

Also prügelte ich mir dann entnervt einen Weg durch die Menschenmassen. Ich war müde und wütend, dass ich so lange gewartet hatte für nichts und das Gedränge und Geschreie zwischen all den kleinen Ständen, welche nach 17.00 Uhr auf den Gehsteigen aus Kartonkisten und Tüchern errichtet werden und den „Fussverkehr“ lahm legen, machte mich aggressiv. Auch an der Matatuhaltestelle herrschte unglaublicher Andrang, und nun wo ich weiss, dass ich nicht irgendwo einsteigen kann, sondern für ein Matatu warten muss, das dann auch bis zu mir nach Hause fährt, ist alles komplizierter. Denn sobald ein Matatu auftauchte, stürzten sich die Leute darauf und es war voll, bevor ich auch nur feststellen konnte, ob es eines gewesen wäre, das ich hätte nehmen können. Nach 20 Minuten gab ich auf und bezahlte 50 Schillinge für einen der so genannten „Luxury Shuttles“, damit ich endlich nach Hause kam.

 

 

 

 

29.10.2007

 

Maria fühlte sich nicht gut, wollte aber nicht nach Hause gehen, ich konnte sie nicht dazu überreden. Dabei konnte man ihr ansehen, dass sie nicht gesund war.

Die Direktorin, Angelina, liess mich in ihr Büro kommen und gab mir die Adressen von einer jungen Frau aus der Schweiz, die zehn Tage hier im Projekt gearbeitet hatte, in der Schneiderei. Ich solle ihr doch eine E-Mail schreiben.

Im Matatu auf dem Heimweg brach plötzlich Chaos aus, weil ein betrunkener Typ begann, mit dem Kopf den Kondukteur zu rammen. Der Kondukteur liess sich provozieren und begann sich mit dem Mann zu schlagen, anstatt ihn einfach hinaus zu werfen. Die Passagiere sprangen auf, begannen herumzuschreien (Schukischa: anhalten/will aussteigen/Stopp) und es schien, als würde sich das ganze Matatu prügeln. Ich sah den Bus in meine Strasse einbiegen, wollte aussteigen – wie inzwischen alle anderen auch, doch der Chauffeur hielt einfach nicht an! Wieder bekam ich freundliche Unterstützung, mein Sitznachbar stand auf und hackte sich für mich einen Weg zur Tür frei, damit ich abspringen konnte.

Als Emma nach Hause kam, kündigte sie an, dass ich heute für sie Kochen werde – unter ihrer Anleitung. Ich sollte lernen, das typische Essen der Kamba – Bohnen und Mais – zu zubereiten. Es war relativ simpel, Tomaten, Zwiebeln, Koriander und Peperoni zu hacken, anzubraten, den bereits gekocht gekauften Bohnen-Mais-Mix hinzuzufügen, und von ungefähr allen Gewürzen, die Emma besitzt, einen Esslöffel voll in die Pfanne zu mischen. Doch Emma war so stolz auf mich, dass sie ihre Mutter anrief und diese wissen liess, dass ICH für SIE gekocht habe und es himmlisch schmecke (=

Und Emma hatte mich noch gefragt, ob ich am Wochenende mit ihr nach Kisii kommen wolle, eine ihrer Freundinnen wird heiraten. Ein paar Tage raus aus Nairobi aufs Land, das hörte sich toll an! Ich hatte noch ein Päckchen Malariatabletten, und wir nahmen beide eine, obwohl wir eigentlich schon zu spät dran waren, denn man sollte zumindest eine Woche vor Abreise mit der Therapie beginnen – und wir werden auch zu wenig Tabletten haben, um die Therapie abzuschliessen, wir werden nur drei anstatt vier Wochen nach Rückkehr Tabletten schlucken können.

 

 

30.10.2007

 

Maria kam nicht zur Arbeit, sie war nun definitiv krank. Ich hatte darum etwas ein schlechtes Gewissen, Betty zu verlassen, sobald die Kinder im Bett waren, aber ich musste nach Westlands mein Taschengeld für den nächsten Monat und das Matatugeld abholen.

 

Ein paar Tage zuvor hatte ich Emma gefragt, ob sie von Kerubo Geld erhalte dafür, dass ich mit ihr wohnen könne. Sie sagte, Kerubo könne ihr nur Geld fürs Essen geben, doch sie wolle Kerubo nicht damit nerven. Emma mag Kerubo nicht, was ich durchaus verstehe, doch kein Grund, auf das Geld zu verzichten. Ich nahm mir vor, selbst mit Kerubo zu reden, ich will, dass Emma das Geld kriegt, sie hat ja selbst nicht viel und im Moment gibt’s gerade ein Problem bei ihr auf der Arbeit; habe es nicht ganz kapiert, aber irgendwie kriegt sie den Lohn für diesen Monat erst nächsten Monat ausbezahlt, und es wird weniger sein, als es eigentlich sollte…

 

Also fragte ich Kerubo… Und Kerubo sagte, dass sie Emma Geld gebe, ihr aber gesagt hatte, dies mir nicht zu erzählen, weil die Austauscher sich nicht vorkommen sollen, als werden sie nur beherbergt, weil die Familien dafür bezahlt werden. Nun habe ich echt ein Problem: Soll ich Emma glauben oder Kerubo? Soll ich nachhacken und Emma fragen, ob sie WIRKLICH Geld kriegt, oder das Ganze einfach lassen? Mist!

 

Als ich schon gehen wollte, fiel Kerubo noch ein, mir etwas zu geben: den Abholzettel fürs Päckli, das ihr mir geschickt habt, Mami&Päpu!!! Endlich!! Diese dumme Kuh, Kerubo, sie hat mir gesagt, sie würde es mich sofort wissen lassen, wenn das Päckchen ankomme, doch sie hat mir nicht geschrieben und es heute fast vergessen, ich bin sicher, der Zettel war schon relativ lange im Büro…

 

Es war inzwischen 16.00 Uhr, die Schule sollte nun aus sein, ich wollte die kleine Janet besuchen gehen, endlich, wie schon lange versprochen. Also kaufte ich zwei Portionen Pommes mit Ketchup und machte mich auf den Weg.

Ich stand etwa fünf Minuten an der Tür und wollte schon gehen, bis dann doch eine der Tanten kam, und mir öffnete – die sind also alle immer noch da! Die gehen wahrscheinlich nie mehr zu sich nach Hause zurück. Sie freute sich, mich zu sehen, brachte mich ins Schlafzimmer, wo sie die andere Tante weckte. Ich half mit Wäschezusammenfalten während ich auf Janet wartete. Die eine Tante brachte mir Tee; ohne Milch, nur mit Zucker, so wie ich ihn hier immer getrunken hatte, was sie alle nicht hatten verstehen können. Ich war gerührt und hatte Gewissensbisse. Um fünf war Janet immer noch nicht da, warum blieb sie ausgerechnet heute so lange in der Schule? Ich konnte nicht mehr warten, ich wusste, dass es über zwei Stunden gehen würde, bis ich daheim war, um diese Zeit bricht das Verkehrs“system“ vollends zusammen. Es tat mir wirklich leid, ich drapierte die heiss geliebten Ballons, die ich für meine kleine Schwester mitgebracht hatte, neben der Pommestüte auf ihrem Kissen und ging.

 

 

2.11.2007

 

Eigentlich hatten wir geplant, nachts nach Kisii zu reisen, doch Emmas Freunde hatten sie gewarnt, es sei zu gefährlich, also würden wir gegen Mittag aufbrechen. Ich rief Angelina an, erklärte, dass ich nicht zur Arbeit kommen werde, und sie sagte, es sei okay.

Emma musste am Morgen ins Krankenhaus, sie hat Probleme mit dem Rücken. Ich ging mit ihr in die Stadt, um das Päckli abzuholen. Christin hatte mich schon vorgewarnt, was für eine Prozedur auf mich wartete. Sie hatte über eine Stunde gebraucht, um das Packet, das ihr ihre Kinder geschickt hatten, zu kriegen und musste für Chips und Schokolade bezahlen… Ich war um punkt 8Uhr, die Zeit wenn die Schalter öffnen, auf der Post und legte meinen Zettel vor. Der Mann am Schalter schickte mich in den zweiten Stock. Dort musste ich den Pass vorweisen, dann wurde das Päckchen geholt, ich wurde zu einem anderen Schalter geschickt. Dort wartete ich erst mal eine Runde, bis eine Frau auftauchte, wieder den Pass kontrollierte und mich dann aufforderte, das Packet zu öffnen. Ich hatte so meine Probleme mit dem Klebeband, ausserdem zitterten meine Finger und als ich es dann geschafft hatte und all diese Dinge darin sah, musste ich einfach weinen. Die Frau sollte eigentlich den Inhalt kontrollieren und registrieren, doch sie sah die Sachen kurz durch, klappte das Packet zu, schaute mich an und sagte: „you can go…“.

 

Wieder daheim packte ich meine Sachen fürs Wochenende, „duschte“ und fuhr wieder in die Stadt, um im Internet auf Emma zu warten. Lynn textete mich, sie sei gerade in der Stadt bei einem späten Frühstück, wo ich denn sei. Wir hatten uns eigentlich für den Vorabend verabredet, denn sie zieht weiter nach Südafrika, wo sie Verwandte besuchen geht. Doch es ging ihr nicht gut, was falsches Gegessen, das Übliche halt, und darum hatte sie abgesagt. Nun konnte ich ihr doch noch Lebewohl sagen!

Etwas später traf ich mich mit Emma, wir gingen in den Supermarkt, wo ich für das Brautpaar schöne Trinkgläser kaufte und dann machten wir uns auf den Weg zur Matatuhaltestelle. Die rund fünfstündige Fahrt nach Kisii kostet 12 Franken, wir nahmen eines der kleinen Matatus, also ein VW-Bus, die zwar unbequemer aber schneller sind als die grossen Busse. Wir hätten Nairobi eigentlich um halb zwei verlassen sollen, los ging es aber dann um drei Uhr.

Ich liebe solche Dinge, stundenlang dahintuckern, aus dem Fenster träumen, dösen. Das tolle an Kenia ist, man kann eine Stunde aus Nairobi hinaus fahren und befindet sich schon im Nirgendwo, kann plötzlich den Horizont sehen! Ab und zu passierten wir die Hauptstrasse kleiner Dörfer, wo Ziegen und Schafe am Strassenrand entlang wandern, Eselgespanne dahinzuckeln und ab und zu gebremst werden muss, um zu warten, dass Kühe die Strasse freigeben.

Emma tat mir leid, sie hatte Rückenschmerzen und Strecke ist mehr oder weniger eine Schotterpiste, mit Schlaglöchern und Felsbrocken gespickt. Einmal passierten wir ein Schild, das sagte: „Road under construction“. Strasse?? Welche Strasse???

Anhalten taten wir nach etwa 3 Stunden, für 10 Minuten, in denen die Passagiere hinter den Büschen verschwanden. Emma fand es schrecklich ungerecht, dass der Fahrer ausgerechnet 5 Minuten nach einer grösseren Ortschaft, Narok, wo es Toiletten gegeben hätte, anhielt. Doch danach wurde die Fahrt zumindest angenehmer, denn die Strasse zwischen Narok und Kisii ist in tadellosem Zustand. Es wurde dunkel und ich schlief ein, und als mich Emma kurz nach 8 Uhr weckte, waren wir in Kisii Town.

Wir wurden von einer Frau und einem Mann abgeholt, die auch Emma nicht kannte, und diese fuhren uns zu einem Haus etwa fünf Minuten von der kleinen Stadt entfernt. Wir wurden freundlich empfangen und willkommen geheissen, ebenfalls von Fremden, Verwandte vom Bräutigam. Emma und ich waren total fertig von der Reise, doch es war erst 22.00 Uhr, der Meinung unseres Gastgebers nach noch nicht so spät, und so labberte er noch eine gute Stunde über die unterschiedlichen Eigenschaften der Menschen der verschiedenen Stämmen Kenias, obwohl er, als er Emma begrüsste und gefragt hatte, von welchem Stamm sie komme, gesagt hatte, es spiele keine Rolle, sie seien alle Kenianer und er mache keine Unterschiede.

Dann wurden wir noch gewarnt, wir sollen nicht erschrecken, falls es in der Nacht plötzlich lärme auf dem Dach, denn das sei nur eine überreife Avocado, die vom Baum gefallen sei und das Dach hinunter rolle, und durften endlich ins Bett kriechen; in einem winzigen Raum, in dem ein Stockbett und ein Doppelbett gerade so knapp Platz fanden.

 

3.11.2007

 

Am Morgen bekam ich so viel heisses Wasser in einem riesigen Becken, dass ich den Kopf ganz eintauchen konnte. Ich fühlte mich wie im Hallenbad! (= Toiletten gibt’s hier nicht, nur ein Loch im Boden, obwohl die Leute, die uns hier beherbergen, reich sind; wir hatten am Vorabend unverdünnte Milch gekriegt..

Beim Frühstück fragte mich Elisabeth, die Ehefrau, ob wir in die Kirche kommen, es wäre eine Ehre, Gäste zu haben, vor allem aus dem Ausland… Emma konnte sich herausreden, weil sie immer noch Rückenschmerzen hatte und lieber wieder zurück ins Bett wollte, um sich für die Hochzeit morgen auszuruhen.

Ich weiss schon, wie das läuft bei den Kisii, die sind den GANZEN TAG in der Kirche, und die Gäste müssen irgendwann aufstehen und sich vorstellen. Elisabeth war mehr als freundlich mir gegenüber, sie hatte schon am Vorabend angekündigt, dass ich nun auch ihre Tochter sei, und ich kam nicht darum herum zu vermuten, dass die Geschichte mit der Kirche nicht zum Erlebnis für mich werden würde, sondern zur Gelegenheit für Elisabeth, mich herumzuzeigen. Ich sagte also, dass ich am Mittag mit einem Freund im Town verabredet sei, was auch stimmte: Bena war dieses Wochenende ebenfalls in Kisii, um seine Grosseltern zu besuchen. Elisabeth sagte, es sei kein Problem, wir würden am Mittag zurück kommen, essen und dann in die Stadt gehen, um Bena abzuholen, ich würde ihn selbstverständlich ins Haus bringen. Sie dachte, Bena sei auch ein Muzungu… Ich glaubte kaum, wo er sehr begeistert sein würde über diese Pläne und sagte schliesslich trotzt schlechtem Gewissen, dass ich nicht so gerne in die Kirche ginge. Elisabeth hörte nicht auf zu lächeln und meinte, es sei okay.

Emma und ich gingen nach dem Frühstück wieder ins Bett zurück, um noch etwas zu ruhen, bis wir gegen Mittag in die Stadt gehen würden. Emma fühlte sich wirklich nicht gut und schlief ein. Ich weckte sie um 11 und sagte, ich würde nun in die Stadt gehen. Sie sagte bloss „okay“ und ich war schon fast beleidigt, dass sie mir zumutete, allein zu gehen (=

Ich fand den Weg vom Haus zur Hauptstrasse und marschierte in die Richtung, aus der wir am Vorabend gekommen waren. So wie ich es in Erinnerung hatte, waren wir nie abgebogen, also musste die Stadt irgendwann mal kommen. Keine fünf Minuten Später tauchte ein Matatu auf, ich fragte „Town?“, erhielte ein zustimmendes Grunzen und quetschte mich zu in eine Dreiersitzbank, wo bereits 4 Leute sassen. Es ist kein Problem, in einen 14 Passagierbus, 22 Erwachsene und 7 Kinder zu stopfen, den Kondukteur nicht mitgezählt. Hier ist das gang und gäbe, auch Simon hat mir davon erzählt. Erlaubt ist es allerdings nicht, und die Polizei kontrolliert relativ häufig, was aber kein Problem ist; die wird einfach bezahlt (für 1000 Schilling, also 20 Franken, kann man sich übrigens auch in Nairobi freikaufen, wenn man ohne Führerschein herumfährt, was billiger kommt, als die Fahrprüfung zu machen oder selbst einen irgendwo auf der Strasse zu kaufen, was natürlich auch möglich ist). Zumindest behauptet hier niemand, dass Korruption in Kenia ein Problem sei…

Der Kondukteur freute sich ungemein, meine Bekanntschaft zu schliessen, wollte, dass ich ihm ein Handy kaufe und er mich dafür zum Mittagessen einlade, liess mich dann aber in Ruhe, als ich sagte, ich sei bloss Studentin, habe kein Geld und sei ausserdem verabredet. Zehn Minuten später waren wir in der Stadt. Kisii Town ist winzig, doch es gibt alles hier, von der Barklay’s Bank bis zum Nakumatt Supermarkt. Zu dem flüchtete ich mich, um die Zeit totzuschlagen, denn weil ich das Matatu genommen hatte und nicht gelaufen war wie geplant, war ich zu früh dran.

Benas Grosseltern leben zwei Stunden ausserhalb von Kisii Town in einem Dorf Namens Kitutuchache-Isecha (ich glaube es immer noch nicht, es erinnert mich irgendwie an einen Teil im Namen Pipi Langstrumps&hellip. Das Matatu war so überfüllt gewesen, dass er seinen „Platz“ aufgegeben und auf dem Dach mitgefahren war, was zudem auch noch 5 Schillinge billiger ist (= Dafür brauchte er nun eine Weile, bis er wieder aufrecht stehen und gehen konnte. Wir spielten den ganzen Nachmittag Billard unter den Blicken eines riesigen Publikums, doch ich schämte mich nicht, denn Bena spielt genauso lausig wie ich.

In der ganzen Stadt gab es an diesem Tag übrigens keinen Strom, Mittagessen taten wir in einem mit Kerzen beleuchteten Restaurant, was vielleicht gemütlich tönt, aber nicht war, denn diese hübschen Glühstäbchen produzieren in dieser Anzahl eine höllische Hitze.

Ach, ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube, ich habe in der Stadt die Grossmutter der Familie aus Westlands getroffen (= Zwei alte Frauen gingen an mir vorbei, und auch wenn sie alle ziemlich ähnlich aussehen, mit ihren faltigen Gesichtern und zahnlosen Mündern, so kam mir der eine Zahn, der aus dem Mund der Oma ragte, doch irgendwie vertraut vor. Und sie starrte mich genauso an, wie ich sie anstarrte und als wir aneinander vorbeigingen, drehten wir uns beide um, um nochmals zurück zu schauen. Aber bevor ich dann richtig reagieren konnten, war sie schon verschwunden.

Um fünf traf ich mich mit Emma und wir gingen in die Kirche, wo für den grossen Tag geprobt werden sollte. Emma ist eine der Brautjungfern. Die anderen 7 lernte ich nun kennen, zudem eine ganze Anzahl Tanten des Brautpaar, die mich alle umarmten und küssten und sich freuten, dass ich da war.

Es begann dann zu regnen – es regnet mindestens einmal am Tag in Kisii, darum ist der Boden so fruchtbar und die Leute hier wirklich reich. Die Kisii glauben, ihr Gebiet hier sei Kanaan, deshalb wollen die meisten nicht von hier wegziehen und so ist Kisii total überbevölkert, fast so schlimm wie in Nairobi.

Natürlich wollte in der Dunkelheit und erst noch bei Regen niemand zu Fuss nach Hause. Ein Auto holte uns ab, wir quetschten uns zu 8 hinein, denn nun würden auch noch die anderen Brautjungfern zum Übernachten ins Haus kommen, in dem Emma und ich beherbergt wurden.

Der Abend war total chaotisch, das winzige Zimmer schien zu bersten; da waren etwa zehn junge aufgeregte Frauen, die ihre Kleider anprobierten, wozu sie auf dem Bett stehen mussten, denn es gab keinen Platz am Boden. Der Strom kam und ging, Kerzen wurden angezündet und ausgeblasen, Taschelampen herumgereicht, und das Leben ging weiter. Die einzige Sorge waren die Kleider, die Gebügelt werden mussten, was zum Problem werden würde, wenn der Strom am nächsten Morgen immer noch nicht mitspielte. Ich war hundemüde und Abendessen gab es erst um 22.00, und zwar gekochte Eier, von denen ich mehr als eines Essen sollte und Sojafleisch (aarrggg) und dieses hässliche saure Bohnenkraut, das ich wie üblich mit Sukumawiki verwechselte und von dem ich mir eine grosse (der Meinung der anderen nach höchstens durchschnittliche) Portion aufs Teller lud.

Elisabeth fragte mich, ob sie mir für Morgen ein bisschen Arbeit geben könne, und ich hatte nichts dagegen. „Gut, ich möchte, dass du die Hochzeit eröffnest“ WHAAAAAT? Das heisst, ich sollte mit einer Schere ein Band, das wohl im Kircheneingang gespannt wird (ich war noch nie auf einer Hochzeit, keine Ahnung..) zerschneiden und dann durch die Kirche marschieren, um mich vorne irgendwo hinzusetzten. Ich musste sie zum zweiten Mal enttäuschen, machte ihr klar, dass ich mich nicht wohl fühle, weil ich ja all die Leute nicht kenne und nicht wirklich wisse, wie das alles gehe usw. Wieder lächelte sie und sagte, es sei okay.

Irgendwann durfte ich dann endlich schlafen, wir waren diese Nacht zu dritt im Bett, doch kein Problem für mich, ich kann inzwischen auch im Stehen schlafen, wenn es sein muss, und ich hätte auch schon schlafen können, als all die Mädchen noch wach gewesen waren und herumgelärmt hatten, doch sie liessen mich nicht, zu viele Fragen, zu viel zu erzählen. Kurz, wenn ich mal so richtig müde bin, könnte ich ÜBERALL schlafen. Irgendwie bin ich hier sowieso auf eine andere Art müde als ich es mir gewöhnt bin, so richtig erschöpft. Vielleicht ist das von all den neuen Eindrücken, die Tagtäglich auf mich einströmen und die ich verarbeiten muss. Irgendwer hat mal gesagt, das sei wohl, warum Babies so viel Schlaf brauchen, weil sie jeden Tag so viel Neues sehen und lernen, was sehr anstrengend sein muss.

 

4.11.2007

 

Um halb fünf wurde das Licht eingeschaltet (der Strom war zurück) und der Tag begann. Nicht für mich „Lala Mtoto!“ (Schlaf, Kind). Ich bin allgemein das Baby und habe in solchen Fällen eigentlich nichts dagegen; also schlafe ich halt weiter. Um etwa 9 Uhr kamen dann zu all den Leuten, die schon da waren, noch eine Gruppe Männer dazu, und wir setzten uns alle zum Frühstück nieder. Diskutiert wurde über Politik, was sonst.

 

Exkurs:

Viele Kisii wollen den einen Kandidaten, Raila, nicht, weil er nicht beschnitten ist. Selbst die Kisii die in Nairobi leben, folgen immer noch dieser Tradition, allerdings werden nur noch die Jungen beschnitten, für die Mädchen ist es verboten. Und die 12-14 jährigen Jungs von heute müssen nicht mehr die ganze Nacht nackt auf dem Bauch im Gras liegen wie noch ihre Väter, um am Morgen so eingefroren zu sein, damit sie den Schnitt nicht spüren (was sich allerdings ändert, sobald die Sonne aufgeht und es warm wird), sondern werden ins Krankenhaus gebracht. Danach werden sie drei Wochen in einem Zimmer eingesperrt, mit nichts als einer Matratze, einer Decke und einem Radio und dürfen keine weiblichen Personen ausser der Grossmutter zu Gesicht kriegen, damit sie auf keine Fälle eine Erektion kriegen und die Narbe aufreissen. Nach diesen drei Wochen hat sie die Beziehung zur Mutter total verändert, die Jungen dürfen beispielsweise ihr Zimmer nicht mehr betreten.

 

Eigentlich hätte die Zeremonie um 10 Uhr beginnen sollen – um 12 warteten wir immer noch im Haus auf die Braut, die vom zwei Stunden entfernten Kisumu hierher kommen und sich umziehen würde. Als sie dann endlich auftauchte, machte ich mich mit all den Brautjungfern und den Männern auf den Weg in die Stadt. Das heisst, wir gingen vom Haus zur Hauptstrasse, wo wir natürlich vergeblich auf ein Matatu wartete, in dem auch nur noch ein ganzer Sitz frei gewesen wäre – mit den schönen blauen Kleidern konnten sie sich nicht einfach hineinzwängen, versteht sich, nicht nur weil es eng ist, sondern auch schmutzig, mit all den Säcken voller Kohle, Mehl, Bananen usw. (und ab und zu natürlich auch ein oder zwei Hühner). Ich hatte mir übrigens ein Jupe von Emma geborgt.

Irgendwer organisierte ein Fahrzeug; ein Pickup kam, und wir zwängten uns zu 14!! hinein… Mir kamen da diese Witze in den Sinn: Wieviele Elefanten passen in ein Cabriolet? Wieviele erwachsene Menschen passen in ein Matatu (Antwort: etwa 30), wie viele in ein normales Auto usw.. (=

 

Wir kamen bei der Kirche an, Emma stellte mich drei Freunden vor und trug ihnen auf, ab jetzt auf mich aufzupassen und zu sehen, dass es mir gut gehe und verliess mich. Worauf wir anderen warteten, weiss ich nicht, jedenfalls quetschten wir vier uns zu der Braut, die inzwischen auch da war, und ihrer 1st maid ins Auto und plauderten – über Politik. Die Braut war nicht im Mindesten aufgeregt, sie führte das grosse Wort in der Diskussion, redete einen Mann, der sich ebenfalls zu uns ins Auto setzte und für den alten Kibaki (den jetzigen Präsidenten) plädierte, in Grund und Boden. Man könne nicht einfach stehen bleiben, man müsse Änderung zulassen und er solle sich davon scheren, sie sei hier die Braut (=

Etwa um 14.00 Uhr, also nur mit 4 Stunden Verspätung, wurde dann die Braut von ihrer Mutter aus dem Auto gehoben und am Eingang der Kirche abgesetzt. Wir anderen betraten die Kirche durch einen anderen Eingang, setzten uns, schauten zu, wie die Braut und der Bräutigam von ihren Eltern eskortiert wurden und schliesslich unter einem Bogen blauer und weisser Ballons aufeinander trafen, sich an der Hand nahmen und feierlich zum Podium schritten, wo sie sich setzten und der Pastor in Kisii zu sprechen begann, was die drei Freunde, denen mich Emma anvertraut hatte und die allesamt selbst keine Kisii sind und nichts verstanden, nach fünf Minuten zu langweilen begann – und ausserdem hatten sie vergessen, ein Geschenk zu kaufen. Ich hatte nichts dagegen, mich mit ihnen davonzuschleichen, und so huschten wir ab in den Supermarkt, auf der Suche nach einem Geschenk. Ich sollte natürlich wissen, was die Braut den gerne haben würde und schlug ein Dinnerset vor. Wir waren fast zwei Stunden im Supermarkt, diskutierten die Vor- und Nachteile eines Toasters, verglichen Bettbezüge mit Couchkissen, betrachteten Vasen und Lampen, und auch der Salontisch wäre doch eine Idee – und schliesslich kauften sie doch ein Dinnerset. Als wir zur Kirche zurück kehrten, strömten die Leute bereits heraus – mist, sogar den Kuss hatten wir verpasst, aber immerhin gab es jetzt bald zu essen, es war schon 16 Uhr und wir hatten alle seit dem Frühstück nichts in den Magen gekriegt.

Fotos wurden geschossen, Lieder für das Brautpaar gesungen, Glückwünsche ausgesprochen, die Geschenke überreicht (ich glaube, das Paar wird mehr als genug Gläser haben in ihrem Haushalt, ich sah irgendwie ziemlich viele Geschenke, die exakt genau gleich gross waren wie meins *gg). Elisabeth tauchte auf und sagte, die Leute fragen, ob ich nicht nach Vorne kommen und etwas sagen könne. Ich wehrte mich vehement, auch wenn es mir leid tat, sie ein drittes Mal zu enttäuschen, ich konnte einfach nicht. Gut, jetzt im Nachhinein denke ich, es wäre nicht soo schlimm gewesen, was wäre schon dabei gewesen und sie hätten sich gefreut über egal was ich gesagt hätte, doch ich war einfach in Panik ausgebrochen ob der Aufforderung, mich dort hin zu stellen.

Das Essen war übrigens ziemlich hässlich… man stellt sich in eine Reihe, bekommt einen Plastikteller und –Löffel, kriegt angebrannten Reis und Bohnen darauf geschaufelt und eine Flasche Soda dazu.

 

Natürlich brachen Emma und ich nicht wie geplant um 17.00 Uhr auf. Wir verblieben mit etwa 6 Kindern, drei Frauen und den drei Freunden Emmas bei der Kirche und versuchten, ein Fahrzeug zu organisieren. Um 18.00 begann es zu regnen, um 19.00 kam ein Matatu, wir stiegen ein. Der Fahrer änderte seinen Preis von 8 auf 12 Franken, was schon zu heftigen Diskussionen führte, er fuhr aber los. Wir kamen von der Kirche bis in die Stadt, bevor der Motor absoff. Der Chauffeur wollte uns erst nicht aussteigen lassen, er kriege das hin, doch wir wollten nun endgültig nicht mehr mit ihm fahren. Also standen wir eine weitere Stunde in der Stadt, um 20.00 holte uns dann ein anderes Matatu ab und endlich ging es los. Nach dreistündiger Fahrt hatten wir eine Panne, nichts ungewöhnliches, mindestens eine Panne in fünf Stunden, das ist ganz okay, es war eigentlich eher abnormal, dass unsere Hinreise ohne Zwischenfälle verlief. Reifenwechsel, nach 30 Minuten ging es schon weiter, um halb zwei Uhr waren wir in Nairobi. 

Daheim waren Emma und ich aber dann erst um 3 Uhr, denn unser Matatu fuhr eine ganz komische Route, fuhr in einer Tankstelle ein, wo sich der Wärter weigerte, zu tanken, fuhren zu einer anderen Tankstelle, wo niemand war, erreichten schliesslich das Depot und wurden dann gefragt: Oh, ihr seid noch da, wo müsst ihr denn hin? Aber sie kehrten um, brachten uns nach Uhuru, keine Frage.

Ich hatte irgendwann gegen Mitternacht eine SMS an Angelina geschrieben, dass ich noch in Kisii sei und erst am Dienstag wieder zur Arbeit kommen werden… sie hat nicht zurück geschrieben, aber naja, ich würde im Projekt sowieso nicht viel hergeben, wenn ich nach vier Stunden Schlaf dort auftauchen würde.

 

 

 

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6.11.2007 – 16.11.2007

6.11.2007

 

Avey liess mich heute in sein Büro rufen und wollte mir 2000 Schilling geben. Das bekämen alle Mitarbeiter, Transportkosten. Einen kurzen Moment lang wollte ich das Geld einfach nehmen, sagte aber dann, dass ICYE den Transport bezahle und ich das Geld nicht vom Projekt bekommen sollte. Ich sagte dies später auch zu Angelina, sie meinte, ich arbeite doch hart und könne mir vom Geld Soda kaufen, bestand dann aber nicht darauf, dass ich es nehme. Leider war ich dann zu scheu, doch eigentlich hatte ich fragen wollen, ob sie von den 2000 nicht eine neue Müllschaufel und einen Mob kaufen könne für den Baby Care, die Schaufel ist nämlich kaputt, und ich ärgere mich jeden Tag, dass der halbe Reis oder das Ugali, das ich aufwische, wieder auf den Boden zurück fällt. Und einen Mob gibt es nicht, der Boden wird mit einem alten T-Shirt aufgenommen, was ziemlich anstrengend ist.

Angelina lud mich ein, am Freitag mit ihr nach Hause zu kommen, das Wochenende mit ihr zu verbringen und am Montag wieder mit ihr ins Projekt zurück zu kommen. Der Gedanke, ein ganzes Wochenende an sie – die übrigens nicht einmal meinen Namen weiss, obwohl ich jetzt schon einen Monat für sie arbeite – zu verlieren, entsetzte mich, und ich entschuldigte mich, ich hätte schon Pläne, vielleicht das übernächste Wochenende.

Über den Mittag ging ich nach St.Bridgets. Ich besuche nun immer Lena und Jona, um ein bisschen Deutsch zu sprechen (= S.Bridgets hat einen neuen Austauscher aus Deutschland, den Pablo. Wir unterhielten uns und er fragte, von wo genau aus Deutschland ich denn komme. Diese Frage schockte mich mehr als dass sie mich beleidigte; habe ich meinen Schweizerakzent nun endgültig verloren??

 

7.11.2007

 

Die Lehrerin der kleinen Schule im Projekt war heute krank. Maria übernahm die Klasse, ich verblieb alleine mit den Kids im Baby Care, Betty war die meiste Zeit draussen und wusch. Maria ist nur noch für ein paar Tage da, dann ist ihr Praktikum abgeschlossen. Mir wurde heute richtig klar, was dann los sein würde im Baby Care: CHAOS! Ich schrie den ganzen Tag herum, die Kinder taten alles, was sie nicht dürfen und nicht tun, wenn Betty oder Maria da sind. Ich war frustriert und verzweifelt, weil ich so nicht weitermachen will und kann.

 

8.11.2007

 

Auf dem Heimweg zu den Matatus geriet ich plötzlich in eine Schar kleiner Mädchen in Schuluniformen, die mich alle zu ihrer besten Freundin machten, mich an den Händen nahmen und die Strasse hinunter eskortierten. Es herrschte ein irres Gedränge auf dem Markt, eine Wahlkampagne, wie sie alle paar Tage durchgeführt wird in letzter Zeit. Die Mauern werden jede Nacht mit neuen Gesichtern tapeziert, Umzüge mit lautstarken Sprechchören lärmen durch die Nachbarschaft und legen den Verkehr lahm…

Ich habe herausgefunden, dass all die Verkäufer, die mit ihren improvisierten Ständen abends die ganze Stadt verstopfen, gar nicht dort sein dürften, im Moment aber von der Regierung nicht vertrieben werden, weil diese sich Freunde machen will für die kommenden Wahlen.

 

9.11.2007

 

Gegen Mittag tönte von irgendwoher laute Musik zu uns herüber, und ich fragte Maria und Betty, was denn los sei. Eine Beerdigung sei es, der Tote war ein Dieb und wurde gesteinigt! Ich konnte es nicht fassen, doch es ist tatsächlich so, dass Menschen hier so ermordet werden…

 

Nach der Arbeit ging ich mit Maria in die Stadt. Sie brachte mich in den Kleidershop eines Freundes und ich kaufte eine tolle Jeans für 16 Franken. Eigentlich wollte sie mir helfen, irgendwo in den Strassen einen billigen Föhn zu finden, doch nach zwei Stunden gaben wir auf und ich entschloss mich, halt doch den teueren Föhn aus dem Supermarkt zu kaufen.

 

12.11.07-14.11.07

 

Regensaison in Kenia, es regnet praktisch jeden Tag, auch wenn es am Morgen nicht danach aussieht, ich es sowieso nicht glaube und im T-Shirt aus dem Haus gehe wie immer. Nach drei Monaten habe ich es immer noch nicht geschafft, einen Schirm zu kaufen, doch irgendwie werde ich selten richtig nass. Nur meine Sandalen sind nun endgültig kaputt: ich blieb im Schlamm stecken und die Riemen sind nun total ausgedehnt. Darum ging ich auf den Massai Markt und kaufte mir neue. Der Verkäufer wollte 500 Schillinge, ich schaute bloss spöttisch und sagte, die letzten hätte ich für 250 gekauft, was zwar nicht stimmt, aber einen Versuch mehr als wert war: Nach einigem Hin und Her gab er mir meine Latschen für meinen Preis!

Maria hatte am Wochenende Geburtstag gehabt und ich wollte ihr als Geschenk ein paar der Fotos entwickeln, die wir damals gemacht hatten, als ich die Kamera mit zur Arbeit nahm. Ich ging in ein Kodakgeschäft und fragte, wie viel es mich koste, 10 Bilder entwickeln zu lassen. 10 Franken war die Antwort, doch als ich sagte, so viel habe ich nicht dabei, waren es plötzlich 7 Franken… Unglaublich, nicht nur auf dem Markt wird gemärtet!! Ich konnte es nicht glauben und ging in ein anderes Geschäft, wo ich die Bilder für 50 Rappen pro Foto entwickeln lassen konnte. Immer noch teuer, aber immerhin, und die Qualität ist super.

Ich hatte auch eines der Fotos von der Hochzeit entwickelt und es daheim auf den

Tisch gelegt, um es Emma zu zeigen, denn ich ging zu Bett, bevor sie nach Hause kam. Das Bild ist verschwunden, sie hats einfach genommen. Manchmal ist es schon komisch hier; Einmal hatte ich für Betty und Maria Nagellackentferner gekauft, ihn im Baby Care deponiert, um ihn ihnen später zu geben – sie waren gerade nicht da. Sie haben sich dann aber einfach selbst bedient, und auch nie danke gesagt. Auch habe ich letzte mein Moskitonetz, das ich vor Wochen gekauft habe, aber über dem Bett nicht installieren kann, weil die Decke einfach zu hoch (und zudem schräg) ist, Betty verkauft. Es kostete ursprünglich 350 Schilling. Sie sagte, sie habe nur 200 und ich sagte, es sei okay. Sie gab mir das Geld, nahm das Netzt und sagte nicht mal danke für das billige nigelnagelneue Netz…

 

15. /16.11.07

 

Ich hatte in der Zwischenzeit nochmals mit Angelina gesprochen und erklärt, dass ich an den Wochenenden jeweils sehr beschäftigt bin und lieber unter der Woche einmal zu ihr zum Übernachten kommen würde. Sie hatte sich einverstanden erklärt. Heute Abend würde ich also mit ihr nach Hause gehen.

Um halb fünf liess mich eine der Mitarbeiterinnen wissen, dass die Direktorin nun im Büro sei und ich zu ihr gehen könne. Ich nahm meinen Rucksack, marschierte ins Büro, wurde dort aber von Angelina zurück in den Baby Care geschickt – ich solle dort mit Betty warten, ihr Mann würde uns abholen kommen, stecke aber im Stau fest, hier im Büro sei es zu langweilig für mich.

Gegen 6 warteten nur noch zwei Kinder darauf, abgeholt zu werden. Es wurde dunkel, Elektrizität gibt’s ja nicht im Baby Care. Die Ratten wurden ganz schön unverschämt und begannen, unter meinem Stuhl durchzurennen. Betty und ich warfen erfolglos Kinderschuhe nach ihnen… Um halb sieben, es war nun endgültig dunkel, kehrte ich ins Büro zurück. Der Ehemann war noch immer nicht aufgetaucht, Angelina kochte mir Tee und gab mir etwas zu lesen, während sie noch irgendwelche Schreibarbeiten zu erledigen hatte. Meine Lektüre lehrte mich, wie ich VorschullehrerInnen unterrichten kann. Nach einer Stunde war ich durch, schlug eine weitere halbe Stunde mit SMSlen tot und begann mich dann langsam aber sicher zu fragen, was Angelina eigentlich von mir wollte. Ich hatte angenommen, sie möchte mich besser kennen lernen, also mit mir plaudern, doch auch als sie ihre Schreibarbeit beendet hatte und sah, dass ich nicht mehr am Lesen war, machte sie keine Anstalten, eine Konversation zu starten – sie nahm die Zeitung und begann zu lesen! Dann tauchte eine Freundin von ihr auf, und die beiden stürzten sich in eine Diskussion über Politik, in Kiswahili selbstverständlich, und ignorierten mich völlig. Kurz nach 9 tauchte dann Angelinas Mann auf, wir stiegen alle ins Auto, wo Angelina sich weiter mit ihrer Freundin unterhielt, bis wir sie bei ihr zu Hause abgesetzt hatten. Kurz darauf waren wir bei Angelina daheim – es war inzwischen 10 Uhr, ich wurde im Wohnzimmer vor dem Fernseher deponiert, Angelinas Mann wünschte mir eine gute Nacht und ging, sie selbst verschwand nach irgendwo. Eine Stunde später tauchte sie wieder auf, setzte sich zu mir und wir assen vor dem Fernseher. Um halb zwölf fragte Angelina, ob ich müde sei, gab mir den Schlüssel zu einem Raum, verabschiedete sich und liess mich allein. Das Bett war winzig, ich konnte nicht einmal richtig die Beine strecken, doch egal, endlich durfte ich schlafen!

Irgendwann in der Nacht begann es zu regnen, als ich um 6 Uhr aufwachte, goss es immer noch wie aus Kübeln – doch ich musste aufs Klo! Alle Räume des Hauses gehen auf einen Gang hinaus, der nicht überdacht ist… ich hatte keinen Regenschirm und war tropfnass, als ich in meinem Zimmer zurück war.

Kurz nach 7 kam Angelina mich wecken und wir frühstückten zusammen. Und endlich sprach sie mit mir! Das heisst, sie redete – sie erzählte mir ihre Lebensgeschichte:

 

Als sie 17 Jahre alt war, überredete einer ihrer Verwandten Angelinas Eltern, ihre Tochter mit einem seiner Freunde zu verheiraten. So wurde Angelina mit einem älteren Wittwer, der bereits 6 Kinder hatte, in die Ehe gezwungen (das zweitälteste Kind war so alt wie Angelina selbst zu diesem Zeitpunkt!). Drei Jahre lang blieb Angelina im Haus ihres Ehemannes, wo sie mehr oder weniger in die Rolle eines unbezahlten Hausmädchens gezwungen worden war. Dann floh sie mit ihren beiden Kindern, die sie in der Zwischenzeit bekommen hatte, ins Haus ihrer Eltern. Diese wollten sie eigentlich zu ihrem Mann zurück schicken, doch als Angelina drohte, sich das Leben zu nehmen, liessen sie ihre Tochter bleiben. 13 Jahre lang lebte Anglina nun mit ihren Eltern zusammen, arbeitete als Sekretärin, zog ihre Kinder auf. Dann heiratete sie ein zweites Mal, ihren jetzigen Ehemann, ebenfalls ein Wittwer mit zwei Töchtern. Die erste dieser Töchtern stahl sich mit 14 aus dem Internat, auf dem sie war und heiratete. Als Angelina und ihr Mann herausfanden, dass sie nicht mehr auf der Schule war – denn die Schule meldete ihr Fernbleiben nicht, wenn ein Kind nicht mehr zur Schule kommt, wird automatisch angenommen, die Eltern seien nicht mehr länger fähig, das Schulgeld zu bezahlen und hätten das Kind nach Hause geholt – war das Mädchen bereits schwanger… Angelina holte sie zurück ins Haus, ein paar Jahre später lief sie aber mit der Tochter, die sie inzwischen hatte, wieder davon und zurück zu dem Mann, den sie damals mit 14 geheiratet hatte – und wurde ein zweites Mal schwanger… Wiederum holte sie Angelina zurück, gab ihr Arbeit in ihrem Projekt. Alles war gut, bis sie ein drittes Mal schwanger wurde und nicht mehr arbeiten konnte. Ich hatte diese Tochter einmal getroffen, sie war ins Projekt gekommen, und hatte ihr Baby herumgezeigt. Ich hatte aber nicht gewusst, dass dies Angelinas Stieftochter ist – und schon gar nicht, dass dies ihr drittes Baby ist – ich schätzte ihr Alter um die 22 herum…

Die Geschichte der zweiten Stieftochter ist relativ ähnlich, auch sie ging früh von der Schule ab, weil sie schwanger war...

Aus dieser zweiten Ehe hat Angelina keine Kinder, ihr Sohn ist in Europa, die Tochter auf der Uni. Sechs Waisenkinder hat Angelina bei sich aufgenommen, 5 davon gehen aber irgendwo aufs Internat. Im Haus mit Angelina und ihrem Mann leben neben der Tochter eine Hand voll Grosskinder der Stieftöchter.

 

Nach dem Frühstück fuhren wir mit dem Bus ins Projekt zurück. Es regnete immer noch sehr stark und Angelina gab mir Regenmantel und Regenhut (= Im Bus bekam Angelina einen Telefonanruf und ein Freund erzählte ihr, dass die Studenten einer Schule in der Nachbarschaft die Schlafräume niedergebrannt hatten, weil der Direktor sie nicht hatte nach Hause gehen lassen, obwohl die Studenten hatten wählen gehen wollen… Ausserdem wurden am Vortag bei einer Kampagne 10 Leute erschlagen… Aber laut den Nachrichten im Fernseher verlaufen die Wahlen total friedlich…

 

Auf dem Weg vom Bus zum Projekt „duschte“ mich ein Matatu, das neben mir durch eine Knietiefe Pfütze raste. Einen Moment später blieb ich mit dem einen Fuss so arg im Schlamm stecken, dass ich die Hände zu Hilfe nehmen musste, um mich selbst zu befreien. Ich war nicht mehr so dreckig gewesen seit dem Ausflug nach Naivasha. Ausserdem war ich frustriert und wütend auf Angelina, weil diese ganze Geschichte mit zu ihr nach Hause gehen und blabla so ein riesiger Witz gewesen war, und so ging verliess ich das Projekt, sobald die Kinder schliefen und ging einfach nach Hause.

Emma, die seit zwei Wochen nicht mehr zur Arbeit ging – sie hat Probleme mit dem Rücken und wurde von ihrem Arzt für 14 Tage krankgeschrieben, lag bäuchlings auf dem Bett und kicherte vor sich hin. Ich näherte mich vorsichtig und fragte, ob alles in Ordnung sei. „Ah, it’s you, Flurina, imagine, i’m soooo high!“  - indeed!

Aus purer Langeweile hatte Emma diesen Vormittag eine ganze Flasche Wein getrunken (jaja, hört sich lächerlich an für alle, die öfters trinken, doch wenn man sich Alkohol nicht gewöhnt ist, hat so ein Fläschchen schon seine Wirkung, besonders auf nüchternen Magen). Emma bestand darauf, mir die leere Flasche zu zeigen – als ob ich ihr nicht geglaubt hätte, sie konnte keinen Schritt tun, ohne irgendwo anzustossen, und ausserdem sagte sie, die sonst nie auch nur „scheisse“ sagt, die ganze Zeit: Fuckshit! Oder Shitfuckfuck.

Doch das Schlimmste: Sie wollte unbedingt in einer Stunde aus dem Haus, um in den Unterricht aufs College zu gehen! Ich machte ihr klar, dass sie in diesem Zustand nicht aus dem Haus könne, doch weil sie unbedingt gehen wollte, beschloss ich, sie zumindest etwas auszunüchtern. Ich kochte schwarzen Kaffee, während Emma mit EINEM Schuh zum Kiosk stolperte, um Kredit fürs Handy zu kaufen. Sie kam zurück, ich platzierte sie in einem Sessel, die Tasse auf einem Tischchen davor. Sie stiess ans Tischchen, verschüttete den Kaffee und rief dann ihren Verlobten in Dubai an. Um diese Uhrzeit eine schlechte Idee – sie weckte ihn auf. Trotzdem vertelefonierte sie 200 Schillinge, dann hatte sie kein Guthaben mehr und begann zu heulen, sie vermisse ihn so und überhaupt, die Liebe. Ich war total überfordert, hatte ich doch null Erfahrung mit Betrunkenen. Und die Zeit begann zu vergehen und Emma wollte sich nicht dazu überreden lassen, nicht zum Unterricht zu gehen. Also schrieb ich ein Hilfeschrei-SMS. Antwort: Make sure that she has something to eat. Okay, kochen. Ja, da war noch etwas von den Kuhinnereien übrig. Emma fand sowieso, dass sie hungrig sei. Sie wollte die Innereien selbst aufwärmen, während ich Brot kaufen ging. Ich kam gerade rechtzeitig zurück um zu sehen, wie Emma die heisse Pfanne ohne Lappen vom Gaskocher hob… Ich löffelte den Pfanneninhalt auf einen Teller, während sie ihre Finger kühlte. Als nächstes hob sie den Teller an und wollte den noch fast kochend heissen Saft der Innereien schlürfen, wobei sie sich zu den Fingern nun auch noch die Zunge verbrannte. Ich eskortierte sie zurück in ihren Sessel, wo sie einen weiteren Teil des Kaffees verschüttete und dann zu essen begann (und wie sie ass; Tisch und Boden um den Sessel herum sahen arger aus als der Baby Care nach dem Mittagessen). Während sie ass, philosophierte sie weiter über die Liebe, dann kam ihr plötzlich in den Sinn, wie ich ihr erzählt hatte, dass ich mein Arbeitsprojekt wechseln möchte, und sie wünschte mir viel viel Glück für die Zukunft.

Die ganze Angelegenheit wäre vielleicht lustig gewesen, wenn Emma nicht so stur darauf beharrt hätte, aus dem Haus zu gehen. Ich begann wirklich Angst zu kriegen, denn der Verkehr hier in Nairobi ist schon gefährlich, wenn man nüchtern ist… Wie zum Teufel sollte Emma in oder aus einem Matatu steigen?? Ich argumentierte damit, dass sie sich doch sowieso nicht konzentrieren könne in der Klasse, doch sie wollte nicht hören.

Dann wollte sie unbedingt nochmals ihren Verlobten anrufen, um sich fürs wecken zu entschuldigen (der schlief in der Zwischenzeit bestimmt schon wieder). Ich sagte, ich würde zum Kiosk Kredit kaufen gehen für sie, ob ich ihre Schuhe ausleihen könne. Ich fand nur den einen, fragte, wo der andere sei, sie beugte sich aus dem Sessel, um den zweiten Schuh darunter hervor zu ziehen – und fiel prompt kopfüber aus dem Sessel! Das war der Punkt wo ich beschloss, sie eher K.O. zu schlagen als aus dem Haus zu lassen…

Ich kam zurück und überredete Emma, sich doch eine halbe Stunde hinzulegen, in der Hoffnung, sie würde einschlafen. Sie legte sich aufs Sofa, stand aber zehn Minuten später wieder auf, wankte aufs Klo und übergab sich.

Zurück in der Küche machte sie sich ein Glas Sirup und erklärte mir, sie fühle sich jetzt schon sehr viel besser und könne zur Schule gehen, während sie das Glas so schräg hielt, dass sie den Sirup auf den Boden schüttet -  was sie allerdings nicht bemerkte. Ich hatte langsam die Nase voll davon, den ganzen Boden hinter ihr her zu schrubben, nur weil sie aus Langeweile auf dumme Ideen kommt und sich betrinkt! Ich sagte ihr, dass sie nirgendwohin gehe und dass ich ihre Mutter anrufen  und dieser alles erzählen werde, falls sie versuche, die Tür zu öffnen. Emma legte sich dann aufs Sofa und erklärte sich einverstanden, halt erst zur zweiten Unterrichtsstunde zu gehen. Ich wusste, sie würde nie einschlafen im Wohnzimmer, und als sie nicht ins Bett wollte, drohte ich ihr damit, dass auf dem unbequemen Sofa ihr Rücken wieder zu schmerzen beginnen werde und ich ihren Arzt anrufen und ihm erzählen werde, dass sie sich nicht an die Regeln halte und nicht auf sich aufpasse – aus irgend einem Grund hat Emma Angst vor ihrem Arzt, und ich weiss das. Jedenfalls geriet sie in Panik und ging zu Bett (ich habe übrigens weder die Nummer ihrer Mutter noch die ihres Arztes).

Ich begann dann, zu putzen und zu waschen, Emma schlief nicht, sondern rief alle paar Minuten: „Flurinaaaa, i’m feeling better now, can I go to class?“ Ich rief bloss „no!“ zurück und sie sagte kleinlaut okay und fragte später wieder – wie ein kleines Kind!

Mein Gott, ich bin froh, war Emma zu betrunken, um sich daran zu erinnern, wie ich sie herumkommandiert und ihr gedroht hatte (= Ihr war die ganze Sache dann am nächsten Tag ganz schön peinlich, doch inzwischen reden wir nicht mehr darüber *gg.

 

 

 

                         

                          Es tut mir leid, dass meine Berichte in letzter Zeit etwas kurz und wohl auch sprachlich nicht all zu überzeugend ausfallen… ich komme im Moment kaum mehr zum Schreiben, und wenn ich Zeit hätte, dann bin ich zu müde und schalte den Laptop nur noch ein, um mir einen Film anzuschauen (Momentan kann man auf der Strasse für 4 Franken 17 Filme kaufen, *gg).

 

20.11.07 16:08, kommentieren